Defiance

Helden oder Mörder

von Gabriele Lesser

Noch bevor überhaupt die Dreharbeiten in den Wäldern Litauens begannen, schlugen
polnische Medien schon Alarm. Vom „jüdischen Helden“ werde in dem Partisanenfilm mit James‐Bond‐Darsteller Daniel Craig in der Hauptrolle die Rede sein. Dabei sei Tuvia Bielski doch ein Bandit gewesen. Seine Einheit habe im Mai 1943 das Dorf Naliboki überfallen und 128 unschuldige Polen ermordet. Der Film werde das Massaker nicht zeigen, da er auf dem Buch Bewaffneter Widerstand. Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg von Nechama Tec beruhe. Die amerikanisch‐jüdische Historikerin aber habe das Verbrechen der jüdischen Partisaneneinheit be‐ wusst ausgespart. Dabei gäbe es doch mit Waclaw Nowicki einen Zeitzeugen, der seinen Bericht ebenfalls als Buch vorgelegt habe. Den Bielski‐Brüdern komme zwar das Verdienst zu, im Zweiten Weltkrieg 1.200 Juden das Leben gerettet zu haben, doch „Helden“ seien sie deshalb noch lange nicht. Man müsse sich auf ein antipolnisches Machwerk à la Hollywood gefasst machen.
Als der Film dann vor wenigen Wochen in die polnischen Kinos kam, legte sich der Empörungssturm wieder. Denn Polen kommen in Widerstand, wie der Filmtitel auf Polnisch heißt, gar nicht vor. Weder als Nachbarn noch als Opfer oder Täter. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Juden, die sich 1942 von den Nazis nicht „wie Schafe zur Schlachtbank“ treiben lassen wollten, sondern mit der Waffe in der Hand Widerstand leisteten: Die einen im direkten Kampf mit den Deutschen und deren Kollaborateuren. Die anderen, indem sie möglichst vielen Juden das Überleben in einem Waldlager ermöglichten. Das genau taten die Bielski‐Brüder Tuvia, Zus und Asael von 1941 bis 1945.
Zunächst waren die Brüder nur mit einigen Familienangehörigen und Freunden in die undurchdringlichen Wälder Ostpolens geflohen. Sie wollten nicht den gelben Stern tragen, ins Ghetto gesperrt oder zur Zwangsarbeit abtransportiert werden. An ein Versteck bei polnischen und weißrussischen Nachbarn war nicht zu denken. Dort drohte Verrat und damit der sichere Tod. 1942 war die Gruppe bereits auf 200 Menschen angewachsen, im Sommer 1943 auf 600. Kurz darauf holten Tuvia Bielski und seine Leute Hunderte Juden aus dem Ghetto in Nowogrodek und brachten sie in das „neue Jerusalem“. Dort gab es Holzhäuser, Ställe, Vorratskammern, eine Bäckerei und Großküche, eine Schule für 50 Kinder, eine Synagoge, ein Krankenrevier, ein Badehaus, ein Theater und zahlreiche Werkstätten. Denn die Bielski‐Einheit mit den vielen Frauen und Kindern war keine reguläre Einheit, die den Kampf mit den deutschen Besatzern suchte. Sie unterstellte sich dem Schutz der sowjetischen Partisanen und versorgte diese zum Dank mit Lebensmitteln, Kleidung, Schuhen und instandgesetzten Waffen.
Kurz nach dem Kinostart von Defiance in Polen räumten Zeithistoriker in einem langen Essay in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza mit der Mär vom jüdischen Massaker in Naliboki auf. Nicht die Bielski‐Einheit habe am 8. Mai 1943 das Dorf überfallen und ausgeraubt, sondern drei sowjetische Partisanen‐Abteilungen der ebenfalls in den Wäldern stationierten
Stalin‐Brigade. Dies gehe aus Dokumenten hervor, die im Nationalarchiv Weißrusslands in Minsk lägen und den Fachhistorikern schon seit Längerem bekannt seien. So lobte General „Platon“ (Wassili Tschernyschow) in einem Befehl vom 10. Mai 1943 den „überraschenden Angriff auf die deutsche Garnison der Selbstverteidigung in der Ortschaft Naliboki“ und brüstete sich damit, dass seine Leute „200 Angehörige der Selbstverteidigung getötet“ sowie
Maschinengewehre, Granatwerfer, Patronen, Minen und Handgrananten vernichtet oder erbeutet hätten. Zudem seien etliche Gebäude niedergebrannt worden. Von jüdischen Partisanen ist keine Rede. Auch in einer späteren Zusammenstellung der „Kampf‐ und Sabotageakte“ der Stalinbrigade von Februar 1942 bis zum 10. Mai 1943 fehlt jeder Hinweis auf eine Beteiligung der Bielski‐Leute an dem Massaker. Bei den Ermordeten handelte es sich nicht um eine „deutsche Garnison“, sondern um Polen, die von den Deutschen mit Waffen gegen die Sowjets ausgerüstet worden waren. In den „Selbstverteidigungs“-Stützpunkten fanden oft Mitglieder der polnischen Heimatarmee Unterschlupf, die ihre Befehle von der Exilre‐ gierung aus London empfingen. In den Augen der jüdischen wie sowjetischen Partisanen waren sie Kollaborateure, da sie mit den Nazis zusammenarbeiteten.
Nach diesem Artikel verschwanden Schlagzeilen wie „Helden oder Mörder“ und „Die (un)wahre Geschichte der Bielski‐Brüder“ oder „Geschichte – unter den Teppich gekehrt“ aus der polnischen Presse. Doch den Heldenstatus wollte man den jüdischen Partisanen dennoch nicht zugestehen. Sie hätten vor allem Raubzüge in die Umgebung unternommen, immer wieder unschuldige polnische und weißrussische Bauern überfallen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Im Lager habe eine allzu lockere Moral geherrscht. Männer hätten sich „Waldfrauen“ genommen, unmäßig gegessen und getrunken. Tuvia Bielski habe sich gar einen ganzen „Harem schöner Frauen“ gehalten.
Zu erklären sind diese Vorwürfe gegenüber Menschen, die in permanenter Todesgefahr und Angst lebten, nur mit Polens schon vor Jahren zusammengebrochenem Geschichtsbild als „Helden und Opfer der Geschichte“. Nach den Debatten um die Pogrome in Jedwabne 1941 und Kielce 1946 wollten die Kaczynski‐Brüder zwar das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen. Doch der Mythos ist endgültig zerstört. So sind die Polen noch immer auf der Suche nach einer neuen Identität.
Für den amerikanischen Regisseur Edward Zwick ist der Film über die jüdischen Partisanen in den Wäldern Ostpolens und
Weißrusslands auch ein persönliches Anliegen. Ein Teil seiner Familie kam im Holocaust um. Der Warschauer Tageszeitung Dziennik sagte er: „Mit dem Verlauf der Zeit ist es einfacher, Distanz zu gewinnen und manche Dinge klarer zu sehen. Als der Film fertig war, luden wir 18 ehemalige Partisanen aus der ganzen Welt nach New York ein. Sie kamen mit ihren Familien. Zusammen waren es mehr als 800 Menschen, die heute leben, weil diese 18 damals überlebten.“

„Unbeugsam – Defiance“ kommt am 23. April 2009 in die deutschen Kinos.
Trailer unter www.defiancemovie.com

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