Buchkunst aus Jaffa

Erdverbunden

von Felice Naomi Wonnenberg

Ein aufwendig gedrucktes Künstlerbuch von Günther Uecker steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die am 11. Februar im Kunstraum des Deutschen Bundestags in Berlin eröffnet wird. 47 handsignierte Originalgrafiken illustrieren den tanachischen Text in hebräischer und deutscher Sprache. Erarbeitet und in einer Auflage von hundert Exemplaren gedruckt wurde das Buch vom Har-El Kunstdruckverlag in Jaffa, der auch zwei weitere Exponate produziert hat: Das Buch Genesis, also das
1. Buch Mose, illustriert von einem der Gründerväter der deutschen nichtgegenständlichen Kunst, Emil Schuhmacher, sowie ein beeindruckender Band von enormen 80 mal 120 Zentimetern mit Grafiken von Jannis Kounellis zum Text des Thomas-Evangeliums, einer koptischen Apokryphe aus dem Jahr 350 n. d. Z.
Allen drei Büchern gemein ist ihre einzigartige Drucktechnik, die »Terragrafik«, die Jakob Har-El erfunden hat. Har-El druckt nicht mit Farbe, sondern mit Erde. Die Terragrafik ist eine Variation des Siebdruckverfahrens. Ueckers Zeichnungen, die der deutsche Künstler ursprünglich auf Plastikfolie anlegte, wurden fototechnisch auf Seidenpolyestersiebe projiziert. Die Seidenpolyestersiebe dienten als Schablonen, um auf Büttenpapier einen feinen Klebstoff exakt in der Form der gezeichneten Vorlagen aufzubringen. Die Klebeflächen wurden anschließend mit mehreren Schichten Sand bestäubt, bis ein plastisches, in Lagen vom Papier sich ab-
hebendes Bild entstand. Auf diese Art ge-lang es, so Har-El stolz, den zweidimensionalen klassischen Druck hinter sich zu lassen und wie bei Plastiken das Bild hap-
tisch erfahrbar zu machen.
Die Terragrafik ist für ihren Erfinder aber mehr als eine bloße Technik. Har-El begreift sein Druckverfahren auch als Philosophie. Erde, hebräisch »Adama«, ist ein zentrales Element im jüdischen Denken. So wird der Mensch in der Tora als aus Erde geformt vorgestellt und trägt daher den Namen Adam, hebräisch für »Erdling«. Er bleibt mit diesem Element verbunden wie mit keinem anderen, bis er nach seinem Tode wieder zu Erde wird. Viele führende zeitgenössische Künstler in Israel, wie Micha Ullman, Gal Weinstein und Moshe Kadishman, haben in ihren Arbeiten Erde immer wieder thematisiert und auch als Stoff verwendet.
Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, die biblischen Texte einmal im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Zu sehen ist sie bis zum 10. Mai. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Es ist der Jahrestag der Nazi-Bücherverbrennung vor 76 Jahren.

Di-So 11-17 Uhr, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, 10117 Berlin
www.bundestag.de/ausstellung/kunst_ausst/index.html

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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