Behinderte

Gehandicapt

von Rebecca Wolfson

Lior Liebling betet überall: im Garten, in der Schule und auf der Schaukel. Mitglieder seiner Synagogengemeinde Mishkan Shalom in Philadelphia nennen ihn den »kleinen Rebben«. Der 13-Jährige ist Held des Dokumentarfilms »Praying with Lior« (»Beten mit Lior«), der von der Barmizwa eines mit dem Downsyndrom lebenden jüdischen Kindes erzählt. Der Film zeigt, wie die Gemeinde Lior erfolgreich in das Gemeinschaftsleben integriert hat – eine Herausforderung, der sich viele jüdische Gemeinden mit geistig und körperlich behinderten Mitgliedern stellen müssen.
Eine Reihe von Institutionen haben Programme ins Leben gerufen, die helfen sollen, den Dienst an jüdischen Behinderten zu verbessern. Experten sind allerdings der Meinung, die meisten jüdischen Institutionen täten nicht genug, um den physischen, religiösen und sozialen Bedürfnissen von Behinderten gerecht zu werden.
»Es gibt Menschen, die draußen vor der Tür stehen und so gern hereinkommen würden«, sagte Shelly Christensen, stellvertretende Vorsitzende einer Projektgruppe der Reformbewegung, die die Gründung eines Komitees für die Eingliederung behinderter Juden in Gemeinden unterstützt. Zwar habe es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben, so Christensen, doch man sei noch weit davon entfernt, dass jüdischen Behinderten tatsächlich überall Orte zum Beten, Lernen und zur Teilnahme am Gemeindeleben zur Verfügung stehen.
In ihrem Film »Praying with Lior« folgt Produzentin und Regisseurin Ilana Trachtman dem Teenager vom Friseurbesuch vor seiner Barmizwa bis zur Bima, und zwei Jahre später besucht sie ihn noch einmal. Mit Baseball und Hausaufgaben hat Lior zu kämpfen, doch er betet mit großer Andacht – eine Leistung, bei der ihn alle, die ihm nahestehen, unterstützt haben.
Wie Liors Gemeinde bewundern und akzeptieren ihn auch die Kinder und Lehrer an der Schule, die er besucht. »So etwas wie eine behinderte Seele gibt es nicht«, sagt die Schulleiterin der Politz Hebrew Academy, Besie Katz. Sie ist der Überzeugung, dass die Schüler Lior deshalb akzeptieren, weil sie verstanden haben, dass er zwar gewissen Beschränkungen unterworfen ist, aber genauso über Stärken verfügt.
»Gott hat jeden Menschen für eine andere Prüfung in dieser Welt gemacht«, sagt einer von Liors Klassenkameraden in dem Film. »Wir wissen nicht, was Gott tut. Wenn Gott es so gemacht hat, dass Lior das Downsyndrom hat, wollte er damit auch uns testen – nämlich wie wir Lior behandeln, ob wir was mit Lior zusammen unternehmen.«
Die Politz Academy konnte Lior auch wegen »Orot« so gut integrieren, einer Erziehungsinitiative, deren Ziel es ist, Kinder mit Behinderungen in den jüdischen Schulen Philadelphias einzugliedern. Wer an Orot teilnimmt, lernt zunächst in einer geschützten, abgeschlossenen Umgebung. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, werden die Kinder probehalber in gemischte Klassen aufgenommen.
Vorbild von Orot ist Keshet, ein Programm, das vor 26 Jahren von einer Gruppe Eltern ins Leben gerufen wurde, die an dem geringen Angebot, das jüdische Einrichtungen für ihre behinderten Kinder bereithielten, verzweifelt waren. Jetzt sind diese Kinder erwachsen, und einige nehmen am Keshet-Übergangsprogramm für 18- bis 22-Jährige teil. Es verschafft ihnen Arbeitsplätze und gestaltet Freizeitprogramme für junge Erwachsene.
Das größte Problem für Orot und Keshet ist wie für so viele jüdische Einrichtungen, die sich der Integration Behinderter widmen, das Geld, so die Organisatoren. Die Situation hat sich etwas verbessert, seitdem Menschen mit Behinderungen mehr und mehr ins Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit dringen. Das hat sich auch auf die jüdischen Gemeinden ausgewirkt. So bieten Birthright Israel und der orthodoxe Nationale jüdische Rat für Behinderte (National Jewish Council for the Disabled) jüdischen Behinderten kostenlose Reisen nach Israel an. Außerdem führt der Behindertenrat Ferienlager und Beschäftigungsprogramme für Kinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen durch.
Bei der Reformbewegung unterstützt die Arbeitsgruppe von Christensen Synagogenleiter bei der Aufgabe, behinderte Gemeindemitglieder zu integrieren. Etwa die Hälfte der Synagogen im Großraum Minnea- polis, wo Christensen jetzt lebt, verfügen bereits über ein Eingliederungskomitee. Auch die jüdischen Gemeinde von Toronto, Los Angeles, Houston und anderswo räumen dem Thema einen hohen Stellenwert ein. Vielfach werden Gemeindemitarbeiter extra für die Aufgabe abgestellt, dafür zu sorgen, dass die Einrichtung für Menschen mit Behinderung noch einladender wird.
»Wer immer in einer Gemeinde die Führungsrolle innehat, muss wissen, dass dieses Thema für die Identität der Gemeinde von großer Bedeutung ist«, sagt Rabbiner Dan Grossman aus New Jersey, der selbst schwerhörig ist. »Moses stotterte, Isaak war blind, David war wahrscheinlich hyperaktiv.«
Die jüdische Gemeinschaft hat Fortschritte gemacht bei der Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen. Doch Liors Vater, Rabbiner Mordechai Liebling, befürchtet, dass für seinen Sohn ein rauerer Wind wehen wird, sobald er erwachsen ist. »Das Judentum legt großen Wert auf Gelehrtheit und Bildung«, so Rabbi Liebling, »doch es ist genau so wichtig, Menschen mit anderen Fähigkeiten zu schätzen.«

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