Wiesbaden

Essen auf Rädern? Nicht für mich!

Am 15. September 1909 kam sie im belgischen Lüttich zur Welt. Im Ersten Weltkrieg wurde das neutrale Belgien entsprechend dem Schlieffen-Plan in die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Kaiserreich und Frankreich als Durchgangsland einbezogen und von der kaiserlichen deutschen Armee fast gänzlich eingenommen. Aufgewachsen aber ist Hertha Salus in Kaiserslautern. Ihre Familie wurde ausgewiesen. 1933 wanderte sie gemeinsam mit den Eltern und ihren beiden Brüdern nach Prag aus. Heiratete dort sechs Jahre später ihren Mann.
Das gemeinsame Glück dauerte nicht lange, 1941 deportierten die Nationalsozialisten das Paar nach Theresienstadt, es folgte das Ghetto in Riga, schließlich brachte man sie ins KZ Stutthof. Mutter und Vater der jungen Frau und auch ihre beiden Brüder starben auf dem Transport in ein Konzentrationslager, ihren Mann Erich traf sie wie durch ein Wunder wieder. »14 Tage vor unserer Befreiung durch die Russen«, erzählt die 99 Jahre alte Wiesbadenerin, die am 15. September ihren 100. Geburtstag feiert.
»Wir waren beide so abgemagert«, sagt sie, »ich selber wog gerade mal 49 Kilo«. Sie versucht so wenig wie möglich an diese Zeit zu denken, an den Holocaust, den Verlust der Familie. Einmal allerdings, da hat sie alles noch einmal Revue passieren lassen, »da habe ich dem ZDF alles erzählt, die haben ein Video gedreht für die Claims Conference«.

Versprechen Zum Glück hatte sie Verwandte in Israel und in Argentinien, die ihr nach dem Krieg halfen. Das Paar kehrte zurück nach Prag. »Ich hatte meinen Eltern doch versprochen, dass wir uns dort wiedertreffen werden.« In Prag arbeiteten beide, sie war in einem Büro beschäftigt und für die Korrespondenz zuständig. Als die Russen Prag besetzten, verließen sie die Stadt, zogen zunächst nach Kaiserslautern, dann nach Wiesbaden. In jene Wohnung am Rande der hessischen Landeshauptstadt, in der Hertha Salus noch heute lebt.
Eine Vielzahl von Judaica hat sie in ihren vier Wänden platziert. Ihr Glaube bedeutet ihr viel. »Ich halte alle jüdischen Feiertage ein, gehe jeden Schabbat in die Synagoge. Nur morgen nicht, denn da kommt meine Cousine aus Argentinien.« In Israel war sie oft. Sie weiß schon gar nicht mehr wie viele Male. Nur in den letzten Jahren nicht mehr, Cousine und Cousin sind bereits verstorben. Vor 20 Jahren starb auch ihr Mann. Was er für ein Mensch gewesen sei? Hertha Salus sucht nach Worten, ihre Antwort: »ein guter Mann«.

Freunde Zur Synagoge fährt sie mit dem Bus – den Gehstock zur Sicherheit in der Hand – oder ihr Sohn, der in der Steuerabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt beschäftigt ist, bringt sie hin. Die Gemeinde gibt ihr viel. Sie sagt: »Ich habe über sie viele Freunde und Bekannte gewonnen.« Ihren 100. Geburtstag wird sie mit ihnen allen im Gemeindesaal feiern.
Auf dem Wohnzimmertisch liegt aufgeschlagen die aktuelle Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. »Ich habe«, sagt Hertha Salus, »ein Abo, seit 40 Jahren.« Sie liest gerne – nicht nur diese Zeitung. Groß ist ihr Interesse an Büchern über das Judentum, seine Geschichte, seine Tradition und Religion, die holt sie sich am liebsten aus der Bücherei der Wiesbadener Gemeinde. Ihre aktuelle Lektüre ist »ein Buch über Jerusalem«. Gerne geht die 99-Jährige auch heute noch ins Theater oder ins Konzert. Allerdings habe sie »das Abonnement abbestellt«, gesteht sie. Zu viele moderne Inszenierungen, findet sie. Die seien meist »eine Katastrophe«, sagt Hertha Salus.
Hobby Schließlich allerdings, es ist gegen Mittag, wird sie ein wenig unruhig. Es ist Zeit zum Kochen. Ein weiteres Hobby der alten Dame. »Ich koche mir jeden Tag etwas anderes«, sagt sie, »außer Schweinefleisch natürlich, denn das ist ja nicht koscher. Eigentlich koche ich sonst alles, was es so gibt.« Ob ihr noch nie der Bequemlichkeit wegen der Gedanke gekommen ist, sich durch Essen auf Rädern versorgen zu lassen? »Oh Gott, nein«, sagt Hertha Salus, und sie muss lachen.
Die Zutaten für ihre Speisen kauft sie ebenfalls selber ein, »bis zu einem Kilo Gewicht«. Wenn es mehr ist, »machen das mein Sohn oder meine Schwiegertochter für mich«. Dann muss sie aber wirklich Schluss machen, in ihrer Küche steht schon alles bereit: »Heute gibt es Spiegelei, Kartoffeln und Spinat, schmeckt gut und ist einfach in der Zubereitung.«

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