Peter Weiss’ »Inferno«

Emigranten unerwünscht

Von Georg Patzer

»Jetzt gehört er zu uns!« Groß ist der Triumph, schadenfroh blicken sie in die Runde: Jetzt haben sie auch Dante Alighieri erwischt, den Dichter, der ins Exil geflohen war und sich die Hände nicht schmutzig gemacht hatte während der Terrorzeit. Jetzt haben sie ihn ertappt. Hat er nicht als Knabe andere Kinder gegen einen Schwächeren aufgehetzt, ihn auf ein Floß gedrängt, beworfen, bis er ins schlammige Wasser fiel? Ja, auch er ist ein Täter, ein Feigling, ein Verräter. Und überhaupt ging es ihm im Exil doch gut!
So einfach ist das. So wird ein Opfer, ein Vertriebener, der zurückkommt, von den Tätern zum Komplizen gemacht. Denn schließlich stört er allein durch seine Anwesenheit, erinnert an die Vergangenheit. Wie soll man da noch feiern können? Wie sich wieder einrichten? Also wird Dante eingepasst ins System, bekommt einen Orden und eine Professorenstelle, darf sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Wird belohnt, bestochen, bedroht, alles gleichzeitig. Und lässt es mit sich machen.
Vor über 40 Jahren hatte Peter Weiss eine Trilogie geplant, nach dem Vorbild von Dantes »Göttliche Komödie« in die Abschnitte »Inferno«, »Purgatorio« und »Paradiso« gegliedert: ein Abbild der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Erst 2003 wurde das Stück veröffentlicht, jetzt hat das Badische Staatstheater Karlsruhe die Uraufführung gewagt.
Peter Weiss selbst hatte »Inferno« wieder in die Schublade gesteckt. Man merkt schnell, warum: Die allzu hohe, mythisierende Sprache und die holprigen Vergleiche mit Dante versperren den Einblick in die bundesdeutsche Realität, wirken gestelzt, bildungsgewollt und überfrachtet. Im zweiten Teil der Trilogie, der berühmt gewordenen »Ermittlung«, ging es da sehr viel härter und genauer zu.
Regisseur Thomas Krupa versucht in der Karlsruher Uraufführung die allegorisierende Sprache des Stücks auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Mit fantasievollen Einfällen zeigt er eine muntere Sechziger-Jahre-Spaßgesellschaft: »Erst einmal ein Schlückchen!« Dann wird Polonaise getanzt. Die Schauspieler schlüpfen in Masken und ständig wechselnde Rollen, werden zu Charon, Minos, Pluto, Medusa, sie spielen Partygäste – einen kölsch redenden Politiker, einen wieder erfolgreichen Maler und seinen Mäzen, einen Industriellen. Dante zweifelt an sich und den anderen, wird herumgestoßen wie ein Schuljunge und zum Schluss sogar erschossen.
Doch trotz der fantasievollen Ausstattung in dunkelbraunem Sechziger-Jahre-Ambiente, den offenen Räumen, der Videowand und den Kleiderhaufen unter der Bühne, die wohl auf die Kleiderhaufen in Auschwitz anspielen sollen, trotz aller Spiellust von Sebastian Kreutz als Dante, der virtuos Verwirrung und Angst, Erkenntnis und Trotz gleichzeitig zeigt, von Timo Tank, der blitzartig vom zynischen Politiker zum anbiedernden Conférencier wechselt, und Stefan Viering als zweifelndem Vergil, auch trotz der guten Ensembleleistung wird doch überdeutlich, dass das Stück selbst allzu zeitverhaftet ist und zeitgebunden bleibt. Zu sehr ist es auf die sechziger Jahre zugeschnitten, zu eng an damalige Diskussionen gebunden, als dass es uns heute noch viel zu sagen hätte. Das Hauptthema, die Verdrängung der NS-Zeit durch die Wirtschaftswundergesellschaft, kommt beim Zuschauer nur verschwommen an. Selbst das Nebenthema, der Dichter zwischen Wahrheit und Macht, wird mehr angedeutet als ausgespielt und bleibt blass.

www1.karlsruhe.de/Kultur/Staatstheater
Nächste Aufführungen: 10., 21., 28. Februar, 7., 19. März

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert