Lothar Matthäus

Gelobt im Heiligen Land

von Torsten Haselbauer

»Der Lothar«, wie ihn in Israel jeder nennt, macht einen ziemlich entspannten Eindruck, als er vorfährt. Lässig steigt Lothar Matthäus aus dem Auto, in Jeans und Sommerhemd gekleidet, die obligatorische Sonnenbrille hoch in das gegelte Haar geschoben. Die milde, warme Herbstsonne steht schon tief über dem Stadion von Netanja.
Später dann, beim Abendtraining, ist Matthäus schon energischer. Immer wieder ruft er Kommandos in Richtung des Spielfelds. Auf Englisch. »Mein Englisch ist viel besser geworden. Die Spieler verstehen mich«, erklärt er. Das stimmt wohl. Fünf Siege, zwei Unentschieden, Torverhältnis 10:4 und aktuell Tabellenplatz zwei in der Ligat ha’Al, der ersten israelischen Liga. Das ist keine schlechte Bilanz für den deutschen Fußballlehrer.
Lothar Matthäus, 47, der deutsche Weltmeisterspieler von 1990, ist nach seinen meist recht kurzen Trainerstationen in Wien, Salzburg und Belgrad, als Nationalcoach in Ungarn und bei Atletico Paranaense in Brasilien also in Israel gelandet. Maccabi Netanja war mal eine richtig große Nummer im israelischen Fußball. Das ist allerdings knapp 30 Jahre her. Einige vergilbte Fotos und eine Menge Pokale zeugen noch von dieser Zeit. Damals galt Netanja beinah als das Synonym für die israelische Nationalmannschaft. Eher lieblos sind die Insignien dieser Epoche nun in den Katakomben des Stadions hinter trüben und angestaubten Glasvitrinen aufgereiht. Davor sitzt Matthäus immer dann, wenn er Journalisten Interviews gibt.
»Kufsa«, die Box, nennen die Fans von Netanja liebevoll ihr Stadtstadion, das den Charme einer gepflegten deutschen Bezirksliga-Sportanlage versprüht. Die ersten drei Heimspiele von Netanja im Sartov-Stadion, wie es offiziell heißt, besuchten im Schnitt nur 3.700 Zuschauer. »Aber die machen ordentlich Stimmung. Klar, das ist hier nicht Premier League. Wir dürfen das nicht besser machen, als es ist. Schlechter aber auch nicht«, sagt Matthäus, bevor er mit dem Training beginnt.
Ein neues Stadion vor den Toren der nordisraelischen Stadt ist so gut wie fertig und soll spätestens zur nächsten Saison sportlich bezogen werden. »Dann wird vieles besser«, ist sich Matthäus sicher. Wenn er dann noch hier ist.
Daniel Jammer, ein jüdischer Geschäftsmann aus Frankfurt hat Lothar Matthäus zu dieser Saison nach Netanja, das zum weiteren Einzugsbereich von Tel Aviv zählt, gelockt. Jammer ist reich und hat noch um einiges reicher in eine russische Businessfamilie eingeheiratet. Mit dem vielen Geld, sagt der 42-Jährige ganz offen, »spiele ich mein persönliches Managerspiel.« Und wer den Selfmillionär anschaut, glaubt ihm das. Jammers Sätze kommen nur selten ohne englische Vokabeln aus. Sein Verhältnis als Klubeigner zu seinem Trainer Matthäus beschreibt er als eine »echte Win-win-Situation« und »den Lothar als jemanden, der im Pitch und nach dem Pitch immer leidenschaftlich ist«.
Jammer hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sein Managerspiel in Netanja auf fünf Jahre begrenzt ist. 2006 kaufte er den Klub für zwei Millionen US-Dollar. Jammer lotste einen Spieler aus Brasilien, einen Nationalspieler aus Costa Rica und einen Auswahlkicker aus Südafrika in die ehemalige Diamantenstadt.
Der Diamant ziert noch immer das gelb-schwarze Wappen des Vereins. Unter dem Duo Jammer/Matthäus soll er endlich wieder mächtig funkeln, so wie früher. Matthäus’ Vertrag läuft bis in das Jahr 2010, rund 650.000 Euro kassiert er pro Jahr. Eine Männerfreundschaft verbindet.
Matthäus redet viel über die Lebensqualität in Israel, fast mehr als über Fußball. Der deutsche Rekordnationalspieler wohnt natürlich da, wo die Reichen und Schönen von Tel Aviv wohnen. In Herzlija an der Küste zwischen Tel Aviv und Netanja.
Matthäus schwärmt vom immer schönen Wetter, den ausgezeichneten Stränden, den guten Restaurants und der Freundlichkeit der Israelis. Und wenn es ihm ganz gut geht, dann tüftelt Matthäus auch schon mal im Liegestuhl die Aufstellung für das nächste Match aus. Seine Füße werden dann von den noch bis Anfang Dezember warmen Wellen des Mittelmeeres umspült. Das ist die eine, schöne Seite des Trainerlebens in Israel.
Dass Matthäus als Deutscher bisher nie auf den Holocaust angesprochen wurde, überrascht ihn nicht. »Ich habe viele Freunde hier und kenne das Land. Die Israelis schauen immer nach vorne«, berichtet der Fußballtrainer. Matthäus bemüht sich redlich, nicht als jemand aufzutreten, dem nachgesagt wird, er wolle alles anders machen, ohne dass er viel nachdächte. Das gilt abseits des Fußballplatzes ebenso wie im Stadion. »Wir trainieren zwar am Freitagabend«, erklärt der Coach aus Deutschland, wie er den Schabbat beachtet, »aber nur so lange, dass die Spieler zum Sonnenuntergang pünktlich wieder daheim sind.«
Zur Arbeit fährt Matthäus dann über die Autobahn zum Trainingsgelände nach Netanja und wundert sich, dass er trotz Tempolimit von 110 Stundenkilometern so schnell am Ziel ist. »Ein kleines Land ist Israel, da muss man gar nicht rasen«, staunt der Coach.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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