Holocaust

Howgh, ich habe gesprochen

von Gerd Braune

Ein Richter in der kanadischen Provinz Saskatchewan hat vergangene Woche den umstrittenen früheren Indianerführer David Ahenakew vom Vorwurf der Aufstachelung zum Rassenhass freigesprochen. Ahenakew hatte mit antisemitischen Hetztiraden landesweit Empörung ausgelöst. In einem Berufungsurteil stellte Richter Wilfrid Tucker fest, Ahenakews Aussagen seien zwar »abstoßend, ekelhaft und unwahr«, sie erfüllten aber nicht die strengen Voraussetzungen des Straftatbestands.
Im Dezember 2002 hatte David Ahenakew, der ein respektierter Vertreter der Indianer Kanadas und früherer Oberhäuptling ihres nationalen Dachverbandes war, mit einem Hass- und Wutausbruch Entsetzen ausgelöst. In einem öffentlichen Vortrag zur Gesundheitspolitik war er vom Thema abgeschweift und hatte die USA, Israel und die Juden attackiert. In einem Gespräch mit einem Reporter des »Saskatoon StarPhoenix« hatte er später nachgelegt: Die Juden hätten versucht, Deutschland und Europa zu übernehmen, daher habe Hitler sechs Millionen dieser Leute »gebraten«. Er verglich die Juden zudem mit einer Krankheit.
Der heute 75-jährige Ahenakew wurde wegen des Vorfalls aus dem kanadischen Verdienstorden ausgeschlossen und verlor vorübergehend sein Amt als Senator der Föderation der Indianer Saskatchewans. In erster Instanz sprach ihn ein Gericht der vorsätzlichen Förderung von Hass schuldig und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe.
In der Berufung wurde das Urteil aufgehoben. Sowohl damals als auch jetzt sahen die Richter es nicht als erwiesen an, dass Ahenakew in dem Gespräch mit dem Reporter öffentlich und vorsätzlich zum Rassenhass aufstacheln wollte. Es gebe keinen Hinweis, dass der Angeklagte beim Interview daran gedacht habe, sagte Richter Tucker am Dienstag vergangener Woche.
Die Indianerbewegung war erschüttert über die Tiraden Ahenakews, der sich wenige Tage nach dem Vorfall öffentlich entschuldigt hatte. Der damalige Oberhäuptling Matthew Coon Come nannte sie »hasserfüllt, dumm und unakzeptabel«. Er bedauere die Beleidigung »unserer jüdischen Brüder und Schwestern, die uns in vielen Kämpfen unterstützt haben«.
Der Skandal hatte unerwartete Folgen: Der Canadian Jewish Congress (CJC) und die Assembly of First Nations (AFN), der Dachverband der Indianervölker Kanadas, verstärkten ihre Beziehungen. »Wir haben etwas Negatives in etwas Positives umge- kehrt«, sagt Wendy Lampert, beim CJC für die Beziehungen zu anderen ethnischen und religiösen Gemeinden zuständig. »In Bezug auf Diskriminierung und Rassismus haben wir dieselben Erfahrungen erlitten. Es ist im besten Interesse unserer beider Gemeinden zusammenzuarbeiten«, sagte Phil Fontaine, der im Juni 2008 als erster AFN-Chef auf der Generalversammlung des Kanadisch-Jüdischen Kongresses sprach.
2006 hatte eine von Fontaine und CJC-Präsident Ed Morgan geführte Delegation Israel besucht und in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem der Opfer des Holocaust gedacht. Der Canadian Jewish Congress wiederum unterstützte den Prozess, der dazu führte, dass sich Kanadas Regierung im Sommer 2008 für das Unrecht entschuldigte, das den Ureinwohnern durch die staatlichen Internatsschulen, die Residential Schools, zugefügt wurde.
Der CJC forderte Ahenakew nach dem Urteil vergangene Woche zu einer Wiedergutmachung auf. Wichtiger als das Urteil sei, dass der Vorfall als Katalysator gewirkt habe, der indianische und jüdische Gemeinden zusammengeführt habe.

Glosse

Der Rest der Welt

Einmal Gastro, immer Gastro

von Margalit Edelstein  14.10.2026

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026