Friedhöfe

Es wird eng am guten Ort

von Lisa Borgemeister

In Schwerin begannen die Schwierigkeiten vor knapp zehn Jahren. Die wiedererstandene jüdische Gemeinde bat die Stadtverwaltung, den 1717 entstandenen Friedhof, der zu DDR-Zeiten als Grünfläche diente, für Beerdigungen nutzen zu dürfen. Im aktuellen Flächennutzungsplan war das 5.000 Quadratmeter große Areal nicht mehr als Friedhof ausgewiesen. Lediglich ein Gedenkstein aus dem Jahr 1948 und einige erhaltene Grabsteine erinnerten an die ursprüngliche Funktion des Geländes.
Die Stadt willigte ein, doch ein Ehepaar klagte gegen diese Genehmigung für Bestattungen auf dem benachbarten jüdischen Friedhof. Zwar gab das Schweriner Verwaltungsgericht der Klage des Ehepaares im Herbst 2002 statt und untersagte die Nutzung des Friedhofs für Beerdigungen. Doch die Kommune legte Berufung ein. Bis vors Oberverwaltungsgericht in Greifswald ging der Streit. Das entschied im April dieses Jahres: Bestattungen dürfen erfolgen, wenn ein Abstand von zehn Metern zum Grundstück der Kläger eingehalten wird. Über den aktuellen Stand konnte die jüdische Gemeinde Schwerin keine Auskunft geben. Sicher scheint aber, dass auf dem historischen Friedhof nun bis zu 300 Gräber belegt werden dürfen, was nach Schätzung des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern für »einige Jahre« reichen müsste.
Die Schweriner sind mit ihrem Problem nicht alleine. Auch ohne juristische Auseinandersetzungen mit Kommunen und Anwohnern beobachten viele jüdische Gemeinden die Kapazitäten ihrer Friedhöfe mit sorgenvollem Blick. »Durch die Zuwanderung sind die Gemeinden in manchen Städten sehr schnell gewachsen«, er- klärt Michael Trüger vom Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern. Damit verbunden seien auch die Probleme mit der Belegung der Friedhöfe. Schon häufig habe er erlebt, dass Gemeinden sich in Absprache mit den Kommunen oder Städten neue Areale für Bestattungen erschließen mussten.
So zum Beispiel in Kassel. »Wir fangen gerade an, ein neues Gräberfeld zu belegen«, berichtet Esther Haß, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde und seufzt erleichtert. Dann berichtet sie von vorangegangenen Auseinandersetzungen mit der Stadt. Dabei ging es ums Geld. Das neue Gelände grenzt zwar direkt an den bisherigen jüdischen Friedhof, hat aber eine leichte Hanglage. »Für das Gräberfeld mussten eine Drainage und Wasserleitungen verlegt werden«, erklärt die Gemeindevorsitzende. Die Stadtverwaltung übernahm schließlich die Kosten für die Er- schließung. Der Prozess beschäftigte die jüdische Gemeinde drei Jahre lang. »Nur gut, dass wir frühzeitig ein neues Gräberfeld gefordert haben«, sagt Haß rückblickend. Sie schätzt, dass die Friedhofskapazität nun für 15 bis 20 Jahre reicht. Alleine 2006 gab es in Kassel 18 Beerdingungen auf dem jüdischen Friedhof. Rund 93 Prozent der 1.200 Gemeindemitglieder sind Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
»Noch reicht der Platz aus, aber auch wir machen uns bereits Gedanken«, bestätigt Peter Ambros von der jüdischen Gemeinde in Chemnitz. Seit der Wende sei die Zahl der Gemeindemitglieder von zwölf auf rund 600 angewachsen. Seinen Angaben zufolge sind die meisten Zuwanderer bereits »relativ alt«. Eine Erweiterung des bisherigen Friedhofs sieht Ambros als unwahrscheinlich an. Vielmehr müsse sich die Gemeinde nach einem neuen Grundstück für Bestattungen umsehen. Konkrete Pläne gebe es jedoch noch nicht.
Relativ unproblematisch scheint die Situation in Dortmund zu sein. »Der Friedhof gehört nicht der Gemeinde, sondern der Stadt«, erklärt Rabbiner Avichai Appel, »und er ist noch lange nicht belegt.« Demnach reiche der Platz auch noch für die kommenden zehn bis 20 Jahre aus. Doch die Gemeinde sorgt frühzeitig vor. »Wir haben bereits mit der Stadt gesprochen«, sagt Appel. Die direkte Umgebung des Friedhofs sei so gestaltet, dass einer Ausweitung des Areals kaum etwas im Wege stehe. Ein Umstand, der den Rabbiner glücklich stimmt: Schließlich seien mit dem Friedhof nicht nur Emotionen, sondern auch Erinnerngen und eine Historie verbunden. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hier knapp 100 Bestattungen.
Auch der jüdische Friedhof in Wiesbaden blickt auf eine lange Geschichte zurück: Alleine zwischen 1891 und 1943 gab es dort mehr als 1.800 Beisetzungen. Das Gelände grenzt an den städtischen Nordfriedhof und ist seit 1945 wieder in Benutzung. »Wir haben Anfang 2006 eine Erweiterung bekommen«, erzählt Steve Landau, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden. Mehrere Hundert neue Grabplätze sind dabei geschaffen worden. Die neue Fläche schließt sich direkt an den bestehenden Friedhof an, so dass die knapp 750 Mitglieder den gleichen Zugang und die gleiche Trauerhalle nutzen können wie bisher. »Die letzte Erweiterung hat fast 25 Jahre gehalten«, erzählt Landau und lacht: »Ich hoffe, dass sich beim nächsten Mal mein Nachfolger um das Problem kümmern muss, weil ich dann nicht mehr im Amt sein werde.«
Die Erweiterung des jüdischen Friedhofs in Wiesbaden ging relativ problemlos über die Bühne, weil die Fläche an ein Waldstück grenzt, das nicht besiedelt ist. In den meisten Städten ist das anders. Gerade die historisch gewachsenen Grabstätten liegen dort häufig mitten in der Stadt, was eine Ausweitung praktisch unmöglich macht. Neue Gelände müssen für die Bestattungen erschlossen werden. »Das ist schade«, sagt Steve Landau, der besonders die geschichtliche Dimension des Wiesbadener Friedhofs zu schätzen weiß. »Die Besucher können sehen, wie die Bestattungsriten vor mehr als 100 Jahren waren und wie sie sich entwickelt haben«, erzählt er begeistert und berichtet von einem Denkmal mitten auf dem Friedhof: Es erinnert an die verstorbenen jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

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