Offenbarung

Ganz persönlich

von Alfred Bodenheimer

Was ist Tradition, und insbesondere jüdische Tradition? Eine klare Antwort darauf gibt anscheinend die erste Mischna des Traktats Awot: »Moses bekam die Tora vom Sinai und überlieferte sie an Joschua und Joschua den Ältesten und die Ältesten den Propheten, und die Propheten überlieferten sie den Männern der großen Versammlung.« Die Frage, die schon im Talmud und später bei etlichen jüdischen Denkern erörtert wird, wie dieser Traditionsvorgang denn bis zur Niederschrift der Mischna im 2. Jahrhundert tatsächlich funktioniert habe, ist hoch spannend – hier aber nicht das zentrale Thema. Hier soll es vielmehr darum gehen zu erkennen, wie die Idee von Tradition in der Tora selbst vermittelt wird und was die Grundbedingung des jüdischen Traditionsbegriffes überhaupt ist.
Man kann sagen, dieser Begriff sei auf drei Grundpfeilern fundiert. Der erste ist, wie im Beginn der zitierten Mischna betont, daß die Tora vom Sinai her kommt und daß Moses sie bekommen hat. Die zweite ist, daß Tradition in der eigenen Generation bewahrt wird, die dritte, daß sie auf einem generationenzentrierten Denken beruht. In der Sidra Waetchanan (5. Buch Moses 4, 9-10), sind die Punkte zwei und drei, Bewahren und Weitertragen, auch in ihrem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt: »Nur hüte dich und hüte deine Seele sehr, damit du nicht vergißt diese Dinge und Worte, die deine Augen gesehen haben, und damit sie nicht aus deinem Herzen weichen alle deine Tage, und du sollst sie deinen Kindern und deinen Kindeskindern bekanntmachen. Der Tag, an dem du vor J-h-w-h, deinem Gott, in Chorew, das heißt Sinai, gestanden hast, als J-h-w-h mir sagte: ‚Versammle mir das Volk, und ich werde sie mein Wort vernehmen lassen, das sie lernen werden, um mich zu fürchten alle Tage, die sie auf der Erde leben, und ihre Kinder werden sie lehren.‘«
Zum ersten Punkt, dem Zurückführen der Tradition auf Sinai, soll an dieser Stelle etwas mehr gesagt werden. Das Entscheidende ist dabei, daß der Kontakt zu Sinai einerseits durch Generationenfolge hergestellt wird, andererseits aber alle Generationen so direkt betreffen soll, daß sie selbst sich als die die Tora Empfangenden empfinden. Genau dies darf wohl auch als Grund dafür genannt werden, weshalb wir in dieser Sidra die Zehn Gebote, die wir schon in der Sidra Jitro gelesen haben, noch einmal vernehmen. Moses, in seiner Einleitung zur zweiten Verkündung, weist darauf hin, daß nun 40 Jahre nach der Offenbarung am Sinai und vor Eintritt in das Land eine neue Generation entstanden ist, die physisch nicht am Sinai gestanden hat. »J-h-w-h, unser Gott, schloß mit uns einen Bund am Chorew. Nicht mit unseren Vätern hat Gott diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir hier an diesem Tage alle leben.«
Rabbiner Abraham Ibn Esra weist darauf hin, daß es im Prinzip unklar ist, ob dieses »nicht mit unseren Vätern« bedeutet: »nicht nur mit unseren Vätern«, oder: »nicht mit unseren Vätern, sondern ausdrücklich nur mit uns«. Moses, der hier geistig den Generationensprung vollzieht und sich selbst in die Generation jener einbringt, die nur von ihren Eltern vom Sinai wissen, macht jedenfalls eines klar: Der Bund wird mit jenen geschlossen, die am Leben sind, ob von neuem oder zum ersten Mal, ist vor diesem Hintergrund beinahe sekundär.
Damit ist der Bezug zu Sinai auch der Mythologie eines Erzählvorgangs entrückt. Was Moses am Sinai erhalten hat, hat er selbst der nächsten Generation nicht einfach weitererzählt, er selbst springt gewissermaßen in die nächste Generation hinein, um innerhalb dieser in der Gemeinschaft der Lebenden diesen Bund mit Gott neu zu schließen. Dieser Generationensprung bedeutet, daß Bewahren und Übermitteln letztlich dasselbe sind. Der Bewahrende Moses findet sich selbst auch in der Gruppe wieder, die neu übermittelt bekommt.
Damit läßt sich auch der Bund vom Sinai nicht einfach in der Vergangenheit festmachen. Indem jede Generation im Empfangen die Übermittelnde und im Übermitteln die Empfangende ist, wird auch der geschlossene Bund zeitlos und der Akt der Bundesschließung ein permanenter – nicht nur in seiner Gültigkeit, sondern in seinem neuen Entstehen. Damit wird die jüdische Tradition zu einer in jedem Augenblick ihres Empfangens, Bewahrens und Übermittelns eigentlich von neuem welthistorischen Ereignis, indem der Bund Gottes »mit den Lebenden« geschlossen wird.

Waetchanan: 5. Buch Moses 3,23 bis 7,11

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