Simon Wiesenthal

»Er war wie ein Onkel«

Herr Trank, wann und wie haben Sie Simon Wiesenthal kennengelernt?
trank: Das war 1981. Ich arbeitete als Autor im Wiesenthal Center in Los Angeles. Wiesenthal kam aus Wien zu Besuch. Man hatte vergessen, einen Fahrer für ihn zu bestellen, und so wurde ich gefragt, ob ich einspringen könne. In den nächsten zwei Tagen fuhr ich ihn überall hin, und lernte ihn kennen. Er erzählte mir Geschichten und Witze. Er war wie ein Onkel für mich. Andererseits war er aber auch sehr tiefgründig. Später traf ich ihn dann auch in New York und Wien. Ich besuchte ihn auch kurz vor seinem Tod im Krankenhaus und mir fiel auf, dass er nicht wollte, dass man sah, wie krank er wirklich war. Was mich an ihm beeindruckte, war seine Hartnäckigkeit. Er gab niemals auf. Simon Wiesenthal ließ sich nicht abschrecken.

Wie wurde Wiesenthal eigentlich zum »Nazijäger«?
trank: Nachdem er 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Mauthausen befreit worden war, beantragte Wiesenthal einen Passierschein, um Verwandte zu suchen. Der Lagerälteste jedoch verweigerte ihm das Dokument. Wiesenthal wollte sich bei der Besatzungsmacht beschweren und stieß durch Zufall auf eine amerikanische Behörde, die geflüchtete Kriegsverbrecher suchte. Da Wiesenthal ein fotografisches Gedächtnis hatte, bot er seine Dienste an und so begann sein neuer Werdegang. Das fotografische Gedächtnis hatte er sich während der Gefangenschaft antrainiert. Um an den Zuständen in den Lagern nicht zugrunde zu gehen, stellte er im Kopf eine Liste der Täter zusammen und schwor sich, falls er überleben sollte, sie vor Gericht zu bringen.
Warum lebte und arbeitete Simon Wiesenthal ausgerechnet in Wien?
trank: Wäre es nach seiner Frau gegangen, dann hätten sie in Israel gewohnt. Ihm selbst gefiel es dort auch sehr gut. Würde er heute leben, hätte er auch von dort aus arbeiten können, mithilfe des Internets. Aber vor 40 oder 50 Jahren war dies noch nicht möglich. Es war sogar schwer, jemanden per Telefon zu erreichen. Er hätte auch nach New York gehen können, aber sein Englisch war nicht so gut. Es gab aber noch einen Grund: Simon Wiesenthal fühlte sich zwar unwohl in Wien, aber er musste dort arbeiten. Österreich war eines der letzten Länder, das sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzte. Es waren österreichische Naziverbrecher, die lange unbelangt blieben.

In Österreich wurde das nicht gerne gesehen. Wiesenthal wurde heftig angefeindet.
trank: In den 70er-Jahren spuckten die Leute auf ihn. Die Zeitungen schrieben, er solle das Land verlassen. Das hat sich später geändert. Am 50. Jahrestag der Befreiung im Jahr 1995 gab es dann eine Demonstration, und wer war der Hauptredner? Simon Wiesenthal. Unglaublich viele junge Leute waren dort und das machte ihn glücklich. Er hätte Millionen verdienen können in den USA, doch er blieb in Österreich und wollte die Jugend informieren. Es gibt da eine schöne Anekdote: Einmal unterhielt sich Wiesenthal in Wien auf der Straße jiddisch mit einem Rabbi. Der fragte ihn, warum er so laut spreche. Wiesenthal antwortete, er wolle, dass die Leute um ihn herum Notiz nahmen, dass es in Ordnung sei, sich auf Jiddisch in Wien zu unterhalten. So war er.
Es gibt eine mysteriöse Episode in Wie-senthals Leben. Während des Kalten Krieges unterbrach er einige Jahre die Suche nach Naziverbrechern. Warum?
trank: Das konnten wir nicht genau herausfinden. Zwischen 1955 und 1961 hatte er sein Büro geschlossen und arbeitete als Journalist. Ob es die Israelis oder die Amerikaner waren, die ihn dazu zwangen, vorübergehend aufzuhören, wissen wir nicht und er hätte es auch geleugnet.

Es gibt Gerüchte, er habe auch mit der DDR zusammengearbeitet, die ja sehr aktiv bei der Entlarvung alter Nazis in der Bundesrepublik war.
trank: Das glaube ich nicht. Wiesenthal war gegen den Kommunismus. Der Mann, der ihm einst den Passierschein verweigerte, war Kommunist. Die Kommunisten haben auch das Gerücht in die Welt gesetzt, Wiesenthal sei während der Schoa ein Nazi-Kollaborateur gewesen.

Was ist Simon Wiesenthals Erbe für die heutige Zeit?
trank: Dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht ungestraft bleiben dürfen, seine Forderung nach Gerechtigkeit statt Rache. Er wollte, dass die Leute begriffen, dass die Nazitäter nicht einfach Soldaten waren, die ihre Pflicht taten, sondern Mörder und Verbrecher. Das hat lange gedauert, aber schließlich hat man ihn verstanden. Das ist auch einer der Gründe, warum wir heute ein Kriegsverbrechertribunal in Den Haag haben.

Mit dem amerikanischen Regisseur sprach Andrea Niederfriniger.

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