Jugendkongreß

Feiern, Flirten, Diskutieren

von Marc Simon

Es geht um Bedrohung, Spaltung – und um Spaß. Über 500 junge Gemeindemitglieder aus ganz Deutschland sind am vergangenen Wochenende nach Düsseldorf gekommen zum Jugendkongreß der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Für Eugen Ballin, einen 22jährigen aus Heidelberg, ist der Kongreß die »größte Veranstaltung auf jüdischer Ebene«. Für die lohne es sich, »auch extra nach Düsseldorf zu kommen«. Jonathan Heuberger (21) aus Frankfurt bedauert es, daß der Kongreß nur einmal im Jahr stattfindet. »Wir müßten uns eigentlich viel öfter treffen.« Der Kongreß sei eine gute Möglichkeit, Spaß zu haben, zu feiern, aber auch um seine Meinung zu äußern zu vielen Dingen, die während des Jahres leider falsch liefen. Speziell interessieren ihn die innerjüdischen Konflikte in den Gemeinden und die Herausforderungen, die durch die Zuwanderung entstanden sind. Und damit war er mitten im Thema, für das sich 350 Teilnehmer im Vorfeld per Internet entschieden hatten: »Bedrohung von außen – Spaltung von innen«.
Zum Programm gehören auch in diesem Jahr Vorträge, Lesungen, Podiumsdiskussionen und die beliebte Abschlußparty, zu der zusätzlich weitere 350 Gäste aus der ganzen Region nach Düsseldorf kommen. Einen »Kongreß der Superlative« kündigte der ZWSt‐Vorsitzende Abraham Lehrer in seiner Eröffnungsrede an. So sind denn auch hochkarätige Referenten zu hören: Über die »Bedrohung von außen« sprechen Heinz Fromm, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und Ron Prosor, bis Juni 2006 Generaldirektor des israelischen Außenministeriums und möglicher zukünftiger Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik. Zum Thema »Spaltung von innen« können die Teilnehmer, wie von vielen im vergangenen Jahr gefordert, mit einem Podium aus Zentralratsfunktionären diskutieren, darunter Vizepräsident Dieter Graumann und die Prä‐ sidiumsmitglieder Nathan Kalmanowicz und Josef Schuster.
Und weil Diskutieren hungrig macht, sorgte die ZWSt wie jedes Jahr auch für das leibliche Wohl der Kongreßteilnehmer. Ein Teil der Hotelküche war einen Tag vor dem Kongreß gekaschert worden, Essen und israelisches Küchenpersonal brachte die ZWSt selbst mit. Dabei verläßt sie sich seit Jahrzehnten auf das gute Gespür von Benjamin Bloch, dem Direktor der Organisation, der auch in diesem Jahr die Planung und das Rahmenprogramm zur Chefsache erklärt hatte. Zu Recht rühmt er sich, daß er und sein eingespieltes Team vor einigen Jahren sogar den heutigen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert – damals war er noch Bürgermeister von Jerusalem – zum Jugendkongreß geholt haben.
Aber auch jenseits des koscheren Essens wird auf die Vermittlung von Tradition und »Jüdischkeit« geachtet. Nicht nur die einzelnen Diskussionsrunden sind gut besucht, ebenso die Schabbat‐Gottesdienste am Freitagabend und Samstagmorgen. Dabei setzen die Veranstalter auf Rabbiner, die trotz ihres noch jungen Alters bereits erfolgreich in Großgemeinden arbeiten, wie Julien Soussan in Düsseldorf und Avichai Appel in Dortmund. Sie überzeugen mit einer Mischung aus Gebet, Witz und Gelehrsamkeit. Und es ist für Vielfalt gesorgt: In kleiner Runde halten auch die Liberalen ihre eigenen Gottesdienste ab.
Nach dem Schabbat‐Ausgang wird der Jugendkongreß dann seinem Ruf als größte jüdische Flirt‐ und Heiratsbörse gerecht. Bei der Abschlußparty unter den Blitzen des Diskolichts verwischen jegliche Unterschiede. Ob man Russisch, Deutsch oder Hebräisch spricht, ob man lieber im orthodoxen oder im liberalen Stil betet, ist plötzlich ganz unwichtig. »Spaltung von innen«? – nichts davon ist hier zu sehen. »Ich bin wegen der guten Musik und der guten Stimmung gekommen«, sagt Michaela Fuhrmann, die Vorsitzende des jüdischen Studentenverbandes in Köln. Und so geht es wohl den meisten der nunmehr 850 Partygäste, die sich auf der Tanzfläche und am Gala‐Buffet drängen.
Das Parkett und die umstehenden Podeste sind bis auf den letzten Zentimeter mit tanzenden Menschen gefüllt. Daniela Finkelstein, eine junge Journalistin aus Köln, sagt: »Ich bin auch wegen der guten Mischung aus israelischer und internationaler Musik hier. Die Band ist wirklich absolut weltklasse!« Gemeint ist die Pariser Band »Festival«, die auf dem Jugendkongreß schon seit einigen Jahren die Gäste der großen Abschlußparty mit ihrer Musik verzaubert.
Und nun tanzen sie alle: Die Damen in atemberaubenden Ballkleidern, manche Herren in eleganten Anzügen. Kollektive Ekstase. Erst um drei Uhr morgens, nachdem die Band mit der Hatikwa ihr letztes Lied gespielt hat, verlassen die Besucher die Tanzfläche.

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