Friedhof

Geisterbahn

von Caroline-Chrissi Wilkens

Seine Spuren sind seit Langem verschwunden. Im Jahr 1942 befahlen die deutschen Nazis, eine der größten Nekropolen der Welt zu zerstören: den Alten Jüdischen Friedhof von Thessaloniki. Heute werden Erinnerungen wach, aber es regt sich auch die Hoffnung, dass nachträglich die Würde der Toten geachtet wird. Vor zwei Jahren begannen die Bauarbeiten für die erste U-Bahnlinie der griechischen Hafenstadt ebendort, wo die Juden von Thessaloniki früher ihre Toten bestatteten.
Auf dem ehemaligen Friedhofsgelände befindet sich heute die Aristoteles-Universität. Wahrscheinlich wissen nur wenige Beschäftigte und Studenten, dass die renommierte Hochschule auf einem geschändeten jüdischen Friedhof errichtet wurde. Denn kein Erinnerungsschild weist auf die Geschichte der Begräbnisstätte hin.
Von den heute rund 5.000 Juden Griechenlands leben etwa 1.500 in Thessaloniki. Vor der Schoa waren es mehr als 50.000, die Stadt galt als »Jerusalem des Balkans«. Fast 96 Prozent der jüdischen Einwohner Thessalonikis wurden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Auf einem Teil des heutigen Universitätsgeländes befanden sich nach Schätzungen fast 300.000 jüdische Gräber, die ältesten waren knapp 2.000 Jahre alt. Man nimmt an, dass sich unter der Erde noch Reste des Friedhofs befinden.
Doch in Thessaloniki ist das Interesse an der großen jüdischen Vergangenheit der Stadt wenig ausgeprägt. So hat die Universität keinen Lehrstuhl für die Geschichte des griechischen Judentums eingerichtet, und man redet in der Stadt nicht gern über die Umstände, unter denen das jahrhundertealte Gräberfeld eingeebnet wurde.
»Die Zerstörung des Friedhofs war eine politische und keine militärische Entscheidung«, betont die Historikerin Rena Molho und weist darauf hin, dass die 350.000 Quadratmeter große Fläche des alten Friedhofs ein begehrtes Stück Land für die Stadtverwaltung war, da es sich im Zentrum Thessalonikis befand. »Die griechischen Bauarbeiter der Stadtverwaltung befolgten die An- weisungen der Deutschen und vernichteten den Friedhof.«
Sind es die Schuldgefühle, die den einheimischen Griechen die Motivation zu einer Achtung der jüdischen Kultur nehmen? Oder ist es die Art und Weise, mit der grundsätzlich in Griechenland mit den verschiedensten Projekten umgegangen wird? Das Bauprojekt der ersten U-Bahnlinie Thessalonikis ist ein ganz großes und vielversprechendes. Nach mehr als einem Jahrzehnt von Planungen haben vor zwei Jah- ren die Bauarbeiten begonnen, bis 2012 sollen sie beendet sein. Eine der 13 Metrostationen liegt neben der Universität und grenzt an das alte Friedhofsgelände.
Als im vergangenen Monat der US-Sondergesandte für Holocaustfragen, J. Christian Kennedy, Griechenland besuchte, befassten sich erstmals in- und ausländische Medien mit diesem Thema.
Schon seit Jahren steht die jüdische Gemeinde der Stadt in Kontakt mit dem U-Bahn-Unternehmen Attika Metro, die das Großprojekt durchführt. Es soll darauf geachtet werden, dass, falls die Bauarbeiter auf Gebeine stoßen, diese auf den neuen jüdischen Friedhof umgebettet werden und dass grundsätzlich mit dem jüdischen Erbe respektvoll umgegangen wird.
David Saltiel, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Thessaloniki, äußert sich zuversichtlich: »Die Behörden reagieren sensibel«, sagt er. Das Wichtigste sei, dass die Ausgänge der Metrostationen nicht an das Gelände des Alten Friedhofs stoßen. Die jüdische Gemeinde hat vorgeschlagen, die geplante Metrostation vor den Toren der Universität »Alter Jüdischer Friedhof« zu nennen. »Es gibt eine positive Haltung und einen Willen von staatlicher Seite«, so Saltiel.
Der Gemeindepräsident bedauert, dass man vom Friedhof heute fast nichts mehr vorfindet. Viele Grabsteine und Grabeinfassungen seien durch Plünderungen in Privathände gekommen, die meisten wurden nach dem Krieg als Baumaterial verwendet. Der aufmerksame Betrachter kann einzelne marmorne Grabplatten im Jüdischen Museum von Thessaloniki besichtigen, oder er entdeckt sie in Hotels – als Wanddekoration.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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