Orthodox, konservativ, liberal?

Globaler Glauben

Der geplante Besuch der israelischen Oberrabbiner
Schlomo Amar und Jona Metzger
zu Ehren von Paul Spiegel sel. A. ist Anlass
zur Freude. Beweist doch ihr mehrtägiger
Aufenthalt (wenn der Generalstreik in Israel
ihn zulässt), wie sehr die jüdische Gemeinschaft
in Deutschland und ihre Repräsentanten
auch in einem bedeutenden Teil
der jüdischen Welt, in Israel, respektiert
und anerkannt werden. Um ein historisches
Ereignis handelt es sich bei diesem
Besuch gleichwohl nicht; den Durchbruch
gab es, als 2002 der damalige Bundespräsident
Johannes Rau und Israels Staatschef
Moshe Katzav den Neubau einer Synagoge
in Wuppertal gemeinsam einweihten.
Ein netter Besuch also, aber ist er auch
theologisch bedeutsam? Von einer geistigen,
einer geistlichen Führerschaft kann
bei beiden Rabbinern kaum die Rede sein,
allenfalls von ihrer nicht unbedeutenden
Rolle als höchste Religionsbeamte. Wenn es
um das Ehe- und Familienrecht geht, ist das
ansonsten säkulare Israel kein moderner
Staat, sondern ein multitheokratischer.
Schon bei seiner Gründung 1948 hatte Israel
das bereits damals unzeitgemäße religiöse
Recht des untergegangenen Osmanischen
Reiches übernommen. Danach werden
»Personenstandsangelegenheiten« –
von der Hochzeit bis zur Scheidung – nach
dem religiösen Recht der jüdischen, christlichen
und muslimischen Gemeinschaften
geregelt. Israelis, die zivil heiraten wollen,
müssen dazu ins Ausland fliegen. Die
Scheidung einer orthodox geschlossenen
Ehe bereitet immer noch enorme Schwierigkeiten
und benachteiligt Frauen.
Die Ausübung des religiösen Rechts obliegt
in Israel noch immer der Orthodoxie.
Konservative und liberale Rabbinerinnen
oder Rabbiner haben bei Personenstandsangelegenheiten
ebenso wenig mitzureden
wie es ein offizielles, liberales oder
konservatives Bet Din, einen rabbinischen
Gerichtshof, gibt. Immerhin: Nachdem der
israelische Staat seit einiger Zeit auch
nichtjüdische Familienangehörige von Immigranten
aus der ehemaligen Sowjetunion
als Juden im Sinne des Rückkehrgesetzes
behandelt, hat man auch die von
konservativen und liberalen Rabbinaten
im Ausland vollzogenen Übertritte in diesem
Sinn als gültig anerkannt.
Das Judentum wird in der globalisierten
Welt, in der die Nationalstaaten allmählich
ihre Bedeutung verlieren, immer
mehr zu dem, als was es der ebenso befehdete
wie originelle Begründer des amerikanischen
»Reconstructionism«, Rabbiner
Mordechai Kaplan, 1934 bezeichnet hat,
als Zivilisation: »Das Judentum umfasst
wesentlich mehr als nur die jüdische Religion.
Es umfasst eine Verbindung von Geschichte,
Literatur, Sprache, sozialer Organisation,
folkloristischen Regeln des Zusammenlebens
und des Verhaltens, sozialer
und ästhetischer Ideale sowie ästhetischer
Werte, die alle zusammen in ihrer
Totalität eine Zivilisation bilden.« So wenig
Kaplans Definition in rein theologischer
Hinsicht befriedigen mag, so sehr
entspricht sie doch der sozialen Wirklichkeit
von mehr als 14 Millionen Jüdinnen
und Juden, von denen mehr als 60 Prozent
außerhalb des Staates Israel leben. Als Zivilisation
jedoch, die sich der Gegenwart
ebenso stellt, wie sie ihre große Tradition
zu wahren hat, ist das Judentum auch in
religiöser Hinsicht auf Pluralismus und
Toleranz, Vielfalt und Spannung, Kreativität
und Dialog angewiesen.
So betrachtet ist das religiöse Leben der
amerikanischen Juden, das sich vom Reformjudentum
über die moderne Orthodoxie
und den Rekonstruktionismus bis hin
zu den Lubawitscher und Satmarer Chassidim
erstreckt, in seinen theologischen
Reflexionen und liturgischen Formen bei
weitem reicher an Anregungen als die Debatte
im Staat Israel, die sich meist im
fruchtlosen Konflikt zwischen orthodoxem
Religionsbeamtentum und traditionsvergessenem
Säkularismus erschöpft. Freilich
herrscht auch in Deutschland und seinen
jüdischen Gemeinden noch immer die
Meinung vor, nur vom israelischen Oberrabbinat
anerkannte Übertritte oder Heiraten
seien »vollgültig« – eine Ansicht, die
auch nach orthodoxem rabbinischen Recht
durch nichts begründet ist.
Die Oberrabbiner Amar und Metzger
bringen bei ihrem Besuch, das gilt es dankbar
zu vermerken, zwei Torarollen mit. Sie
sollen an den ehemaligen Zentralratspräsidenten
Paul Spiegel erinnern. Aber auch
hier gilt: Torarollen, die im Heiligen Land
angefertigt wurden, sind keinen Deut heiliger
als solche, die in Straßburg oder
Brooklyn geschrieben wurden.

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