Stockholm

Frauenrolle

von Katharina
Schmidt-Hirschfelder

Für Lena Posner-Körösi ist es ein Etappensieg. Die umtriebige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Schweden hat an den Grundfesten der Stockholmer Gemeinde gerüttelt – und an den Grundfesten des Gottesdienstes. Seit Herbst 2006 veranstaltet die Große Synagoge im Zwei-Wochen-Rhythmus egalitäre Gebete, bei denen auch Frauen zur Tora aufgerufen werden. Mittlerweile steht die Stockholmer Einheitsgemeinde vor einer Spaltung.
Eigentlich sollte die Öffnung mehr Zulauf bringen, doch der erhoffte Effekt blieb bislang aus. Kritikern ihrer Reform hält Posner-Körösi dennoch das Beispiel einer alten Jüdin entgegen. Ihre Enkelin stieg aufs Podest und begann laut zu lesen. Die Großmutter war stark ergriffen. Sie hatte gemischte Gefühle. Einerseits fand sie es falsch, dass eine Frau aufgerufen wurde. Andererseits war es fantastisch für sie, ihre Enkelin aus der Tora vorlesen zu hören.
Mitgetragen wird die Neuerung vom Kantor der Großen Synagoge Maynard Gerber. Aber auch er betrachtet die Reform skeptisch. Viele Gemeindemitglieder seien verunsichert, deshalb wünsche er sich mehr Behutsamkeit. Religion habe mit Gefühlen zu tun: »Man kann nicht plötzlich auf Knopfdruck anders empfinden«, erklärt Gerber. »Änderungen solcher Art brauchen eben mehr Zeit als technische Entwicklungen. Hier geht es nicht um das neueste Nokia-Handy.«Viele alte Mitglieder fühlen sich in der Großen Synagoge nicht mehr aufgehoben, so Gerber. Das Haus des Gebets habe sich in den vergangenen Monaten zum »Haus des Experimentierens« gewandelt – für Gerber ein fragwürdiger Trend: »Man will innere Ruhe in der Synagoge finden. Genau das bekommen die Menschen zurzeit nicht.«
Stattdessen bekommen Stockholms Juden eine moderne Auslegung der Tora. »Als Gott Mann und Frau schuf«, sagt Posner-Körösi, »hatte er gewiss nichts dagegen, dass auch Frauen aus der Tora vorlesen.« Männer und Frauen sollten zusam- men darauf hinarbeiten, die jüdische Tradition weiterzuführen. Im Talmud und in vielen rabbinischen Schriften habe es immer Diskussionen darüber gegeben. Diese Ansicht unterstützt auch Marina Burstein. Wenn die Mitarbeiterin des Stockholmer Hillel-Verlags bisher am Minjan teilnehmen wollte mit Kippa und Tallit, musste sie ins Ausland fahren. Seitdem dies auch in ihrer Heimatstadt möglich ist, macht sie aktiv Gebrauch davon. Mit glänzenden Augen schwärmt die Mittvierzigerin von der »freundschaftlichen Atmosphäre« und sagt statt »egalitär« lieber »geschlechtsneutral«.
Bei aller Gleichstellung zwischen Frauen und Männern sei die Religion mit ihren »archaischen Elementen« die letzte Bastion. Deshalb ist der Konflikt innerhalb der Gemeinde für sie ein Problem der Männer. Damit schieben Männer den Frauen die Verantwortung dafür zu, dass sie mit ihrer eigenen Sexualität nicht klarkommen.»
Doch ganz so einfach ist es wohl nicht. Seit Kurzem werden sogar Stimmen laut, man solle die Gemeinde für alle öffnen – Juden und Nicht-Juden. Für Kantor Gerber beinhaltet dies schwer absehbare Folgen für Stockholms rund 4.400 Juden: «Irgendwo sollte man die Grenze ziehen. Wenn man Dinge einfach fließen lässt, dann ufern sie irgendwann aus. Wenn eine Minderheit diese Grenze aufhebe, so seine Prognose, dann verschwinde sie.

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