Konsum

Geschenkt

In den letzten Wochen des weltlichen Jahres läuft die Maschinerie der Konsumgesellschaft auf Hochtouren. Die allgemein emotionalisierte Stimmung des Monats Dezember wird genutzt, um die Konsumenten – also uns – dazu zu bewegen, noch mehr zu kaufen als im restlichen Jahr. Das Motto: »Besondere Ge‐
schenke für besondere Menschen«. Die Kassen in den Geschäften klingeln: Nachdem der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels für das gesamte Jahr 2009 mit einem Umsatzrückgang von zwei Prozent rechnet, liegen die Zahlen im November und Dezember etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Trotz Wirtschafts‐ und Finanzkrise wird im Weihnachtsgeschäft ein Um‐
satz von 73 Milliarden Euro erwartet.
Weihnachten ist nicht unser Fest. Aber auch zu Chanukka wurden reichlich Ge‐
schenke eingekauft. Juden sind Teil der Konsumgesellschaft und den Versprechungen ausgesetzt, dass man sich für Geld alles kaufen kann und welche positiven Wirkungen dies für unser Leben haben kann. Menschen in der Werbung haben glückliche Familien, die in großen Autos anderen glücklichen Menschen begegnen. Der Erwerb einer bestimmten Ware wird mit einem Versprechen oder zumindest einem Ausblick auf angenehme Emotionen verbunden. Unterschwellig wird sogar vermittelt, man könne nicht glücklich sein, wenn man eine bestimmte Sache nicht besitzt und zuweilen ist man selber auch davon überzeugt. Und schwups, schon landet ein neues iPhone oder eine schicke Marken‐Jeans im Einkaufskorb. Eigentlich müssten wir von Glücksgefühlen erfüllt sein, wenn wir die Kaufhäuser, Läden und Shopping‐Center der Innenstädte mit vollen Tüten verlassen.

Kaufsucht Dabei wird für immer mehr Menschen das Einkaufen auch zu einem Problem: Rund 800.000 Menschen leiden hierzulande nach Schätzungen von Experten an krankhafter Kaufsucht. Und zwischen sechs und acht Prozent der Deutschen seien stark kaufsuchtgefährdet – Tendenz steigend. Zu den Auslösern zählten Trauer, Depressionen, Ängste, körperliche Erkrankungen, Verlusterlebnisse oder Langeweile. »Außerdem spielt die zunehmende Konsumorientierung in unserer Gesellschaft eine große Rolle», wird Astrid Müller, Oberärztin in der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen, in einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes zitiert. Kaufsucht gebe es in allen Einkommens‐ und Altersgruppen, Männer und Frauen seien in etwa gleich gefährdet.
Gefährdet oder nicht. Bei uns Konsumenten wird auch ein allzu menschlicher Zug angesprochen: die Gier. Kann man oder soll man dem entgehen? Gibt es einen jüdischen Weg durch die Welt des Konsums? Müssen wir uns nicht auf das Nö‐
tigste beschränken?
Nein, müssen wir nicht. Das Judentum fordert keine Askese oder Zurückhaltung in den sehr »weltlichen Dingen«. So heißt es im Traktat Berachot (57b): »Drei Dinge sind der Vorgeschmack auf die kommende Welt: Schabbat, Sonne und Sexualität … drei Dinge erheitern den Sinn eines Menschen: eine schöne Wohnung, eine schöne Frau und schöne Geräte«.
Dem Talmud zufolge müssen wir uns sogar in der kommenden Welt fragen lassen, warum wir uns bestimmte körperliche oder sinnliche Freuden haben entgehen lassen, obwohl sie uns erlaubt waren. Die essenziellen Dinge des Lebens sind also er‐
laubt, aber wie alles im Judentum unterliegen sie gewissen Regeln, die uns (und vielleicht auch andere) vor Maßlosigkeit schützen sollen. Die Nahrungsaufnahme ist reg‐ lementiert, die sexuellen Beziehungen sind geregelt – nichts was der Mensch tut, soll er ohne Maß und »Heiligkeit« tun. Selbst die Landwirtschaft im Land Israel unterliegt gewissen Restriktionen. So sollen die Felder alle sieben Jahre »ruhen«. Nicht alles steht zu jeder Zeit für jeden zur Verfügung.

Glück Geld ist kein Mittel, um glücklich zu werden. Die meisten Menschen verbringen den Hauptteil ihres Tages, ihrer Woche, ihres Monats und ihrer Jahre damit, Geld zu verdienen. Sie arbeiten und »investieren« viel Lebenszeit in ihre Arbeit. Geld repräsentiert diese Mühe und dementsprechend sind auch die Waren, die man sich für das Geld kaufen kann, Ausdruck davon.
Entsprechend groß ist die Frustration bei denjenigen, die zwar ihre meiste Zeit in Arbeit investieren und hart arbeiten, aber damit gerade ihren Lebensunterhalt de‐cken können. Sie sind Zuschauer bei den großen Verkaufsaktionen und somit ausgeschlossen aus einer Gesellschaft, die Konsum benötigt, um sich selber zu bestätigen. Oft haben sie keine Wahl und müssen das kaufen, was ihnen ihr Kontostand gerade noch erlaubt. So werden die »Besitzenden« in den Schriften gemahnt, dass Geld kein reiner Selbstzweck ist. Dementsprechend heißt es auch in Kohelet: »Wer das Geld liebt, wird dessen nie satt« (5,9). Dann heißt es, wir sollen uns daran erinnern, dass es nicht uns allein zu verdanken ist, dass wir die Möglichkeit haben, tätig zu werden. So ist im 5. Buch Moses zu lesen: »An den Ewigen, deinen Gott sollst du denken, denn er ist es, der die Kraft gibt, Vermögen zu erwerben.«
Die Münze hat also zwei Seiten. Man soll und darf Reichtum erwerben und ihn auch dazu verwenden, ein angenehmes Leben zu führen. Aber man soll sich zu‐
gleich für einen gesellschaftlichen Ausgleich einsetzen und sehen, dass Gott den Menschen durch die Tora zu seinem Partner gemacht hat, um die Welt zu verbessern. Das Geld, welches ich besitze, ist ein entsprechendes Werkzeug um nicht nur mich selbst glücklich zu machen, sondern auch andere. Vollkommen mittellose Menschen vergleicht der Talmud im Traktat Nedarim (64a) vielleicht genau deshalb mit Verstorbenen – sie haben keine Mittel, etwas in der Welt zu »bewegen«.

Zedakka Wie also alles in »geheiligte« Bahnen gelenkt wird, so hat das Judentum auch Regeln zum Umgang mit Geld in ein System gefasst, das eine gerechtere Welt schaffen will. Das Instrumentarium in diesem Falle heiß Zedakka, was wir zunächst mit Wohltätigkeit übersetzen.
Vielleicht würde man heute sagen, je‐
mand, der kein Geld für wohltätige Zwecke einsetzt, ist einfach nur »geizig«. Und »Geiz ist geil«, verkündet die Werbung. Aber in der Halacha ist Zedakka eine aktive Aufgabe. »Öffnen sollst du dem Armen deine Hand«, heißt es in der Tora (5. Buch Moses 15,8). Sie ist keine optionale Gelegenheit, bei der wir aufgefordert sind, zu geben, wenn es gerade passt. Das liegt schon in der Bedeutung des Wortes, welches nicht »Wohltätigkeit« im Sinne einer großmütigen freiwilligen Gabe meint, sondern von der Wortwurzel »Gerechtigkeit« abgeleitet wird. Zedakka ist eine Mizwa, und wer sich ihr entzieht, der hat, so erzählt der Talmud, ein Gebot übertreten. Er setzt es sogar mit Götzendienst gleich. »Jeder, der seine Augen von der Zeddaka abwendet, ist, als ob er Götzen dienen würde« (Ketubot 68a). Genauso, wie man etwas »Schönes« für sich kauft, soll man auch Zeddaka geben. »Dein Herz sei nicht traurig, wenn du gibst«, heißt es dazu (5. Buch Moses 15,10).
In der Mischne Torah teilt Maimonides die Zeddaka in sieben Stufen ein. Die höchste ist, dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbstständig zu ernähren. Und die niedrigste Stufe ist, mit Unfreundlichkeit zu geben. Einzelpersonen haben selten eine Möglichkeit, viel zu ändern, deshalb schließen sich an vielen Orten Juden zusammen, um Einrichtungen zu schaffen, die Unterstützung anbieten. Suppenküchen, Hilfe für ältere Menschen, Hilfe für Drogenabhängige und so weiter. Wer sich sorgt und sieht, wie weniger privilegierte Menschen leben, der ist vielleicht auch etwas immuner gegen die Heilsversprechen der Werbung. Er kann entspannter einkaufen gehen und den Wert besser schätzen, den Konsumgüter wirklich haben.

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