Massada

Hält die Festung?

von Sabine Brandes

Die Hand feierlich zum Schwur erhoben, beteuern Mitglieder neuer Panzereinheiten in feierlichen Zeremonien: »Massada wird nie wieder fallen.« Doch es könnte geschehen. Nicht in diesem Jahr, nicht im nächsten, wohl auch nicht in den kommenden hundert Jahren. Doch der Zahn der Zeit nagt. Erosion durch klimatische Veränderungen, tektonische Bewegungen und Erdbeben gefährden die Standhaftigkeit des 440 Meter hohen Felsplateaus auf lange Sicht. Israelische und amerikanische Wissenschaftler arbeiten jetzt gemeinsam daran, Massada für die Ewigkeit zu sichern.
Der imposante Felsen liegt oberhalb des Toten Meeres in der Wüste Judäa. Ausgiebig bebaut wurde er 36 bis 30 v. d. Zeit von Herodes dem Großen, der sich die schwer zugängliche Lage zunutze machte. Es entstand eine umfassende Anlage mit doppelter Mauer, 37 Wehrtürmen, Getreidespeichern, unterirdischen Zisternen, Villen und dem großartigen Winterpalast. Während des großen Aufstandes im ersten Jahrhundert ging Massada als letzte Bastion des jüdischen Widerstandes gegen die Römer in die Geschichte ein. Der Fall der Feste liegt nahezu 2.000 Jahre zurück, die Bedeutung Massadas als Inbegriff für Freiheit und Standhaftigkeit ist bis heute ungebrochen.
»Herodes hat sicherlich kaum gedacht, daß seine Burg auch zwei Jahrtausende später noch existiert«, vermutet Professor Yossi Hatzor von der Ben-Gurion-Universität in Beer Schewa. »Damit es auch so bleibt und die nächsten Generationen diese einzigartige Stätte besuchen können, müssen wir etwas tun.« Hatzor leitet das Ingenieurteam, das mit Massadas Sicherung beschäftigt ist. Der Professor betont jedoch, daß es keine akute Gefahr gibt. »Erosion und das Herausbrechen von Felsstücken sind ein natürlicher Prozeß eines jeden Felsens, vor allem wenn er so steil ist.« Alle Seiten fallen senkrecht ab, eine geologische Besonderheit, die dem Plateau (hebräisch Metzada für Festung) den Titel »uneinnehmbar« einbrachte. Der Standort direkt auf der syrisch-afrikanischen Erdspalte macht ihn jedoch besonders anfällig für Erosion durch tektonische Bewegungen. Hatzor betont, daß die berühmte historische Stätte völlig sicher ist. Es ginge nicht um eine akute Bedrohung, sondern darum, das Weltkulturerbe auf lange Sicht zu schützen.
Der Bau einer neuen Seilbahnstation auf der Spitze 1998/99 durch die Naturparkbehörde war Anlaß für die Prüfung der Standfestigkeit. Hatzor als Experte für Gesteinsingenieurwesen wurde gerufen und unter-
suchte zunächst den Schlangenpfad, den gewundenen Weg auf den Berg. Schon bald bemerkte er, daß massive Steinblöcke bedrohlich in der Luft hingen und die Sicherheit der Besucher gefährdeten. Luftaufnahmen bestätigten seine Annahme. Riesige Seilbolzen wurden daraufhin durch die Blöcke in den Stein getrieben. Dabei drückt das Gewicht des Felsens auf die Seile und wirkt so als Stabilisator. »Gänzlich sicher«, weiß Hatzor, der diese Methode im Rahmen seiner Doktorarbeit an der kalifornischen Universität Berkeley untersuchte.
Gleichzeitig wurde ein Überwachungssystem installiert, mit dem zum ersten Mal die Wettereffekte untersucht wurden. In Anschluß an die Sicherung der Felsblöcke war es Hatzors Aufgabe, die Stabilität des Palastes an der Nordseite zu untersuchen. »Ein Riesenprojekt, das drei Jahre dauerte«, erinnert er sich. Das Team erstellte ein Computermodell der Ruinen, mit dessen Hilfe es die Auswirkungen von Erdbeben simulierte. Daten bekamen sie von einem tatsächlichen Beben aus dem Jahr 1995 im Sinai mit einer Stärke von 7,1. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, daß ein Ausbruch dieser Stärke viele kleine Gesteinsbrocken lösen würde. Eine Lösung hat Hatzor parat: Einzelne Bolzen würden die gefährdeten Blöcke dauerhaft sichern. Doch das Geld fehlt. Hatzor warnt: »Wenn Massada noch einmal 2.000 Jahre stehen soll, müssen diese Sicherungen vorgenommen werden.« Konstante Restauration gibt es nur für die Antiquitäten.
Für ein anderes Projekt sind Mittel da. Die binationale Wissenschaftsstiftung Israel-USA will, daß weiterhin an Massada geforscht wird. Im August wird eine Gruppe von Geologen der Berkeley-Universität nach Israel reisen, im Gepäck ein hypermodernes Überwachungssystem. »Es ist eine Weltneuheit, wir alle sind sehr gespannt«, freut sich der israelische Gesteinsingenieur. Am Fuß des Berges sowie auf der Spitze werden seismische Stationen aufgebaut, die nicht nur klimatische Auswirkungen, sondern auch die Effekte der Gezeiten auf das Felsplateau untersuchen. Anschließend wird das bereits bestehende Computermodell von Hatzor mit den Ergebnissen der Feldstudien gefüttert. Mit diesem Modell soll vorhersehbar sein, welchen Veränderungen Felsen dieser Art ausgesetzt sind.
Hatzor ist sicher, daß die neue For-
schung Zeichen setzen wird. »Wenn alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, wird am Ende ein generisches Modell stehen, das um die Welt geht. Es wird die Stabilität von Bergmassiven untersuchen können – in Afrika, Asien oder Europa.« Und einmal mehr würde Massada dann als Symbol für Standhaftigkeit in die Geschichte eingehen.

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