Juden im Iran

»Ich befürchte Racheakte«

Herr Amir, im Iran lebt nach Israel die größte jüdische Gemeinde in Nahost …
amir: Vor der Islamischen Revolution lebten noch etwa 80.000 Juden im Iran. Sie waren gut gebildet, wohlhabend und gehörten zum überwiegenden Teil der Mittelschicht an. Jetzt sind es noch etwa 17.000, denen es im Vergleich zu früher miserabel geht. Sie dürfen keine Positionen im öffentlichen Dienst bekleiden, ihre Schulen wurden geschlossen und konfisziert. Als Individuen mögen sie Sicherheit genießen, nicht aber als Gemeinschaft.

Steht der jüdischen Minderheit nicht ein Quotensitz im Parlament zu?
amir: Ja. Diese Regelung stammt noch aus der Zeit des Schah und wurde beibehalten. Sie ändert aber nichts an der Tatsache, dass der schiitische Islam offizielle Religion des Iran ist. Alle Minderheiten – dazu gehören auch Christen, Anhänger der altiranischen Religion des Zarathustra oder sunnitische Muslime – werden gesetzlich diskriminiert. Sie müssen sich streng der offiziellen politischen Linie unterordnen. Selbst wenn sich US-Präsident George W. Bush kritisch zur Lage im Iran äußert, bekommen Juden mehr Druck zu spüren.

Wie wirkt sich die radikal antizionistische Linie des Präsidenten Machmud Ahmadinedschad aus?
amir: Es liegt dem Regime viel daran zu betonen, dass die »Iraner mosaischen Glaubens« nichts mit anderen jüdischen Gemeinschaften der Welt oder gar mit dem Zionismus und Israel zu tun haben. Und dass man dieser Minderheit Toleranz zeigt. Das aber ist eine Fassade, die die »Großherzigkeit« und Überlegenheit der Schiiten demonstrieren soll.

Hat sich deren Situation unter Präsident Ahmadinedschad verschlechtert?
amir: Nachdem er in einer Rede die Schoa zum ersten Mal öffentlich leugnete, schrieben Harun Jeschajahi, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Teheran, und der jüdische Parlamentsabgeordnete Morris Motamed einen Protestbrief. Kritik zu wagen, war ein absolutes Novum. Beide wurden sofort ihrer Posten enthoben. Im Übrigen geht es allen Minderheiten schlechter.

Hätten Juden im Fall eines israelischen Militärschlags Repressionen zu fürchten?
amir: In Israel nimmt man dieses Problem sehr ernst. Ich kann natürlich nicht vorhersagen, was passiert. Aber ich befürchte, einige Gruppen innerhalb des Regimes könnten dann Racheakte gegen die jüdischen Gemeinden verüben. Die israelische Regierung versucht, iranische Juden zur Auswanderung zu bewegen. Bislang ohne großen Erfolg.

In der arabischen Welt gibt es ein hohes Maß an Antisemitismus. Hitlers »Mein Kampf« und die »Protokolle der Weisen von Zion« sind dort Verkaufsschlager. Gilt das auch für den Iran?
amir: Solche Schriften sind auch im Iran weit verbreitet. Aber die Diskriminierung der Juden basiert auf dem Verständnis der Überlegenheit des schiitischen Islam und nicht auf einem aus Europa importierten Antisemitismus. »Mein Kampf« oder die »Protokolle« dienen eher als politische Waffe gegen Israel.

Wie erklären Sie den radikalen Israel-Hass des iranischen Regimes?
amir: Es gibt religiöse, ideologische und strategische Gründe: Juden gelten als unrein. Schon deshalb muss Palästina als muslimisches Land von den Juden befreit und das Kalifat wieder errichtet werden – dieses Mal durch die rechtmäßigen Erben Mohammeds, nämlich die Schi’a, also die Anhänger Alis, des Schwiegersohns des Propheten. Zudem strebt der Iran eine Vormachtrolle in der islamischen Welt an und zwar auch, indem er den arabischen Regimes zeigt: Ihr habt die Palästinenser betrogen, aber wir Schiiten zeigen unsere Überlegenheit als Moslems. Wir kämpfen mit allen Mitteln für sie.

Wenn Ahmadinedschad vom »zionistischen Besatzer-Regime« spricht, dann hat er nicht West Bank, Gasa und Ost-Jerusalem im Sinn?
amir: Nein. Ahmadinedschad begreift die Zerstörung Israels als Teil eines Heilsplans. Er glaubt an die Wiederkehr des Mahdi, des verschwundenen 13. Imam, mit der eine Zeit der absoluten Gerechtigkeit anbricht. Nach schiitischer Auffassung ist das Judentum integraler Bestandteil des Christentums und dieses der Hauptgegner des Islam. Ahmadinedschad spricht in seinen Reden ganz offen vom Kampf des Islam mit dem Christentum und der westlichen Zivilisation, die für ihn synonym sind. In der ersten Phase dieser Konfrontation muss Israel zerstört werden. Jeder gute Muslim habe sich dafür aufzuopfern, denn Märtyrer zu werden sei das Erstrebenswerteste überhaupt für einen Rechtgläubigen.

Mit dem langjährigen Leiter des persischen Programms im israelischen Hörfunk »Kol Israel« sprach Sylke Tempel.

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