Leo Baeck

Hüter in dunkler Zeit

von Avraham Barkai

»Migesa Rabanim« – aus dem Stamme von Rabbinern – ist in hebräischen Buchstaben neben seinem Namen und Lebensdaten die einzige Inschrift auf dem Grabstein Leo Baecks in London. So wollte er es. Sein Leben lang sah er sich in erster Linie als Rabbiner. Seine Schriften waren über die Grenzen Deutschlands bekannt, wo er seit 1922 an der Spitze des Rabbinerverbands und anderer zentraler jüdischer Organisationen wirkte.
Aber diese Verdienste allein hätten ihm wohl kaum die achtungsvolle Berühmtheit verschafft, die mit seinem Namen verbunden ist. Leo Baeck gilt als ein Mann, der bis zum tragischen Ende auf seinem Posten als Hirte der deutsch-jüdischen Gemeinschaft blieb.
Anfang 1933 erkannten die Führer der Juden in Deutschland, daß die neue Zeit eine bis dahin nie erlangte Vereinigung aller religiösen und politischen Richtungen erforderte. Die Gründung und Tätigkeit der »Reichsvertretung der deutschen Juden« war durch die Persönlichkeit Leo Baecks bestimmt. Kaum ein anderer hätte das Vertrauen fast aller Gemeinden und Parteien genossen, von den Liberalen bis zu den Orthodoxen und von den Zionisten über den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bis zum Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Der Reichsvertretung gelang es, das jüdische Leben auf allen sozialen und kulturellen Gebieten über die Klippen der Gesetze und Maßnahmen des judenfeindlichen Regimes zu führen, bis sie nach dem Pogrom vom November 1938 aufgelöst wurde.
Einige Wochen vor Kriegsausbruch hielt Leo Baeck sich in London auf. Seine Familie und Freunde rieten dem damals 66jährigen, dort zu bleiben. Doch er lehnte es ab – mit dem ihm selbstverständlichen Pflichtbewußtsein, das ihn nach dem Novemberpogrom bewegt hatte, den Vorsitz der neuen »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland« zu übernehmen. Diese war eine von der bisherigen Reichsvertretung grundverschiedene Organisation. Obwohl dieselben Leute in den selben Büroräumen weiterarbeiteten, war diese augen- scheinliche Kontinuität eine Fiktion. Die Reichsvertretung war eine nach demokratischen Regeln gegründete freie Organisation. Dagegen war die Reichsvereinigung ein Zwangsverband, dem alle nach den Nürnberger Rassengesetzen als Juden geltende Menschen angegliedert waren. Ihre Funktionäre standen unter der täglichen Aufsicht der Gestapo, und am Ende wurde sie zu einem Vollzugsorgan der Vernichtung in deren Händen.
Aber dies war eine allmähliche Entwicklung. Wir können heute nicht ermessen, wann sich Leo Baeck und seine Mitarbeiter bewußt wurden, daß es keine Kontinuität gab. Sie betrachteten sich als für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft verantwortliche Führer, die auch in schlimmsten Zeiten auf ihrem Posten ausharrten.
War die zunehmende Verstrickung der Grund dafür, daß sich Baeck immer mehr von der praktischen Arbeit der Reichsvereinigung zurückzog und sich seinen Aufgaben als Rabbiner widmete? Er setzte, solange es noch erlaubt war, den Unterricht vor dem schwindenden Kreis seiner Schüler an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums fort, besuchte Kranke und sorgte für die Wohlfahrt der Bedürftigen. Aber eine Ablehnung oder nur Bedenken gegen die Tätigkeit der Reichsvereinigung bis zu ihrer Auflösung im Juni 1943 sind nirgends dokumentiert.
Im Januar 1943 wurde Leo Baeck nach Theresienstadt deportiert. Dort bildeten die führenden jüdischen Persönlichkeiten aus Berlin, Wien und Prag den Ältestenrat des Alters- und Vorzeigeghettos. Leo Baeck weigerte sich vorerst, dieser Führungsgruppe anzugehören und arbeitete bei der Abfallabfuhr des Lagers. Erst Monate später ließ er sich bewegen, die Fürsorgeabteilung im Ältestenrat zu übernehmen. Über seine Sorge um die Alten und Kranken gibt es viele Berichte. Nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im Mai 1945 lehnte Leo Baeck den ihm angebotenen Flug nach London ab. Er fühlte sich verpflichtet, im Lager zu bleiben, in dem noch täglich viele Kranke starben. Erst Ende Juni 1945 reiste er zu seiner Familie.
Dieses Bild des Hirten der Juden in Deutschland und Theresienstadt ist in der späteren Geschichtsschreibung öfters in Frage gestellt worden. Manche Historiker sahen schon in der Reichsvertretung, fraglos in der Reichsvereinigung, den ersten Judenrat. Wie alle, die in Judenräten tätig waren, wurde auch Leo Baeck beschuldigt, er hätte sich zum Handlanger der Mörder machen lassen.
In der neueren Forschung ist fast einmütig die pauschale Verurteilung der Judenräte durch eine differenzierende Unterscheidung zwischen lebensnotwendiger Koope- ration und selbstsüchtiger Kollaboration abgelöst worden. Sie trifft auch für die Reichsvereinigung und ihren Vorsitzenden Leo Baeck zu: Solange Juden in Deutschland lebten, sah sich die jüdische Führung verpflichtet, mit den Nazibehörden zu kooperieren, um ihr alltägliches Leben so weit sie konnten zu erleichtern. Daß dies den Absichten der Nazis entgegenkam, die »Judenfrage« aus den Vermögensresten der Juden selbst, mit einem minimalen Einsatz deutschen Personals zu finanzieren und durchzuführen, war nicht ihre Schuld.
Leo Baeck berichtete nach dem Krieg, er habe in Theresienstadt die Wahrheit über Auschwitz erfahren und nach plagender Überlegung beschlossen, sie geheimzuhalten. Auch dieses Verschweigen wurde ihm von Historikern zum Vorwurf gemacht: Wenn sie es gewußt hätten, wären vielleicht mehr Juden geflohen oder hätten Widerstand geleistet. Der Realitätsgehalt dieser Annahme ist sehr gering. Dagegen glaubten viele der Überlebenden wie Baeck, daß es schwerer gewesen wäre, in der Erwartung des Gastodes im Lager zu leben.
Auch die schärfsten Kritiker haben nie an den selbstlosen Motiven und der Integrität Leo Baecks und der Mehrzahl seiner Mitarbeiter gezweifelt. Sie handelten im Glauben, daß sie durch ihre Kooperation mit der »Aufsichtsbehörde« und das Verschweigen der Wahrheit das Schicksal der Unglücklichen erträglicher machten. Vielleicht irrten sie darin, vielleicht auch nicht. Aber wem von uns steht es zu, sie nachträglich zu verurteilen?

Der Autor wurde 1921 in Berlin geboren. Er ist Historiker und lebt im Kibbuz Lahavot Habashan. Von 1995 bis 1998 leitete er das Leo Baeck Institut in Jerusalem.

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