Alltag in Sderot

Frontbericht

von Olaf Glöckner

Ruthie Eitan ist Optimistin. Im Sapir College nahe der südisraelischen Grenzstadt Sderot – und damit am Gasastreifen gelegen – lehrt sie Moderne Europäische Kultur und Geschichte. An diesem Ort zu dozieren, kann lebensgefährlich sein. Rund 150 palästinensische Kassam-Raketen sind in den vergangenen Jahren auf dem Campus eingeschlagen. Dennoch möchte Ruthie Eitan gerade hier ein Zentrum für Friedensforschung einrichten – in der Hoffnung auf kommende, bessere Tage.
In Berlin-Zehlendorf, der Partnerstadt von Sderot, wollte man mehr wissen über einen Campus-Alltag unter ständiger Be-
drohung. So lud man Ruthie Eitan vergangene Woche ins Gutshaus Steglitz ein, zu einer Gemeinschaftsveranstaltung des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Israelischen Botschaft. Bezirksbürgermeister Norbert Kopp betonte eingangs, die Zehlendorfer könnten wohl Mitgefühl zeigen, die eigentliche Dimension der Probleme in Sderot aber nur teilweise erfassen.
In der Tat war es die Atmosphäre einer Geisterstadt, die die Historikerin Eitan dann in ihrem einstündigen Vortrag be-
schrieb: »In Sderot sind keine Cafés geöffnet, es gibt keine Kultur und auch kein städtisches Kino. Die Leute gehen nur selten raus, oft meiden sie sogar den Supermarkt und die Tankstellen. Die meisten Kassam-Raketen werden zwischen halb acht und halb neun am Morgen abgefeuert, genau dann, wenn viele Kinder, Studenten und Berufstätige unterwegs sind. Wenn Raketenalarm gemeldet wird, bleiben noch ganze 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen.«
Die Situation hatte sich in den vergangenen Wochen offenbar so zugespitzt, dass Ruthie Eitan sogar einer Gruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft davon abgeraten hatte, das Sapir College zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu besuchen.
Berlins DIG-Chef Jochen Feilcke, der mit einer kleinen Gruppe von Bundestagsabgeordneten im vergangenen Sommer – während des Libanonkrieges – den Norden Israels besucht hatte, räumte anerkennend ein: »Dieses Land funktioniert auch unter Beschuss.«
So sieht es auch Ruthie Eitan, doch fühle sich ein Großteil der Sderoter Bevölkerung momentan von der israelischen Regierung ignoriert und im Stich gelassen. »Viele sagen zynisch, wenn nur eine einzige Rakete auf Tel Aviv fallen würde, dann könnte sich das fehlende Problembewusstsein im Land rasch entwickeln.«
Im Sapir College mit seinen rund 8.000 Studenten versucht man derweil, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten. Wohl zu Unrecht hält sich das in- und ausländische Interesse an diesem Bildungszentrum in Grenzen.
Dabei wird multikulturelles Zusam-
menleben hier nicht nur diskutiert, sondern auch praktiziert. »Auf dem Campus sind Bauarbeiter aus Ramallah beschäftigt – und die werden akzeptiert«, erzählt Ruthie Eitan. »In der Bibliothek sitzen verschleierte Beduinen-Frauen neben orthodoxen Juden und Neueinwanderern aus Russland, Marokko und Südafrika. Alle kommen gut miteinander aus. Das College ist ein wichtiger Arbeitgeber für die strukturschwache Region. Daneben gibt es vielen jungen Leuten erst eine Perspektive, die sich hier fortbilden, Sprachkurse absolvieren oder sich auf ein akademisches Studium vorbereiten.«
Nun aber nagt der Kassam-»Belagerungszustand« an den Gemütern. »Nach Nächten mit Raketenalarm sitzen die Ju-
gendlichen mit geröteten Augen im Unterricht, sie sind unkonzentriert, sie rauchen viel. Aber es gibt auch einen sehr engen Zusammenhalt, eine solidarische Atmosphäre.« Wenn die individuelle Belastung zu hoch wird, versucht das psychologische Beratungszentrum am Sapir College zu helfen – ein Zentrum, das allen Anwohnern der Region zur Verfügung steht. Ein Drittel von ihnen, so schätzt man, leidet mittlerweile an posttraumatischen Störungen.
Ruthie Eitan bleibt dennoch optimis-tisch und realistisch: »Im Bildungs- und Erziehungsbereich hat man in Gasa doch ganz ähnliche Probleme wie wir. Die pädagogische und die soziale Betreuung müssen verbessert werden, gerade für die junge Generation. Denn die Jugendlichen sind die Hoffnungsträger, auf beiden Seiten.« Mit ihrer Idee von einem Zentrum für Friedensforschung hat Ruthie Eitan bereits Kontakt zur Konrad-Adenauer-Stiftung aufgenommen, und in Berlin wünscht sie sich Menschen, über ein solches Projekt nachdenken. Israels Botschaftsrat Joel Lion verwies darauf, dass nicht nur Sderot eine Partnerschaft mit Zehlendorf eingegangen sei, sondern auch der umliegende Landkreis Sha’ar ha Negev eine solche mit Karlsruhe. »Vielleicht können ja alle vier nun gemeinsame Projekte beginnen«, regte Lion an. Maya Zehden von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit betonte die Notwendigkeit, gerade in Deutschland einem noch verbreiteten Bild entgegenzuwirken, dass Israel gar keinen Frieden wolle. »Besser als Ruthie Eitan«, sagte Maya Zehden abschließend, »kann man die Friedenssehnsucht des Landes kaum ausdrücken.«

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