Pflegedienst

Hausbesuch, dreimal täglich

von christine Schmitt

Auf das Geräusch hat sie schon gewartet. Endlich dreht sich der Schlüssel im Schloß, Margit Krausz ist nicht mehr allein in ihrer Wohnung. Wenn Schwesternhelferin Fanny die Tür aufschließt, sitzt die 91jährige noch in ihrem Bett. Denn sie kann nicht mehr alleine aufstehen und ist auf Hilfe angewiesen. »Aber da es den Ambulanten Pflegedienst des Sozialwerkes der Jüdischen Gemeinde gibt, muß ich nicht in ein Heim, sondern kann in meiner Wohnung bleiben«, sagt Frau Krausz.
Im Büro des Ambulanten Pflegedienstes klingelt das Telefon nahezu pausenlos. »Wir haben alle Hände voll zu tun«, sagt der für die Pflegeleitung zuständige David Mender. Tendenz steigend. Deshalb werden ständig neue Mitarbeiter gesucht und Stellen ausgeschrieben. Mittlerweile sind mehr als 25 Haus-, Alten-, Gesundheits-, Krankenpflegerinnen und eine Sozialarbeiterin angestellt.
Seit neun Jahren sind die Mitarbeiterinnen des Ambulanten Dienstes in ganz Berlin unterwegs, um ihre Patienten zu versorgen. Die Arbeit bestehe nicht nur aus der reinen medizinischen Pflege, so Mender, dessen Arbeitstag mitunter bis zu 16 Stunden lang ist.
Ein Pflegebett wird gebraucht? Die Mitarbeiter rufen beim Hausarzt an, besorgen das Rezept und reichen es bei der Krankenkasse ein. Ein vorübergehender Platz in einer Einrichtung wird gewünscht? Die Mitarbeiter regeln das. Aber auch Gespräche mit den Angehörigen, Begleitung bei Behördengängen oder Arztbesuchen gehören dazu. »Es gibt eigentlich nichts, was wir nicht tun«, sagt David Mender.
Finanziert wird die Arbeit über die Pflegeversicherung. »Die kann aber nicht immer alle Leistungen übernehmen«, sagt Rachel Shneiderman, Geschäftsführerin des Pflegedienstes. Wenn die Rente nicht ausreiche, springe das Sozialamt ein, sagt sie. »Das ist immer noch billiger als ein Heimplatz.« Immerhin wurde 1995 die Pflegeversicherung auch mit dem Ziel eingeführt, häusliche Pflege möglich zu machen.
Schon bevor in der Jüdischen Gemeinde an einen ambulanten Pflegedienst gedacht wurde, war Rachel Shneiderman als Gemeindeschwester im Einsatz und kümmerte sich um ältere Menschen.1989 gab es bereits Gespräche über die Gründung eines Pflegedienstes der Gemeinde. Doch dann kamen die Wende und die Wiedervereinigung dazwischen und die Idee wurde auf Eis gelegt – bis vor neun Jahren.
Ziemlich bald nach Gründung des Pflegedienstes empfahl eine Bekannte Margit Krausz, sich doch mal dorthin zu wenden und zu fragen, ob ihr im Alltag geholfen werden kann. »Für mich war es wichtig, daß es nicht irgendein Pflegedienst ist, sondern ein jüdischer«, sagt die 91jährige.
Zu Hause in ihrer Wohnung, in die sie vor 46 Jahren mit ihrem Mann eingezogen ist, möchte Margit Krausz leben. Morgens, mittags, abends – dreimal am Tag schließt Fanny Hanmargalit die Wohnung auf. Sie hilft ihr aus dem Bett, versorgt sie mit Frühstück, kocht ihr Mittagessen, bereitet ihr Abendbrot vor, putzt die Wohnung, geht einkaufen und hat immer ein offenes Ohr. Und das schon seit acht Jahren. »Wir sind zusammengewachsen und verstehen uns prima«, sagen beide unisono.
Nur einmal dachte Margit Krausz, sie könne nicht mehr in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Als sie unlängst mit zwei gebrochenen Rippen im Krankenhaus lag und ihr Lebensmut schwand. Aber die Israelin Fanny Hanmargalit, ihre Pflegerin, versprach ihr damals, daß sie sie so gut pflegen wird, daß sie wieder auf die Beine kommen werde. Genauso geschah es. Heute kann Margit Krausz wieder einige Schritte in ihrer Wohnung laufen. »Sie hat einen eisernen Willen«, sagt Fanny Hanmargalit.

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