Kuren

Heilsame Wirkung

von Wladimir Struminski

Die Heilwirkung des Toten Meeres war bereits in der Antike bekannt. Heute wissen Ärzte und Betroffene, dass vor allem bei Schuppenflechte, Neurodermitis und anderen Hautkrankheiten, aber auch bei bestimmten Lungenkrankheiten sowie bei rheumatischen Beschwerden der Aufenthalt an dem 412 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen See Linderung bringen kann. Betroffene können sich in modernen Kurkliniken behandeln lassen – fast ausschließlich auf natürliche Art und Weise. Am Toten Meer scheint statistisch 330 Tage im Jahr die Sonne, aufgrund der tiefen Lage und der über dem salzhaltigen Wasser schwebenden Dunstglocke werden die für die Haut schädlichen UVB-Strahlen in hohem Maße gefiltert. Zudem ist die Luft mit 10 Prozent mehr Sauerstoff angereichert als an irgendeinem anderen Punkt der Erde. Neben dem Salz enthält das Tote Meer in besonders hoher Konzentration wichtige Mineralstoffe: Magnesium, Kalzium, Sodium, Kaliumchloride und gelöste Bromide. Auch die Luft ist stark mit Bromin angereichert, das zur Entspannung des Nervensystems beiträgt.
Gesundheitstourismus spielt am tiefs-ten Punkt der Erde eine wichtige Rolle. Ge-
hen die Pläne des israelischen Fremdenverkehrsministeriums auf, werden im nächs-ten Jahrzehnt Tausende deutscher Patienten ans Ufer des an Salz und anderen Mi-
neralien reichen Gewässers kommen. Ge-
nauer: Wiederkommen. »Bis 1996«, erzählt Oren Drori, der für Marketing zuständige stellvertretende Generaldirektor des israelischen Fremdenverkehrsministeriums, »reisten rund 60.000 bis 70.00 deutsche Medizintouristen ans Tote Meer«. Damit stellte das deutsche Kontingent rund zwei Drittel aller Ausländer, die auf die Heilkräfte der Region vertrauten. Dann aber ging die Zahl deutscher Kurgäste wegen strengerer Kriterien für die Kostenübernahme durch die Krankenkassen schlagartig zu-
rück. Heute, so Drori, dürfen die israelischen Kurorte am Toten Meer nur noch etwa 700 Deutsche pro Jahr begrüßen. Der Großteil der deutschen Kurbesucher kommt für die Behandlungskosten aus eigener Tasche oder mithilfe privater Versicherungen auf.
Nun versucht Israel, das verlorene Terrain zurückzuerobern und das deutsche Gesundheitswesen von den Vorteilen der Salzsee-Kuren zu überzeugen. Damit sollen die einschlägigen Kosten wieder in stärkerem Maße erstattungsfähig werden. Billig ist eine Kur am Toten Meer, das weiß auch Fremdenverkehrsförderer Drori, bei einer typischen Aufenthaltsdauer von zwei bis vier Wochen, nicht. Allerdings mache der Behandlungserfolg, so israelische Befunde, die den deutschen Verhandlungspartnern bereits im vergangenen Jahr vorgelegt wurden, die Reise sinnvoll.
Diesem Argument wollen sich die Kostenträger des deutschen Gesundheitswesens nicht von vornherein verschließen. In der vergangenen Woche hielt sich Klaus Theo Schröder, Staatssekretär des Bundesgesundheitsministeriums, an der Spitze einer deutschen Delegation in Israel auf, um die Möglichkeiten engerer Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern bei Kuren am Toten Meer auszuloten. Nach ei-
nem Ortstermin, zu dem Gespräche mit israelischen Medizinern, aber auch mit deutschen Patienten gehörten, erklärte Schröder, im nächsten Schritt sei eine Langzeitstudie der therapeutischen Aspekte der Salzsee-Kuren geplant. Dabei, so Schröder gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, sollen auch deutsche Experten die Qualität und die Nachhaltigkeit der Therapieerfolge ausleuchten. »Wir haben«, be- tonte der deutsche Delegationsleiter, »ein gemeinsames Interesse daran, die Daten zu analysieren.« Nach seinen Vorstellungen könnte der Beobachtungszeitraum fünf bis sieben Jahre betragen. Den Israelis wäre eine schnellere Gangart natürlich lieber, doch bekundet man in Jerusalem Verständnis für den deutschen Wunsch nach einer gründlichen Untersuchung. Schließlich wissen auch israelische Experten, dass Israel-Reisen auf Krankenschein in der deutschen Öffentlichkeit leicht als »Luxus« in ein schiefes Licht geraten können. »Uns ist klar«, beteuert Drori, »dass unsere deutschen Partner ihre Hausaufgaben machen müssen, bevor sie über die Verwendung öffentlicher Geldmittel entscheiden«. In jedem Fall aber, glaubt Udi Sicherman, Generaldirektor der Hotelvereinigung am Toten Meer, wird die israelische Infrastruktur einen stärkeren Zustrom deutscher Heilungstouristen gewachsen sein. »Die Hoteliers«, so Sicherman gegenüber dieser Zeitung »werden für solche Kundschaft Platz finden.« Auch an medizinischem Personal mangele es nicht. Bei Bedarf könnten die bestehenden Anlagen relativ schnell ausgebaut werden. Vor der Konkurrenz seitens jordanischer Kollegen am Ostufer des Salzsees hat Sicherman, jedenfalls auf absehbare Zeit, keine Angst. Nach seiner Feststellung setze die jordanische Fremdenverkehrsbranche am Toten Meer bei ih-
ren Expansionsplänen eher auf den Erholungs-, als auf den Medizintourismus.

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