Beitar Jerusalem

Fiese Fans

von Martin Krauss

»Bastarde und Idioten«, platzte es aus dem Milliardär Arkadi Gaydamak heraus. Er meint die Fans des israelischen Fußball-
meisters Beitar Jerusalem. Gaydamak ist seit drei Jahren Besitzer des Vereins. Und drei Minuten lang stand der Klub beim Spiel gegen Maccabi Herzlya Mitte April im Jerusalemer Teddy-Stadion vor seiner sechsten israelischen Meisterschaft. 1:0 führte Beitar in der 87. Minute, und mit einem Sieg wäre der Vorsprung fünf Tage vor Ende der Saison mit 15 Punkten uneinholbar gewesen.
Doch die drei Minuten Geduld brachten die Fans von Beitar Jerusalem nicht auf. Sie stürmten das Feld, der Schiedsrichter Allon Yeffet unterbrach zunächst. »Kaum wollten wir fortsetzen, stürmten die Fans wieder aufs Feld«, sagte Yeffet. »Danach war es sinnlos, noch weiter zu warten.«
Der israelische Fußballverband (IFA) verurteilte Beitar: Das Spiel gegen Herzlya wird als 0:2-Niederlage gewertet, die letzten drei Heimspiele dürfen nur vor leerer Kulisse stattfinden – wovon auch das letzte Spiel der Saison, Ende Mai gegen den arabischen Klub Bnei Sakhnin betroffen ist. In die nächste Saison startet Beitar mit vier abgezogenen Punkten.
Die Fans von Beitar gelten als der ge-
walttätigste und politisch am weitesten rechts stehende Vereinsanhang, den der israelische Fußball zu bieten hat. Gerade bei Spielen gegen das eher als links geltende Hapoel Tel Aviv oder gegen den einzigen arabischen Klub in der Ligat Ha’al, Hapoel Bnei Sakhnin, kommt es zu Ge-
waltausbrüchen.
Mit 20 Verurteilungen seit 2005 hält Beitar auch hier den Ligarekord. Beitar-Vorsitzender Eli Arazi sieht das alles ganz anders. »Wenn die IFA wirklich denkt, so könnte sie Beitar verändern, dann macht sie einen großen Fehler.« Er verweist darauf, dass die Klubführung in den letzten Jahren, gerade auf Veranlassung des Besitzers Gaydamak, viel unternommen habe.
In Wirklichkeit findet aber ein Machtkampf zwischen dem russischen Milliardär und den Fans statt. Gaydamak wollte dem Klub nämlich internationales Flair verpassen und holte mit dem Franzosen Luis Fernández und dem Argentinier Osvaldo Ar-
diles international erfahrene Trainer, die jedoch sportlich und an den Fans scheiterten. Besonders empörten sich die Fans, als Gaydamak den damaligen Zweitligisten Bnei Sakhnin finanziell unterstützte, da-
mit er wieder in die Ligat Ha’al aufsteigen könne. Dann wollte Gaydamak mit der Verpflichtung des israelischen Nationalspielers Abbas Suan auch zum ersten Mal ei-
nen Araber im Beitar-Trikot auflaufen lassen. Das jedoch verhinderten die Fans.
Auch andere Klubs stören sich am IFA-Urteil: Das zum Gewinner der abgebrochenen Partie erklärte Maccabi Herzlya liegt nun auf Platz sechs der Tabelle, wäre aber im Falle einer Niederlage auf dem zehnten Platz gelandet, gerade mal zwei Punkte von den Abstiegsrängen entfernt. »Die Bestrafung sollte nur dem schuldigen Klub gelten«, sagt Aviv Bushinsky von Maccabi Tel Aviv, »nicht der Hälfte der Liga.«
Für Gaydamak ist der Fall eine be-
sonders schlimme Niederlage im Machtkampf mit den Fans. »Diese Leute sind hoffnungslos, unverschämt und dumm. Es ist mein Team, nicht ihres«, schimpft er. »Sie sollten aus dem Stadion verschwinden, von Beitar und aus unseren Leben.«
Er könnte den Machtkampf verlieren. »Es gibt keinen anderen Fußballverein, dessen Identität so vollständig verknüpft ist mit der Identität seiner Fans«, schreibt die Jerusalem Post. »Als er sagte, es sei sein Team und nicht ‚ihres‘ hat er gezeigt, wie fremd ihm die israelische Wirklichkeit ist.« Für die Tageszeitung Haaretz ist die IFA schlicht und einfach überfordert. Die Staatsanwaltschaft müsse handeln, heißt es in dem Blatt.
In einem Haaretz-Gespräch deutete Gaydamak an, dass er sich von Beitar zu-rückziehen will: »Alles, was passiert ist, ist, dass ich doppelt bestraft wurde – von den Fans und von der IFA. Dabei brauchen mich beide, und beide erhalten große fi-
nanzielle Unterstützung von mir.«

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