Czernowitz

Endstation

von Frank Rothert

Mit einem lauten Knall schließt die Tür des über 40 Jahre alten Oberleitungsbusses. Das leise Summen des elektrisch betriebenen Oldtimers signalisiert: Wir fahren! Während die Fuhre über das allerorts vorhandene Kopfsteinpflaster aus k.u.k.-Zeiten schaukelt, klammern sich die stehenden Fahrgäste an allem fest, was greifbar ist, und selbst wer sitzt, den schüttelt es ordentlich durch. Dass der Skoda-Bus diese Tortur all die Jahrzehnte überstanden hat, spricht für ihn, obwohl die Strapazen sichtbar sind und nicht zu überhören. Während es an allen Ecken klappert und quietscht, zieht bei einem Blick aus dem Fenster eine Stadtkulisse vorbei, die sich durch ihren optischen Zustand mit dem Bus solidarisch erklärt.
Meist quadratmeterweise fehlt der Putz, und das Ziegelmauerwerk freut sich seit Jahren über Sonnenlicht. Bei Betreten der originalen Balkone besteht nicht selten Lebensgefahr. Doch während der Bus auf eine Renovierung vergebens warten wird, sind an den Gebäuden Restaurierungsaktivitäten zu beobachten. In skurrilen Arbeitsgondeln, die von den Dächern herabhängen, stehen oft vier bis sechs Hand- werker, die neuen Stuck und Putz auftragen. Alle sind in Eile, bis zu den 600-Jahrfeiern der Stadtgründung Anfang Oktober bleiben nur noch wenige Wochen.
Optisch gesehen gibt es in der ganzen Stadt noch einiges zu tun, die Bausubstanz hat unter der jahrzehntelangen Sowjetzeit enorm gelitten. Die Herrengasse erhält das größte Facelifting: Nicht nur Maurer, Maler und Dachdecker demonstrieren hier ihr Können, sondern es ist auch die komplette Straße aufgerissen, um Abwasserrohre und Elektrokabel zu erneuern.
Die Menschen in den Straßen fallen durch einen gleichgültigen Gesichtsausdruck auf. Tatyana Berezhnaya, die als Stadtführerin arbeitet und Vorsitzende einer Stiftung für Drogenabhängige ist, bestätigt, dass es für viele seit einigen Jahren immer schwerer geworden ist. »Ging es nach der Abnabelung von der Sowjetunion zunächst aufwärts, befindet sich die Ukraine heute in einer Art Stagnation.« Die Preise für Treibstoff, Miete und Lebensmittel sind stark gestiegen. »Die Frage nach dem täglichen Überleben stellt die geschichtliche Bedeutung der Stadt für die meisten Bürger in den Hintergrund«, sagt Berezhnaya.
Früher einmal war Czernowitz eine stark von jüdischer Kultur geprägte Stadt. Einige Czernowitzer Juden brachten es zu einem weit über die Stadtgrenzen hinausreichenden Ruhm, der bis heute besteht und neuerdings auch in Czernowitz zaghaft gepflegt wird. Namen wie Paul Celan, Rose Ausländer, Joseph Schmidt und in jüngster Zeit auch Selma Meerbaum-Eisinger sind bis heute nicht vergessen, und auch die Ukrainer haben sie für sich entdeckt. Für Celan wurde 1992 an der Hauptstraße eine Gedenksäule nebst Büste enthüllt, an Selma Meerbaum-Eisinger erinnert seit 2004 eine Wandtafel in der Bilaer Gasse.
Das Dilemma von Czernowitz besteht darin, dass, einem Theater gleich, die Kulisse zwar erhalten geblieben ist, aber die Protagonisten nahezu komplett ausgetauscht wurden. So sieht man in den Gassen Menschen, die aus allen Teilen Russlands nach Czernowitz verpflanzt wurden. Vielen Älteren sind die Entbehrungen des Lebens in den Gesichtern anzusehen. Junge Burschen protzen mit ihren schnellen Wagen, während junge Frauen in Miniröcken Aufmerksamkeit erregen, wo früher religiöses Judentum heimisch war.
Und wie sieht das jüdische Leben heute aus? Gab es 1930 noch rund 92.000 Juden in Czernowitz, wurden bei der letzten Volkszählung 1989 nur noch 15.600 gezählt. Und nach dem Fall der Sowjetunion sank diese Zahl abermals infolge der Abwanderung auf rund 1.300 – eine kleine Zahl für eine Stadt mit mehr als 240.000 Einwohnern.
Doch wer glaubt, dass die Gemeinde wegen ihrer geringen Größe ein Sinnbild von Eintracht ist, der irrt. Zur Zeit befindet sie sich in einer schwierigen Phase. Seit mehreren Wochen gibt es keine Führung, nachdem der alte Vorsitzende Michail Krais sein Amt niederlegte, um sich auf die Leitung der kommunalen Wasserwerke zu konzentrieren. Hinzu kommt, dass sich neben der Gemeinde seit einigen Jahren Konkurrenz aus den USA etabliert hat: Chabad Lubawitsch mit eigenem Rabbiner, der mit seinem alteingesessenen Kollegen verstritten ist.
Für den 62-jährigen Felix Zuckermann, dessen Mutter durch Volker Koepps Film »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« (1999) bekannt wurde, spielt die jüdische Religion und Tradition im täglichen Leben eine gewisse Rolle. »Ich begehe natürlich die jüdischen Feste, und das nicht nur im Gedenken an meine Eltern, sondern weil ich Jude bin.« Gemeindemitglied jedoch ist Zuckermann nicht. »Es gibt unter den Mitgliedern und in der Leitung der Gemeinde kein einheitliches Ziel. Jeder möchte die erste Geige spielen. Aber so viele Geigenspieler braucht das Orchester nicht.«
Wer sich vor dem alten Theater stehend 90 Grad nach rechts dreht, sieht auf der rechten Ecke das eingerüstete Jüdische Haus. Bis auf das Erdgeschoss ist die Fassade fertig restauriert und sieht prächtig aus, wie die ganze Umgebung rund um den Theaterplatz. Vor einigen Jahren wurde die Jüdische Gemeinde wieder ins Leben gerufen und erhielt einige Räume im früheren Gemeindehaus. Etwa 780 Mitglieder sind registriert, doch schrumpft diese Zahl Jahr um Jahr, denn die Alten sterben, und es kommen zu wenig Jüngere nach.
Lediglich eines der ehemals 78 Czernowitzer Bethäuser hat Faschismus und Kommunismus überdauert: die Synagoge in der Lukijana Kobylice, der früheren Breihaus- gasse. Wer den mit Frescomalerei verzierten Innenraum betritt, glaubt, hier wäre nie etwas geschehen. Die Stadt kommt vielen Wünschen der Gemeinde sehr entgegen, so ist erst kürzlich ein zweites Gebäude zurückgegeben worden: die Synagoge in der Sadowskijstraße, sie wird derzeit restauriert. Es existierten weitere Gebäude in der Stadt, die früher als Synagogen dienten, doch werden sie heute anderweitig genutzt wie das ehemals größte jüdische Bethaus an der Tempelgasse im Stadtzentrum, das seit über 50 Jahren als Kino dient und vom Volksmund »Kinagoge« genannt wird.
Wer durch Czernowitz’ Straßen und Gassen wandelt und das morbide Ambiente im Originalzustand bestaunt, hat Mühe, Anhaltspunkte heutigen jüdischen Lebens zu entdecken. Eine erste Spur findet man in der jüdischen Schule. In der ehemaligen Schulgasse fällt über dem Eingang eine bunte Verglasung mit einer Menora auf. Hier existiert die einzige jüdische Schule der Stadt, die im ehemaligen jüdischen Viertel unterhalb des Ringsplatzes liegt und sich durch Unauffälligkeit auszeichnet. Neben dem regulären Unterricht können die 300 Schüler und Schülerinnen als Zusatzangebot auch Hebräisch lernen. Doch nur wenige von ihnen kommen aus jüdischen Familien.
Auch auf dem Markt ist jüdisches Leben nicht zu entdecken. Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern stehen mit bunten Kopftüchern an Holztischen und bieten Gemüse und selbstgemachten Käse an. Handgelesene Walderdbeeren werden aus großen Glasgefäßen in kleine Becher portioniert. Früher gab es mal einen Markt am Theaterplatz, wo viele jüdische Händler ihre Waren anboten, aber das weiß hier niemand mehr. Um so erstaunlicher ist es, dass auf den Speisekarten einiger Restaurants jüdische Gerichte angeboten werden. So findet sich neben heutiger Landeskost auch Gefilte Fisch und »Gebackener Karpfen nach jüdischer Art«.
Nahe der ehemaligen Herrengasse befindet sich »Hesed Shushana« ein Wohltätigkeitsverein, der alten, kranken und alleinstehenden Juden hilft. Der Verein lebt von Spenden aus dem Ausland. Die Räume sind frisch renoviert, hell und freundlich, im Hof gibt es einen Rosengarten. Vor allem die älteren Gemeindemitglieder werden hier betreut, doch gibt es auch einen großen Raum für Kinder. Dort wird gebastelt und gemalt, fünf Achtjährige hüpfen zur Freude der umherstehenden älteren Jahrgänge vergnügt herum und zeigen mit Stolz ihre kunstvoll bemalten und verzierten Gefäße, die früher einmal als Vasen und Flaschen dienten. Kleinen Austellungen gleich hängen in allen Räumen Hinweise auf frühere Czernowitzer, die es in verschiedenen Bereichen zu Ruhm und Anerkennung gebracht haben, wie die Schauspielerin Sidi Thal.
Worüber reden zwei ehemalige Czernowitzer, wenn sie sich nicht gerade über Czernowitz unterhalten? Natürlich über Czernowitz! Ein beliebter Witz, der besonders auf die in der ganzen Welt verstreuten Czernowitzer zielt. Humor und Musik spielten in der Stadt immer eine große Rolle. Seit 2001 gehört das »Orchester der jüdischen Musik« unter Lev Feldmann zu den wichtigsten jüdischen Kulturinitiativen der Stadt. Im Repertoire haben die Musiker traditionelle jiddische Lieder und Volksweisen aus der Bukowina. Im Oktober gastiert das Orchester auch wieder in Deutschland.
Seit einigen Monaten wird im Jüdischen Haus ein Museum eingerichtet. Zu diesem Zweck wird in der ganzen Welt nach Relikten aus vergangenen Tagen gesucht. Die Aufrufe tragen bereits erste Früchte: Josef Zissels, der künftige Direktor, freut sich über Fotos, seltene Bücher und Dokumente, die ihm übergeben wurden. Die Gründung des Museums kommt zur rechten Zeit, da die Gemeinde immer kleiner wird. Vieles deutet darauf hin, dass das Haus in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnt – vielleicht das jüdische Leben in Czernowitz eines Tages sogar ganz ablöst.

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