Nelly-Sachs-Haus

Fernsehen unterm Davidstern

von Jan Popp-Sewing

Wie integriert man einen Toraschrein in einen Fernsehraum? Wie gestaltet man einen jüdischen Speisesaal? Und wie bringt man einen meterhohen Davidstern in einem großzügigen Foyer unter? Das waren Fragen, mit denen sich die Architekten Margret Balkow und Ernst Endres konfrontiert sahen, als sie den Auftrag zum Um- und Ausbau des Nelly-Sachs-Hauses, des Altenheims der Düsseldorfer Gemeinde, erhielten.
Bislang war die 2003 fertiggestellte, detailreiche Arbeit der Architekten nur für Gemeindemitglieder sichtbar. Am vergangenen Sonntag öffnete das am Nordpark, einer der grünen Lungen Düsseldorfs, gelegene Haus erstmals seine Tore für alle Architektur-Interessierten. Anlaß war der landesweite Tag der Architektur. Rund 25 Besucher nahmen an den Führungen der Architekten teil. Eine Premiere für Besucher und Bewohner.
Mit den blau bezogenen Holzstühlen im Speiseraum hatte vor zehn Jahren alles angefangen. Das Haus suchte neue Stühle, Margret Balkow sollte helfen. Unter 50 zur Auswahl stehenden Sitzmöbeln wählte die Architektin diejenigen aus, die heute akkurat entlang der Tische aufgereiht sind und klassische Eleganz ausstrahlen: formschön, praktisch und haltbar. Wer darauf sitzt, wird unmerklich in eine gerade Position gerückt und findet Halt an den stabilen Armstützen – Voraussetzung für Essen in Würde. »Die alten Leute sollen eine gute Figur machen.« Die Wirkung ist kein Zufall, schließlich stammt der Entwurf vom gefeierten Wiener Jugendstil-Wegbereiter Josef Hoffmann – aus dem Jahr 1905. Das heißt, die Idee zu den Stühlen ist etwa so alt wie ihre ältesten Nutzer heute.
Mit den Sitzmöbeln war der Kontakt hergestellt, und als wenig später der Wettbewerb zum An- und Umbau anstand, machte die bereits auf Behinderten-Wohnheime spezialisierte Architektin mit. Ihre Vorschläge fanden Zustimmung beim Gemeinderat. Es ging darum, das jüdische Elternwohnheim, das Ende der 60er Jahre gebaut wurde, nach neuen Vorschriften seniorengerecht umzubauen und – bei laufendem Betrieb – zu erweitern: von 97 auf 110 Plätze. Ein Projekt mit einem Volumen von zwölf Millionen Mark. Es war jedoch nicht einfach nur eine bauliche Maßnahme, sondern auch Möbel, Einrichtung und Farbgestaltung fielen ins Aufgabenfeld der Planer. Sie sollten Atmosphäre schaffen. Die beiden Architekten tauchten tief in die jüdische Tradition ein, wissend, daß es gerade auf die Details ankommt.
Schwierig war zum Beispiel die Aufgabe zu lösen, wie man einen Toraschrein im Fernsehraum unterbringen kann, ohne religiöse Gefühle zu verletzen. Architekt Endres kam auf die Idee, einen weißen Schrank mit Schiebetüren zu bauen. Einmal geschlossen, erinnert nur das ewige Licht an die Tora. Der Fernseher wurde ins andere Ende des hellen Raumes geschoben, so daß die TV-Zuschauer mit dem Rücken zum Toraschrein sitzen. Übrigens: In die Decke ist ein großer Davidstern mit Lichtern eingelassen. Ein weiterer deutlicher, aber erst beim Hochschauen sichtbarer Hinweis auf den besonderen Charakter des Hauses.
Auf einen Davidstern trifft man auch im Foyer. Von der großzügigen Cafeteria aus kann jeder Besucher, der in die Sicherheitsschleuse tritt, durch einen großen Davidstern hindurch gesehen werden. Esra Cohn, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, hält die Ideen der Architekten für gelungen. Er begleitet die Besucher bei ihrem Rundgang und beantwortet ihre Fragen.
Richtig stolz ist Ernst Endres, ursprünglich übrigens Bildhauer, auf die Menora im weiß-blau gehaltenen Speisesaal vor der koscheren Küche. Der massive Leuchter aus Silber und Messing ist nach seinem Entwurf gegossen worden und zieht die Blicke magisch an. Auch, daß sich die alten Herrschaften im Speiseraum gern unterhalten, haben die Planer bedacht. Eine Zwischendecke mit Schallschutzschicht sorgt für angenehme Akustik. Der Fußboden ist ebenfalls eine Spezialanfertigung. »Erstaunlich, an was Architekten alles denken«, ist aus der Besuchergruppe zu hören. Die Zimmer bieten all den Komfort, der heute in behindertengerechten Häusern Standard ist. Und an keiner Tür darf die Mesusa fehlen.
Auch was das Energiesparen angeht, ist das Haus vorbildlich. Eine 190 Quadratmeter große Dachfläche ist von Sonnenkollektoren bedeckt. Die Anlage reduziert die Energiekosten des Hauses um 30 Prozent, wofür es vom Land Nordrhein-Westfalen jüngst einen Energiesparer-Preis gab.
Rundgangsteilnehmer Josef-Wolfgang Roland, selbst Immobilienmakler, findet das Haus »sehr qualitätsvoll« und die Atmosphäre angenehm. Das »Sterile«, das man aus Krankenhäusern und anderen Heimen kenne, fehle völlig. Für den Architekten Stefan Semler aus München war der angebotene Rundgang ein Grund, in Düsseldorf einen Zwischenstop einzulegen. Er ist gerade mit einem Altenheim in Weißenburg befaßt. Dort finde er »eine ganz ähnliche Situation« vor und freue sich über diverse Anregungen.
Die wenigen Bewohner, die während der Führung in den Gemeinschaftsräumen saßen, ließen sich durch das Interesse der vielen fremden Menschen übrigens keineswegs stören, sondern schauten kurz auf – um ihre Unterhaltung dann fortzusetzen.
Architektin Margret Balkow ist mit dem Interesse an der Führung zufrieden. Immer wieder melden sich während der zweieinhalb Stunden neue Besucher an der Pforte, die einen Blick ins Haus werfen möchten. Mehrfach erzählt sie Neuankömmlingen die Geschichte vom Umbau des Nelly-Sachs-Hauses, die mit der Wahl der blauen Stühle begann.
www.jgd.de/Elternheim

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026