miriam magall

»Ich erzähle einfach und brutal«

Meine Woche beginnt am Sonntag. Das bin ich von Israel so gewohnt. Ich schaue auf meinen Kalender, um zu sehen, wo ich überall sein werde, wo man mich erwartet, wo ich am Vormittag bin und wo am Nachmittag. Sonntags führe ich oft durch unsere neue Münchner Synagoge am Jakobsplatz. Im Moment mache ich das acht- bis zehnmal pro Monat. Es kommen Kirchengruppen, Leute aus der Volkshochschule oder einfach Interessierte. Synagogenführungen habe ich schon in der alten Synagoge in der Reichenbachstraße gemacht und ebenso in Heidelberg, wo ich vorher gelebt habe.
Die neue Synagoge! Sie ist ein Hammer. Architektonisch so gelungen! Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich sie betrete und hoffe sehr, dass ich meine Begeisterung weitergeben kann. Ich versuche, jeden Schabbat zum Gottesdient zu gehen. Vor Kurzem habe ich gefehlt, weil ich in meiner Küche gestürzt war. Wenn ich in der Synagoge stehe, habe ich das Gefühl, dass meine Gebete direkt in den Himmel getragen werden. Das macht die Architektur.

mittlerin Über das jüdische München und die neue Synagoge gibt es ein Buch von mir, so wie es auch schon eines über das jüdische Heidelberg gibt. Ich verstehe mich als Mittlerin, die Nichtjuden das Judentum erklärt und ihnen zeigt, dass Juden normale Menschen sind. Die essen vielleicht ein bisschen anders, beten ein bisschen anders, haben aber keine Hörner und Pferdefüße. Am Ende einer Führung sage ich immer: »Ich hoffe, dass Sie vor allem eines mitnehmen: Juden sind normale Menschen.« Im »Gang der Erinnerung«, der unterirdisch zur Synagoge führt, erzähle ich einfach und brutal, was damals passiert ist. Ich spüre dann echte Betroffenheit. Keiner sagt mehr etwas. Viele schütteln den Kopf. Sogar die Schulkinder, die gerade noch über alle Ohren gegrinst haben, werden still. In der Synagoge mache ich schnell ein paar Witze, jüdische natürlich, damit sie wieder fröhlich werden. Sie sollen hier ja zufrieden heraus.

konfrontation Später stellen die Leute Fragen. Meistens wollen sie etwas über die Feiertage wissen, über koscheres Essen, oder wer Hebräisch spricht. Etwa bei jeder fünften Führung ist ein Mensch dabei mit einem bösartigen Unterton. Als ich einmal erzählt habe, wie unsere Gelehrten zur Stammzellenforschung stehen, rief ein Herr ganz empört: »Wie kann man sich nur erlauben, ungeborenes Leben zu töten!« Ich mag keine Konfrontation und sage einfach, dass man im Judentum ein bisschen anders denkt als er. Oder jemand erzählt mir, wie grausam das Schächten ist. Ich gehe nicht lange darauf ein, sondern zitiere einfach unsere großen Rabbiner, die gesagt haben, dass Schächten die tierfreundlichste Art sei, Tiere zu töten. Dazu hat mir unser Rabbiner geraten. Die Sicherheitsvorkehrungen um unser Gemeindezentrum herum sind natürlich auch oft ein Thema. Ich zähle dann auf, welche Anschläge es von 1970 bis heute allein in München gegeben hat.

bücher Antisemitismus in Deutschland? Der gedeiht. Die Schonzeit ist vorbei. Das wird Thema eines meiner nächsten Bücher sein. Bei mir dreht sich alles ums Schreiben. Beim letzten Umzug hatte ich 135 Kartons voller Bücher und Papiere und vier Kartons Kleider. Das sagt alles. Übersetzt habe ich 285 Bücher, daneben gibt es Sachbücher und neuerdings auch Romane von mir. Früher habe ich mehr übersetzt, von morgens bis abends, zehn bis zwölf Bücher pro Jahr. Ich übersetze aus dem Englischen, Französischen, Hebräischen, Jiddischen oder Spanischen ins Deutsche und ins Englische.
Seit mein Sohn Ya’ir, der Filme macht, praktisch keinen Unterhalt mehr von mir braucht, Gott sei’s gedankt, bin ich in der Arbeit freier. Unter meinem Schriftstellernamen Rachel Kochawi kam vergangenes Jahr mein erster Roman Die Blut-Braut heraus, dieses Jahr das Buch Nakajima und für nächstes Jahr ist meine Lebensgeschichte geplant.

herkunft Ich bin ein »verstecktes Kind«, ein Terminus technicus für Kinder, die versteckt die Schoa überlebt haben. In der Zeit zwischen 1942 und 1945 habe ich meine ersten Lebensjahre in einem Keller verbracht. Meine Eltern habe ich nie mehr gesehen. Weiter über diese Zeit sprechen möchte ich nicht, ich schaffe das emotional nicht mehr. Nächstes Jahr kann man es nachlesen. Meine Eltern kamen aus Warschau. Aus ihrer Ketuba, dem Ehevertrag, habe ich erfahren, dass ich Jüdin bin. Das war am letzten Tag, bevor ich die deutsche Familie, bei der ich aufgewachsen bin, als 16-Jährige verlassen habe. Ich wollte weg von ihr, und das hatte seinen Grund.
Ich bin alleine los, zunächst nach Genf. Nächste Stationen waren England, wo sich eine gute Familie meiner annahm, dann kamen Heidelberg und Saarbrücken und schließlich Israel. Anfang 1969 nahm ich von Neapel aus ein Schiff nach Haifa. Als freiberufliche Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin eröffnete ich ein Übersetzerbüro, heiratete zu schnell und wurde reich mit meiner eigenen Firma. Mit Kleidern, Spielzeug, Büchern und einem kleinen Sohn kehrte ich nach der Scheidung nach Deutschland zurück und nahm Kontakt auf mit dem Europarat. Und weil ich dort die schwierigste aller Übersetzerprüfungen bestanden habe, stand mir die Dolmetscherwelt offen. Zunächst musste ich mich aber neu organisieren. Mein ganzes Geld hatte ich bei meinem Mann gelassen, damit er mir meinen Sohn ließ. Ich suchte mir neue Kunden und übersetzte wie verrückt. Durch Schriftstellerstipendien konnten mein Sohn und ich uns Reisen leisten und die Welt kennenlernen.

studium 1994 habe ich auf dem Abendgymnasium mein Abitur nachgemacht und sogar einen Preis bekommen für die beste Leistung im Fach Deutsch. Das war der einzige Preis, den ich je bekommen habe. Ich studierte Germanistik, Sprachwissenschaft, Mediävistik, Kunstgeschichte und schließlich Judaistik in Heidelberg. 2002 zog ich nach München, weil mein Sohn einen Platz an der Filmhochschule bekommen hatte und ich nicht allein in Heidelberg bleiben wollte.
Der Umzug hat sich gelohnt. Mein Kalender bestätigt das. In Arbeit ist gerade mein Kochbuch für jüdische Feiertage. Seit zwei Jahren sammle ich Rezepte dafür. Es wird endlich beweisen, dass koscheres Essen schmecken kann. Und immer wieder spüre ich dem deutschen Antisemitismus nach. Als Sprachwissenschaftlerin knöpfe ich mir die neuere deutsche Literatur vor. Grass und Walser und so. Also bei Grass, da gibt es Passagen, die sind dermaßen anti-semitisch! Die nehme ich unter die Lupe und zerreiße sie. Und Walser ist nicht besser. Niemand würde, wenn er kein Arzt ist, ein Buch über Herzkrankheiten schreiben, aber jeder erlaubt sich, über Jüdisches zu schreiben. Nicht, dass ich diese Leute Antisemiten nennen würde, aber sie bedienen sich antisemitischer Klischees. Blöd ist, dass viele diesen Intellektuellen, die nicht wissen, was sie da sagen, so an den Lippen hängen. Das ist der eigentliche Grund, warum ich mich so darum bemühe, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen, damit da nicht immer nur Broder, Brumlik, Wolffsohn oder Friedman sitzen, damit man merkt, da gibt es noch mehr, die sich auf hohem Niveau wehren können. Ich bin Jüdin, und ich habe dazu einiges zu sagen.

arbeit Am Montag habe ich mit verschiedenen Verlagen telefoniert und Briefe geschrieben. Ich muss für meine Bücher Werbung machen. Das ist Arbeit. Zum Beispiel ist es gar nicht so einfach, einen Text, in dem Israel positiv wegkommt, zu veröffentlichen. Am Dienstag war ich in Unterföhring und habe an der Volkshochschule über das Judentum erzählt. Inzwischen halte ich meine Vorträge nicht nur in München, sondern im ganzen Umland. Baruch ha schem, Gott sei’s gedankt, dass ich diese Arbeit habe! Jeder weiß, wie teuer München ist. Mittwochabend habe ich eine Einladung der Stadt zur Verleihung des Übersetzerpreises wahrgenommen. Und Frei- tagabend haben wir, mein Sohn, seine Freundin und ich, Kabalat Schabbat gemacht. Ich war in der Synagoge. Und schon war wieder Sonntag. Ohne meinen Kalender wäre ich aufgeschmissen.

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