USA

Erbe verpflichtet

von Eva C. Schweitzer

Amerika gedenkt seiner jüdischen Einwanderer – in jedem Mai. US-Präsident George W. Bush hat diesen Monat zum »Jewish Heritage Month« erklärt, in dem an die jüdische Tradition erinnert wird. »Das jüdische Volk hat unsere Kultur bereichert und zu einem anteilnehmenden und hoffnungsvollen Amerika beigetragen«, erklärte Bush. Die Initiative geht auf zwei Abgeordnete zurück, Debbie Wasserman, eine Demokratin aus Florida, und Arlen Spector, ein Republikaner aus Pennsylvania.
Eingeläutet hat den »Heritage Month« eine Gala im Capitol in Washington. Am 2. Mai wurde eine Ausstellung der »Jewish Historical Society of Greater Washington« eröffnet, die die vergangenen zwei Jahrhunderte umfasst und bei der Einwanderer wie Albert Einstein und Henry Kissinger geehrt werden. Das Washingtoner »National Museum of American Jewish Military History« präsentiert eine Ausstellung über jüdische Soldaten, und die Library of Congress bietet Veranstaltungen zum Thema »Juden und Medizin« sowie jüdisches Theater an.
Das Ereignis jährt sich. Zum ersten Mal wurde der »Heritage Month« 2006 ausgerufen. Aber ein Programm gibt es erst in diesem Jahr, nicht nur in Washington. So läuft im »National Museum of American Jewish History« in Philadelphia seit 6. Mai eine Vortragsreihe zur Rolle der Juden in der Kultur. In New York, wo mit einer Million Menschen die größte jüdische Gemeinde der USA lebt, wurde der »Heritage Month« mit einer Feier im Rathaus von Brooklyn eingeläutet, zu der Bezirkspräsident Marty Markowitz eingeladen hatte. Aus diesem Anlass wurde eine Karte mit 75 wichtigen jüdischen Orten in New York – Synagogen, Friedhöfen, Häusern von Filmstars – herausgegeben. Die Idee stammt von dem Anwalt Howard Teich, der sich mit dem Verleger Marc Miller, dem Präsidenten der »Queens Jewish Historical Society« Jeff Gottlieb und Rabbiner Joseph Potasnik zusammengetan hat. Auf dem Cover: Der Star von »Sex and the City«, Sarah Jessica Parker.
Die Tradition des »Heritage Month« pflegen die USA schon lange: So ist der Februar der »Black History Month«, der November ist der Monat der Indianer und Eski- mos. Den Mai teilen sich die Juden mit den Ureinwohnern der pazifischen Inseln. So wie Hawaiianer können auch Juden auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1654, vor mehr als 350 Jahren, kamen die ersten sefardischen Einwanderer, die aus Andalusien vertrieben wurden, in New Amsterdam an, dem heutigen New York. Nach der gescheiterten Revolution in Deutschland von 1848 wanderten deutsche Juden nach New York und nach Kalifornien aus.
Der große Schub von askenasischen Juden setzte nach 1880 ein, er war eine Reaktion auf Pogrome in Russland, die auf die Ermordung von Zar Alexander II. folgten. Von nun an kamen jährlich Hunderttausende aus Russland, Polen und der Ukraine – zwei bis drei Millionen insgesamt. Viele davon zogen in die New Yorker Lower East Side, ein Mietskasernenquartier mit religiösen Buchläden, koscheren Metzgereien und Synagogen, von denen einige heute noch stehen.
Die deutschen Juden hingegen waren schon etabliert, zu ihnen zählten Adolph Ochs, der die New York Times kaufte, Banker wie Otto Kahn und Jacob Schiff, Unterhaltungsmogule wie Oscar Hammerstein und Marcus Loew, die Morgenthaus und die Guggenheims, die Warburgs, die das Jüdische Museum an der Fifth Avenue gründeten, und die Strauss-Familie, denen Macy’s gehörte.
Aber der protestantischen Mehrheit wurden die jüdischen und auch die katholischen Immigranten, die in Ellis Island anlandeten, zu viel. Nach vielen Debatten be- schränkte der US-Senat 1924 die Immigra- tion von Juden, Slawen und Italienern. Damit schloss Amerika ausgerechnet in der Nazi-Zeit die Pforten – in diesen 12 Jahren hat das Land nicht einmal 200.000 Juden aufgenommen. Das änderte sich nach 1950 wieder. In den 70er-Jahren machte die US-Regierung sogar Druck auf Moskau, mehr als eine Million Juden ziehen zu lassen.
Heute besteht die jüdische Gemeinde der USA aus sechs bis acht Millionen Menschen, darunter vielen, die weltweit bekannt sind: Paul Wolfowitz und Madeleine Albright, Barbra Streisand und Scarlett Johansson, Philip Roth und Norman Mailer, Leonard Nimoy, Larry King und Jon Stewart, Sergej Brin und Steven Spielberg. Viele sind nicht religiös, gleichwohl ist ihnen ihre Herkunft wichtig.
Debattenfrei verläuft aber auch der »Heritage Month« nicht. Wer, zum Beispiel, sollte in der Karte der jüdischen Orte New Yorks stehen? Natürlich Woody Allen und der Zeitungsbaron Samuel Newhouse (Vanity Fair), aber Nathan’s Hotdogs? Der berühmte Laden in Coney Island ist nicht koscher. Auch Sarah Jessica Parker hat nur einen jüdischen Elternteil. Trotzdem: Sie wurde aufgenommen, der Dichter Allen Ginsberg und die Anarchistin Emma Goldman hingegen nicht: zu kontrovers, fürchtet Rabbiner Potasnik.
Kathy Krugman von der American Jewish Historical Society, die zu den Veranstaltern zählt, weiß allerdings auch von Bedenken. »Die fürchten, dass das Antise- mitismus fördert, weil dann Leute sagen könnten: Wieso haben die so viel Einfluss?« Aber letztlich hofft sie, dass der »Heritage Month« Juden und Nichtjuden in Amerika ihre gemeinsame Geschichte nahebringt.

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