Verantwortung

Frischer Wind

Die jüdischen Gemeinden hierzulande stehen vor weitreichenden Entscheidungen. Zwanzig Jahre nach dem Entschluss, die Einwanderung osteuropäischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nicht nur zuzulassen, sondern po litisch sogar zu fordern und vor Ort zu fördern, beginnt nun – vor allem in den kleinen und mittelgroßen Gemeinden – der Machtwechsel. An einigen Orten haben die Zuwanderer das alte Establishment bereits abgelöst, in anderen Gemeinden steht der Wechsel vor der Tür.
Der demografische Faktor lässt keine Alternative zu. Ohne die Zuwanderer und ihre Kinder würde es die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in heutiger Stärke nicht geben. Einzelne Gemeinden waren vor zwanzig Jahren kaum mehr überlebensfähig, selbst im Traum dachte niemand an Neugründungen. Dass Macht und Verantwortung jetzt an Zuwanderer übertragen werden, ist also nur konsequent.
Doch diese Schlussfolgerung allein ist zu einfach. Der interne Führungswechsel von einer Gruppe auf eine andere sichert noch nicht die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. In einigen Gemeinden beruht der Neuanfang ausschließlich auf dem Willen Einzelner, Macht zu übernehmen und bisherige Strukturen zu verändern, ohne jedoch neue inhaltliche Konzepte anzubieten. So bleibt in vielen Fällen die religiöse Gestaltung der Gemeinde für die Zukunft völlig ungeklärt. Mehr und mehr stellt sich heraus, dass manchen neuen Führungskräften gerade hierbei Kenntnisse und Erfahrungen fehlen, die aber perspektivisch dringend gebraucht werden, vor allem, wenn die Gemeinden neue Rabbiner und Kantoren suchen.
Das Judentum, besonders das in den USA, hat in den vergangenen Jahrzehnten die Vielfalt religiöser Strömungen erheblich und sehr lebendig ausgebaut. Gemeinden in Deutschland nutzen diesen Reichtum bisher zu wenig, viele kennen ihn kaum, geschweige denn sein großes Potenzial. So verwundert es nicht, dass einige von ihnen unter neuer Leitung Gefahr laufen, demnächst nur noch als Kultur- und Traditionsgemeinschaften geführt zu werden. Zwar bleiben sie in ihrer Hülle weiterhin jüdische Gemeinden, doch verlieren sie ihre wichtigste Aufgabe: den Mitgliedern religiöse Heimat zu sein.
Ein Führungswechsel aus reinen Machtinteressen birgt aber noch weitere Gefahren. Er würde die etablierten Gemeindemitglieder isolieren, die in den vergange- nen Jahren erheblich zur Integration der Zuwanderer beigetragen haben. Sie allein haben es unter schwierigen Bedingungen ermöglicht, dass sich die Machtverhältnisse in den Gemeinden jetzt verändern. Sie nicht einzubinden, sie im schlimmsten Fall sogar auszugrenzen, würde der Zukunft des Judentums in Deutschland erheblich schaden.
Ebenso unverantwortlich wäre jetzt eine Trotzhaltung der Alteingesessenen. Natürlich ist es schwierig, Verantwortung abzugeben. Doch auch hier gilt es, den Veränderungen gerecht zu werden und neue Wege einzuschlagen.
Im Jahr 20 nach dem Beginn der jüdischen Zuwanderung in Deutschland ist die Zeit reif dafür, Macht und Führung in den Gemeinden zu teilen – sowohl zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern als auch zwischen den Generationen. An zahlreichen Orten drängen die inzwischen erwachsenen Kinder der Zuwanderer an die Spitze. Viele von ihnen haben an deutschen Universitäten studiert und sind – anders als ihre Eltern – mit den Gepflogenheiten hierzulande genauso vertraut wie die Alteingessenen. Doch als Zuwandererkinder wissen sie, wie »die Russen« ticken. Das prädestiniert sie, mehr als nur ein Wörtchen mitzureden.
Wenn der Prozess der Machtübergabe nach demokratischen Regeln und in grundlegender Übereinstimmung zwischen den Gruppierungen über die Bühne geht, kann die jüdische Gemeinschaft in Deutschland aus dieser Entwicklung großen Nutzen ziehen. Doch Führungswechsel sind nur dann sinnvoll, wenn sie mit klaren inhaltlichen Vorstellungen und zukunftsorientierten Konzepten verbunden sind.
Die jüdische Gemeinschaft hierzulande benötigt in den kommenden Jahren mehr denn je gemeinsame Grundüberzeugungen und solidarisches Handeln. Sachliches Streiten um Positionen und Visionen wird es – und soll es – dabei immer geben. Was wir uns allerdings nicht leisten dürfen, sind persönliche Eitelkeiten oder die mutwillige Isolierung von Mitgliedern aus reinem Machtinteresse.
Gelingt uns dieser Wandel ohne größere Reibungsverluste, dann werden wir bald die Konturen eines neuen deutschen Judentums am Horizont erblicken.

Leipzig

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