Brachjahr 5768

Gurken oder Tomaten

von Wladimir Struminski

Normalerweise besorgt Jehuda, ultraorthodoxer EDV-Techniker aus Jerusalem, seine Einkäufe in einem großen Discountladen im geschäftigen Stadtteil Talpiot. Zwar dauert die Parkplatzsuche ewig, und im Supermarkt selbst drängen sich die Menschen dicht an dicht, doch sind die Preise niedrig. Für den sechsfachen Vater, der nur eine Teilzeitstelle angenommen hat, damit ihm genug Zeit fürs Tora-Studium bleibt, ist das das schlagende Argument. So quält er sich Freitag für Freitag durch die Gänge und steht geduldig an der Kasse an. Seit Mitte September aber fehlt in Je-
hudas Einkaufswagen Obst und Gemüse. Die Vitaminträger kauft er in einem kleinen Nachbarschaftsladen um die Ecke. Der Grund: Der Discounter in Talpiot verkauft nur Agrarprodukte, die von jüdischen Landwirten angebaut werden. Die aber sind für Jehuda bis zum kommenden Neujahrsfest tabu. Schließlich ist 5768 ein Brachjahr, in dem alle jüdischen Böden im Verheißenen Lande ruhen müssen.
Viele modernorthodoxe Juden – die säkularen sowieso – sprechen jüdischen Agrarerzeugnissen zu, wenn der Acker, auf dem diese wachsen, für die Dauer des Schmitta-Jahres an Nichtjuden formal verkauft worden ist, faktisch aber weiterhin von den jüdischen Besitzern bestellt wird.
Für Jehuda und Hunderttausende anderer Juden ist diese »Verkaufserlaubnis«, wie die Praxis offiziell heißt, nicht akzeptabel. So wird man in echten ultraorthodoxen Läden Äpfel und Birnen, Gurken und Tomaten von überall her finden – nur nicht von israelischen Juden. So führt der Jerusalemer Supermarkt »Sol be-Gadol« (übersetzt: »billig – und wie«) eine in Regalen fein sortierte Palette lupenreiner Schmitta-Erzeugnisse an: Importware, Erzeugnisse arabischer Bauern, Produkte aus dem »sechsten Jahr« will heißen: noch im Vorjahr angebaut, oder aber Agrargüter aus der Gegend von Eilat, die nach den Brachjahrregeln nicht als Teil des Landes Israel gilt. Für ihren Glauben blättern die Kunden mehr Geld hin. Die Schmitta-Ware sei um 30 Prozent teurer, »dafür aber um 30 Prozent schlechter«, klagt Jehuda. »Kacha se« – so ist das eben – seufzt er. Ist Jehuda bei Freunden zum Essen eingeladen, erkundigt er sich im Voraus, welcher Provenienz die Zutaten für den Salat sind.
An sich ist der Streit um die Auslegung der Schmitta-Regeln nicht neu, hat sich in diesem Jahr aber sehr zugespitzt. Im Vorfeld des Brachjahrs hatten ultraorthodoxe Rabbiner das staatliche Oberrabbinat be-
drängt, von dem Pro-Forma-Verkauf der Agrarböden – entgegen der in früheren Brachjahren üblichen Praxis – abzusehen. Zum Schluss untersagte die oberste Religionsbehörde nicht ausdrücklich die befristete Bodenabtretung an Nichtjuden, weigerte sich aber, die städtischen Rabbinate zur Anerkennung der »Verkauferlaubnis« anzuhalten. Daher dürfen einzelne Stadtrabbiner Geschäften, die jüdisches Obst und Gemüse verkaufen, das städtische Kaschrut-Zertifikat aberkennen. Zu den hiervon betroffenen Städten gehören un-
ter anderem Herzlia und Aschdod.
In gemäßigten religiösen Kreisen wird dem Oberrabbinat ein Abrücken von den pragmatischen Prinzipien der zionistischen nationalreligiösen Bewegung und eine Kapitulation vor der Ultraorthodoxie vorgeworfen. Die modernorthodoxe Rabbinervereinigung Tzohar erwägt sogar die Errichtung einer eigenen Kaschrut-Organisation. Diese soll »jüdischem« Obst und Gemüse die Brachjahr-Eignung bescheinigen, sofern die Ware auf übereignetem Bo-
den angebaut wird. Ihrerseits fürchten die jüdischen Agrarwirte Absatzeinbußen in Milliardenhöhe. Landwirtschaftsminister Schalom Simchon weist die Meinung ul-
traorthodoxer Rabbiner, Israel könne sich ein echtes Brachjahr ökonomisch leisten, zurück. Deshalb droht er den Superfrommen mit Vergeltung: Falls die Ultraorthodoxen den Verkauf jüdischer Produkte vereiteln, so der Politiker, werde sein Ressort keine Einfuhrgenehmigungen für schmitta-gerechte Ware mehr erteilen. In diesem Fall würden die Preise, die ultraorthodoxe Familien für Obst und Gemüse zu entrichten haben, noch mehr in die Höhe steigen. Allerdings bieten auch die Ultraorthodoxen keine einheitliche Front. Wichtige Schützenhilfe bekamen Verfechter der Bo-
denabtretung vom Mentor der sefardisch-orthodoxen Schas-Partei, Rabbiner Owadja Josef. Obgleich selbst ultraorthodox, er-
laubte Josef die Übereignung von Äckern für die Dauer des Schmitta-Jahres. Damit stellte er sich gegen den Anführer der aschkenasisch-litauischen Ultraorthodoxie, Rabbiner Schalom Josef Eljaschiw. Von den Medien wurde der Gegensatz mit Lust am Streit zu einer »ethnischen Auseinandersetzung« zwischen europäischen und orientalischen Juden hochstilisiert.
Gegner der ultraorthodoxen Strenge verklagten das Oberrabbinat vor dem Obersten Gericht, doch steht eine Entscheidung der Richter bisher aus. So hält das Tauziehen munter an. Besonders bizarr geht es in Jerusalem zu. Da das Amt des Stadtrabbiners gegenwärtig nicht besetzt ist, lässt das hauptstädtische Rabbinat im Obst- und Gemüsehandel Kaschrutzertifikate aus dem benachbarten, land-
wirtschaftlich geprägten Bezirk Judäa gelten. Die dortigen Amtskollegen stimmen der Bodenabtretung zu, sodass jüdische Produkte im Jerusalemer Einzelhandel als koscher gelten. Allerdings kann passieren, dass Gurken und Tomaten, die in Supermärkten koscher sind, in Restaurants verboten bleiben, weil die Jerusalemer Rabbiner den Gaststätten mit Entzug der Kasch-
rutbescheinigung drohen. Es sei denn, wie publik wurde, dass sich der Kaschrut-Aufseher erweichen lässt, und die Gaststätte im Namen der judäischen, und nicht der Jerusalemer Rabbiner als schmitta-konform anerkennt.

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