Frankfurt (Oder)

Erkundungsfahrt per Tram

von Holger Biermann

Das Zentrum von Frankfurt an der Oder ist am Freitagmittag schon im Wochenende. Auf den vierspurigen Straßen kann man die Autos an zwei Händen abzählen. Fußgänger sind kaum zu sehen. Nur vor dem Dönhoff-Gebäude der Europa-Universität gibt es reichlich Bewegung. Rund vierzig ältere Menschen, Bewohner aus der Nachbarschaft, sind zusammengekommen, um mit einer Straßenbahn-Rundfahrt im historischen Wagen den Frühling zu begrüßen.
Die Männer tragen leichte Stoffhosen und Jacken, darunter Hemden. Die Frauen haben sich mit Armringen und Halsketten geschmückt. Ihre Haare sind gefärbt und zum Teil kunstvoll hochgesteckt. Man erkennt die Freude in vielen Gesichtern, als um Punkt 14 Uhr zwei cremefarbene historische Straßenbahnen an die Haltestelle rollen und sich langsam die Türen öffnen.
Organisiert hat die Fahrt der Seniorenbeirat der Stadt Frankfurt – ein Zusammenschluß engagierter Rentner, der mit solchen Aktionen die Gemeinschaft der Älteren fördern möchte. Eingeladen und gekommen sind erstmals auch Senioren der jüdischen Gemeinde sowie Mitglieder der Senioren-Vereinigung aus Slubice, Frankfurts polnischer Nachbarstadt auf der anderen Flußseite.
Werner Reim, Vorsitzender des Seniorenbeirats, begrüßt seine Gäste in der Straßenbahn als erster übers Bordmikrophon. »Schön, daß ihr alle da seid. Wir wollen euch heute unsere Stadt zeigen«, sagt der 74jährige. Und während die Wagen stotternd anfahren, reicht er das Mikrophon weiter an Bodo Czarski, einen 83jährigen Polen. Der steht neben Reim und wiederholt die Begrüßung mit eigenen Worten für seine Landsleute, bevor sich anschließend Georg Polomoschnych, 77, mit dem Mikrophon an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde wendet. Auf russisch.
Die Reisenden haben es sich derweil in den gepolsterten Bänken bequem gemacht. Sie schauen durch die Panorama-Scheiben der Traditionswagen hinaus ins verschlafene Frankfurt. Die Lautsprecher-Kommentare von Reim, Czarski und Polomoschnych begleiten das Geschehen vor dem Fenster.
Man erfährt, daß der Kleistpark einst städtischer Friedhof war, daß Frankfurt schon sehr früh einen Bahnhof hatte und daß hier einst der Dichter Gottfried Benn zur Schule ging. Reim bemüht sich, die Ansagen auf deutsch kurz zu halten. Er war früher Offizier bei der Nationalen Volksarmee. Czarskis Kommentar auf polnisch bleibt dagegen stets ausführlich – so sehr, daß die russischen Erklärungen im Wagen zeitlich oft hinterherhinken. Mayya Reznikowa, Mitglied der jüdischen Gemeinde, stört das nicht.
Die 68jährige hat ganz vorne in der ersten Reihe des Triebwagens Platz genommen. Sie lebt seit acht Jahren in Frankfurt, und für sie ist diese Frühlingsfahrt einfach ein Vergnügen. Zum ersten Mal wird sie durch die neue Heimat chauffiert. »Das hilft mir«, sagt sie. »Ich kenne die Stadt ja noch nicht so gut.« Dabei ist sie so gern unterwegs. Für weite Spaziergänge jedoch fehlt ihr die Kraft.
Die Bahn klettert nun einen kleinen Hügel hinauf, und auf der linken Seite erscheint vor dem Fenster der Stadtteil Altberesinchen. Beresinchen, das ist ein russisches Wort und bedeutet Birke. Doch Bäu- me sieht man wenige. Dafür erkennt man im Vordergrund ältere Häuser – »saniert, zum Teil leerstehend«, kommt die Ansage – und hinter ihnen eine lange Kette von hohen Plattenbauten. Mayya Reznikowa streckt den Zeigefinger aus und klopft leise an die Fensterscheibe. »Da drüben auf dem Aurorahügel, da wohne ich«, sagt sie, um anschließend ihre Hände über der Handtasche zu falten. In Beresinchen wohnen sie fast alle, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Dort verbringen sie die meiste Zeit, dort bleiben sie unter sich – so wie die Polen auf der anderen Seite der Oder.
Die Bahn rollt gemütlich am Einkaufscenter »Südring« vorbei, am Messegelände entlang, am Frankfurter Klinikum und an weitläufigen Obstbaum-Feldern vorbei. Drinnen stupsen währenddessen einige Senioren ihren Sitznachbarn an, um ein paar Worte zu wechseln. Es wird geschmunzelt, viel genickt und manchmal ein Foto gemacht. So vergeht im leichten Schaukeln die Zeit.
Vorne hat Mayya Reznikowa für einen Moment die Augen geschlossen. Sie träumt. Die Frühlingssonne liegt auf ihrem Gesicht. Erst als die Bahn wieder eine ihrer engen Schleifen übers Betriebsgelände fährt, um noch einmal zu wenden, ist Reznikowa wieder im Hier und Jetzt. Und es scheint, als erblickten ihre schmalen Augen in all dem Neuen dieser Rundfahrt plötzlich sehr viel Bekanntes.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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