Julius H. Schoeps

Fünf Minuten mit dem Historiker Julius H. Schoeps über 200 Jahre Humboldt-Universität

Herr Schoeps, die Humboldt-Universität Berlin feiert Ihren 200. Geburtstag. Gibt es eigentlich eine jüdische Geschichte dieser Universität?
Selbstverständlich. Die Geschichte der Humboldt-Universität, die ja als Friedrich-Wilhelm-Universität gegründet wurde, ist aufs Engste verbunden mit der preußisch-jüdischen und Berliner jüdischen Geschichte. Viele jüdische Wissenschaftler prägen das Bild der Universität bis heute. Diese Tradition deutete sich schon in den Anfängen der Universität an. Die Namensstifter der heutigen Universität, die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, waren befreundet mit den Kindern von Moses Mendelssohn, dem bedeutenden jüdischen Philosophen, und wurden auch gemeinsam mit diesen ausgebildet.

Neben der großen jüdischen Wissenschaftstradition gibt es ja auch eine Geschichte der Ausgrenzung von Juden. Stellte die Friedrich-Wilhelm-Universität hier etwas Besonderes dar?
Juden hatten es an allen deutschen Universitäten sehr schwer. Es war ihnen im 19. Jahrhundert fast unmöglich, eine Karriere zu machen, auch wenn sie sehr gute Wissenschaftler waren. Sie konnten es gerade mal zum Privatdozenten bringen, aber in ein Ordinariat zu gelangen, war schlicht unmöglich. Das jedoch war keine Besonderheit der Berliner Universität.

Werden diese beiden Geschichten, die der jüdischen Forschung und die der antisemitischen Ausgrenzung, bei den Feiern zum Universitätsjubiläum, die aktuell stattfinden, ausreichend gewürdigt?
Ja, man bemüht sich sehr, die Geschichte der Humboldt-Universität aufzuarbeiten. Das geschieht seit einigen Jahren. Ein gutes Zeichen ist auch die Gründung des Kollegiums für Jüdische Studien, die im Juli dieses Jahres erfolgte.

Das Kollegium für Jüdische Studien wird ja von Ihnen und der Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun geleitet. Was geschieht da?
Wir machen das, worüber wir gerade gesprochen haben: Wir erforschen die jüdische Geschichte der Humboldt-Universität. Da betreten wir auf bestimmten Feldern wissenschaftliches Neuland. Wir werden uns erlauben, Fragen zu stellen, die bislang noch nicht gestellt wurden. Und wir wissen schon jetzt, dass wir Funde machen werden.

Nennen Sie doch bitte ein Beispiel.
Friedrich Julius Stahl ist ein wunderschönes Beispiel. Er war ein deutscher Rechtsphilosoph und Staatsrechtler, der als Nachfolger Georg Wilhelm Friedrich Hegels an der Friedrich-Wilhelm-Universität lehrte. Bis zu seiner Taufe hieß er Jolson. Als Wissenschaftler gilt er als ein Begründer des christlichen Konservativis- mus. Stahl wollte, dass Politik auf der Grundlage des christlichen Glaubens stattfindet. Wenn man sich heute mit Stahls staatsrechtlichen Schriften beschäftigt, fällt auf, dass sich sehr viele Parallelen zum Judentum aufzeigen lassen. Das ist sehr spannend.

Sie selbst leiten ja das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Wie präsent können Sie an dem Kollegium sein?
Ich werde Vorlesungen halten, und ich betreue an der Humboldt-Universtät eine Anzahl Doktoranden. Wir planen ein Postgraduierten-Kolleg aufzubauen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Mit dem Historiker und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam sprach Martin Krauß. Foto: imag0

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