Sara Khaimova

»Ich habe es erst hier gelernt«

Wie grün es in Deutschland ist! Wenn ich aus meinem Fenster im zweiten Stock eines Plattenbaus in Göttingen schaue, sehe ich Bäume und saftiges Gras. In Usbekistan, wo ich geboren bin, ist es im Sommer sehr trocken. Es regnet dort nicht so oft wie hier. Heute scheint in Göttingen mal wieder die Sonne. Nachher werde ich Fahrrad fahren. Das habe ich erst in Deutschland gelernt – mit über 50 Jahren! In Usbekistan ist Radfahren nicht üblich. Meinem Sohn Roman verbot ich es früher sogar. Es erschien mir zu gefährlich, denn es gibt dort keine Radwege.
Auch meinem Mann Abram tut Bewegung gut. Er ist schon 75 Jahre alt. Wegen seiner Herzprobleme sind wir 1999 nach Deutschland gekommen. In Usbekistan konnte er nicht behandelt werden. Innerhalb eines Jahres hatten wir die Ausreisepapiere zusammen. Gemeinsam mit unseren Kindern, der damals 17-jährigen Swetlana und dem zwölfjährigen Roman, flogen wir nach Frankfurt am Main. Wir konnten kein Wort Deutsch. Anders als die aschkenasischen Juden, von denen einige über das Jiddische einen Bezug zum Deutschen haben, war uns die Sprache völlig fremd. Wir sind bucharische Juden, wir sprechen einen persischen Dialekt. Auch in der religiösen Praxis gibt es Unterschiede. Wir folgen dem sefardischen Ritus. Ein Gott – verschiedene Sitten. Probleme deshalb haben wir aber nicht miteinander. Eine Tante von mir ist glücklich mit einem Aschkenasen verheiratet.
Damals am Frankfurter Flughafen half uns eine Russin, den Zug nach Norden zu finden. Wir mussten nach Niedersachsen zum Grenzdurchgangslager Friedland. Ein halbes Jahr habe ich Deutsch gelernt. Die Sprache fällt mir immer noch schwer. Ich kann mir die Worte schlecht merken. Mit meinem Mann rede ich persisch, mit meinen Kindern russisch. Außerdem spreche ich auch Usbekisch. Das ist dem Türkischen ähnlich. Ich verstehe die Türken, sie mich aber nicht.
Um mein Deutsch zu verbessern, habe ich bis Anfang des Jahres einen Integrationskurs besucht. Es gehörte dazu auch ein Praktikum. Das habe ich in einer persischen Änderungsschneiderei gemacht. Als junges Mädchen habe ich nämlich Schneiderin gelernt. Ich arbeitete 15 Jahre in einem Betrieb, der Maßanzüge herstellt. Später war ich Schuhmacherin. Diesen Beruf hat auch mein Mann ausgeübt. Heute bin ich wegen meiner Gesundheit nicht voll einsatzfähig. Das macht es besonders schwer, Arbeit zu finden. Dabei würde ich mein Geld gern selbst verdienen. Ich bin doch erst 55, und die Sozialhilfe reicht oft nicht.
Mein Sohn – er ist inzwischen 21 Jahre alt – hat vor einigen Wochen seine Ausbildung zum Zahntechniker beendet. In dem Bereich werden aber gerade Stellen abgebaut, weil viele ihren Zahnersatz in China fertigen lassen. Roman will jetzt das Fachabitur machen. Das deutsche Bildungssystem ist sehr gut: Wer Köpfchen hat, kann alles erreichen. In Usbekistan braucht man Geld und Beziehungen. Swetlana, unsere Tochter, – sie ist 26 Jahre alt – hat Krankenschwester gelernt.
Mein Vater und mein Großvater waren Friseure. Ich selbst kann auch Haare schneiden. Mein Urgroßvater war ein vermögender Kaufmann. Die Kommunisten unter Stalin haben ihn enteignet und dann ins Gefängnis gesteckt, um ihm das letzte Geld abzupressen. Vielen bucharischen Juden erging es damals so. Das war der Grund für die erste große Auswanderungswelle. Auch in den 70er- und 80er-Jahren verließen viele von uns die Sowjetunion.
Meine Schwester ist nach Israel gegangen. Sie hat später meinen Vater bei sich aufgenommen. Als er vor vier Jahren starb, fuhr ich hin. Auch ein Bruder von mir lebt in Israel. Meine beiden anderen Brüder sind in die USA ausgewandert. Wir Geschwister haben alle Usbekistan verlassen.
Obwohl ich hier in Deutschland nicht berufstätig bin, habe ich doch gut zu tun. Ich stehe um 7 Uhr auf und frühstücke mit meinem Mann und meinem Sohn, der noch bei uns wohnt. Es gibt Butterbrote, manchmal brate ich Eier. Das Einkaufen übernimmt Abram. In unserem Stadtviertel wohnen viele Einwanderer. Es gibt etliche türkische und russische Geschäfte. Aber die sind ziemlich teuer. Mein Mann geht deshalb lieber in den deutschen Supermarkt. Abram braucht keinen Einkaufszettel, er nimmt die Sonderangebote.
In Buchara holten wir alles frisch vom Markt. Gurken habe ich immer selbst eingelegt. In Deutschland kaufen wir sie im Glas. Die sind sehr günstig, schmecken aber nicht so gut. Es ist zu viel Essig drin. Ich habe immer nur einen Teelöffel auf ein ganzes Glas genommen. Ungewohnt war anfangs auch der Hühnchenkauf. In Usbekistan gab es nur lebende Tiere. Wir schlachteten selbst.
Wenn Abram vom Einkaufen kommt, schaue ich, was ich koche. In meiner alten Heimat gibt es viele leckere Gerichte. Pilau zum Beispiel, ein Reisgericht, und Börek, ein Teiggebäck mit Fleisch- und Zwiebel-Füllung. Gut schmeckt auch Bakhsch, das besteht aus Reis, Gemüse, Leber und frischem Koriander. Die Mischung wird in einen Baumwollsack gefüllt und zwei Stunden gekocht. Sehr lecker! Manchmal grille ich Schaschlik oder Hühnchen, oft essen wir Salat.
Auch nachmittags habe ich immer etwas zu tun. Gestern war Waschtag. Seit drei Jahren habe ich wie früher in Usbekistan eine eigene Waschmaschine. Auf die bin ich stolz. Sie ist sehr stilvoll. Früher musste ich die Gemeinschaftsmaschine im Keller benutzen. War das eine Schlepperei!
Eines meiner Hobbys sind Pflanzen: Auf der Fensterbank ziehe ich Orchideen. Das macht mir großen Spaß. In Usbekistan hatte ich einen Garten, in dem Aprikosen, Wein und Äpfel wuchsen – herrlich! In Deutschland habe ich mal versucht, auf dem Balkon Tomaten zu ziehen. Es hat nicht geklappt.
Vorgestern hatte ich Besuch von meinen Freundinnen. Die meisten sind jüdische Zuwanderer aus Russland, der Ukraine und Kasachstan. Auch zwei Russlanddeutsche gehören zu unserem Kreis. Wir haben gemeinsam Tee getrunken, und es gab Kekse. Es tut so gut, miteinander zu reden! Der Gesprächsstoff geht uns nie aus: Familie, Gesundheit, Arbeit. Wir vergleichen unser Leben hier mit früher. Uns beschäftigen die steigenden Preise. Hier wird alles immer teurer.
Zu Deutschen habe ich kaum Kontakt. Das liegt sicher daran, dass ich die Sprache nicht so gut beherrsche. Auch von den Arabern, Persern und Türken hier im Viertel kenne ich kaum jemanden.
Meine Lieblingsbeschäftigung ist Lesen. Ich liebe die russischen Klassiker: Puschkin und Tschechov, Tolstoi und Dostojewski. Aber ich mag auch moderne Autoren wie Elena Jeserskaya. Außerdem lese ich russische Zeitungen wie Literaturnaja Gaseta oder Argumenty i Fakty. Oft höre ich klassische Musik: Ich liebe Mozart. Abends sitzen wir vor dem Fernseher. Über Satellit empfangen wir russische Programme. Manchmal sehen wir auch Spielfilme auf Deutsch.
Freitagabend zünde ich immer zwei Schabbat-Kerzen an. Manchmal backe ich Challa. In der ersten Zeit in Göttingen sind wir auch zum Gottesdienst gegangen, zu den Aschkenasen. Doch für meinen Mann war es ein so ungewohnter Anblick, dass dort Frauen aus der Tora lesen. Die Gemeinde hat sich inzwischen gespalten. Es gibt nun eine liberale und eine konservative Gruppe. Aber wir sind nur noch gelegentlich dort. Wir feiern die jüdischen Feste in der Familie, so wie früher zu Zeiten der Sowjetunion.

Aufgezeichnet von Michael Caspar.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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