Israel

»Es geht weniger um Land als um Identität«

Der Historiker Tom Segev Foto: picture-alliance / APA/HANS KLAUS TECHT

Mythen aus der Zeit der Staatsgründung Israels behindern nach den Worten des israelischen Historikers und Journalisten Tom Segev bis heute einen Ausgleich im Nahostkonflikt. Beide Seiten sähen sich nur als Opfer, sagte Segev dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Das ist einer der Gründe, warum ein Ausgleich in absehbarer Zeit nicht möglich ist«, erklärte er. Es gehe in dem Konflikt gar nicht so sehr um Land, sondern um Identität: »Jeder Kompromiss würde bedeuten, dass beide Seiten einen Teil ihrer Identität abgeben müssten.«

Während des israelischen Unabhängigkeitskriegs (1947-1949) hätten beide Seiten Kriegsverbrechen begangen. Die kollektive Erinnerung in Israel sei aber eine andere, sagte Segev, der sich in seinem Buch »Jerusalem, Ecke Berlin« kritisch mit Erinnerungen auseinandersetzt, auch mit seinen eigenen.

»Völlig neu ist, dass eine Regierung so abhängig wie nie zuvor ist von Kräften, die so rechtsradikal und rassistisch sind.«

Tom Segev

Vertreibung Etwa die Hälfte der Palästinenser sei im israelischen Unabhängigkeitskrieg nicht von sich aus geflohen, sondern vertrieben worden. Die Juden, die nach der Proklamation Israels aus arabischen Ländern flohen, seien in dem neu gegründeten Staat nicht mit offenen Armen empfangen worden, wie oft behauptet werde. Sie seien vielmehr diskriminiert worden.

Staatliche Archive nähmen derzeit Akten zur israelischen Geschichte wieder unter Verschluss, die einst öffentlich zugänglich gewesen seien, kritisierte Segev: »Das zeigt, wie empfindlich Israel bezüglich seiner Geschichte ist.«

Aktuell sieht Segev Israel innenpolitisch mit der Regierung unter Benjamin Netanjahu in einer noch nicht dagewesenen Situation. »Völlig neu ist, dass eine Regierung so abhängig wie nie zuvor ist von Kräften, die so rechtsradikal und rassistisch sind.« Er sehe den »Versuch, Israels Grundsätze neu zu definieren.«

Seit Wochen protestieren Menschen in Israel gegen die geplante Justizreform der Netanjahu-Regierung. Demnach soll etwa das Parlament Urteile des höchsten israelischen Gerichts mit einfacher Mehrheit aufheben dürfen. Infolge der Proteste hat Netanjahu das Vorhaben vorerst ausgesetzt, die Demonstrationen gegen die Regierung gehen allerdings weiter. Unterstützung aus dem Ausland für diese Proteste sei sehr wichtig für die israelische Demokratie, sagte Segev. epd

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