Offenbach

Eine offene Gesellschaft

von Sabine Demm

Duisburg und Mülheim, Mainz und Wiesbaden, Frankfurt und Offenbach sind Städte, deren Nachbarschaft so eng ist, dass man nicht weiß, wo die eine aufhört und die andere beginnt. Doch bei keinem Paar ist der Unterschied wohl so krass wie zwischen der Bankenmetropole und dem Lederstandort am Main. Mainhatten gegen biederes Handwerkertum. Oft genug belächeln die Frankfurter die 120.000-Einwohner-Stadt als arm und unbedeutend.
Die jüdische Tradition der Bankenmetropole ist lang und prägend. Doch auch die Offenbacher Juden können auf eine bedeutende Geschichte zurückblicken. In der Stadt entwickelte sich eine eigenständige und sehr lebhafte jüdische Gemeinde. Mit Beginn des neuen jüdischen Kalenderjahres 5768 feiert sie selbstbewusst ihr 300-jähriges Bestehen.
Unter dem Motto »Glauben, Leben, Wirtschaften« bietet die Gemeinde das ganze Jahr über verschiedene kulturelle Veranstaltungen an, die durch die Stadt Offenbach, durch die Max-Dienemann/ Salomon-Formstecher-Gesellschaft und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit unterstützt werden. »Als einen Beitrag zum kulturellen Leben in Offenbach und als eine Chance zur Öffnung in die Stadt hinein«, versteht der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Alfred Jacoby, das Programm. Ein Vortrag zur Geschichte der Offenbacher Juden, eine »jüdische Zeitreise« mit Liedern, Berichten und Mundartgedichten (11. Oktober), ein Vortrag über das »jüdische Jahr« (21. Oktober), ein Stadtrundgang zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (28. Oktober) und ein Vortrag zu den jüdischen Speisevorschriften (16. Dezember) gehören dazu.
Das Konzertprogramm »Zu Deines großen Namens Ehre« mit der Neuen Philharmonie Frankfurt am 18. November zählt zu den Höhepunkten. In der ehemaligen Synagoge an der Goethestraße, dem heutigen »Capitol Theater«, werden traditioneller Synagogengesang wie moderne jüdisch-liturgische Kompositionen dargeboten.
Besonders stolz sind die Offenbacher auch auf die Ausstellung »Hebräischer Buchdruck in Offenbach«, die zum Auftakt des Jubiläumsjahrs im Archiv des Hauses der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61, eröffnet wurde. Der Buchdruck ist so alt wie die jüdische Gemeinde selbst. Seit ihrer Gründung 1707 florierte der hebräische Buchdruck bis ins 19. Jahrhundert hinein.
Die Ausstellung zeigt nun historische Bestände des Stadtarchivs. Eine Besonderheit, denn selten verbleiben die Bücher an dem Ort, an dem sie gedruckt wurden – vielmehr wurden sie in alle Himmelsrichtungen verkauft. Das trifft auch auf die in Offenbach im 18. und 19. Jahrhundert entstandenen Drucke zu. Um so bemerkenswerter ist es, dass von den über 200 Offenbacher Büchern gut ein Viertel heute noch oder wieder im Haus der Stadtgeschichte zu finden ist.
Es handelt sich um religiöse Schriften zur sittlichen und moralischen Ertüchtigung, Kommentare zu einzelnen Abschnitten von Talmud und Tora, Schriften zum jüdischen Religionsgesetz, um praktische Anleitungen für den Gottesdienst, verschiedene Ausgaben der Pessach Haggadah, von Gebetbüchern für die Feiertage im Jahreszyklus – Machsorim – sowie mehrere Ausgaben der fünf Bücher Mose. Anhand der Werke wird die religiöse Entwicklung der Gemeinde nachgezeichnet, die ihren letzten Höhepunkt in der »Offenbacher Haggadah« von Siegfried Guggenheim gefunden hat.
Die Geschichte der Offenbacher Juden begann 1707 offiziell mit der Erlaubnis des Grafen Johann Philipp, eine Gemeinde zu gründen. Doch bereits vorher hatte es in dem Residenzstädtchen der Isenburger Grafen Juden gegeben, die sich ebenso wie die Hugenotten im frühen 18. Jahrhundert niederlassen durften. Mit der Gemeindegründung bekamen die Offenbacher erstmals einen eigenen Rabbiner, den Frankfurter Michael Oppenheim.
Im 19. Jahrhundert rangen Juden allerorts um bürgerliche Gleichstellung, und die jüdische Gemeinde begann in Wirtschaft, Kultur und Wohlsfahrtspflege in der Industrie- und Arbeiterstadt mitzubestimmen. Jüdische Familien wurden bedeutende Kaufleute und Fabrikanten für Lederwaren, für die Offenbach ein Zentrum war.
Die jüdische Gemeinde gehörte zu den ersten in Deutschland, die sich im frühen 19. Jahrhundert der jungen Reformbewegung anschloss, um jüdische Tradition mit der modernen, bürgerlichen Lebensweise in Einklang zu bringen. Zu ihren Gründungsvätern gehörten Rabbiner Salomon Formstecher (1808-1889), dessen 1841 veröffentlichte Studie Die Religion des Geistes die erste philosophische Grundlegung dieser Bewegung darstellt und Rabbiner Max Dienemann (1875-1939), der als ein Erneuerer jüdischer Frömmigkeit wirkte. Er wagte es als einziger Rabbiner 1935, die Berlinerin Regina Jonas (1902-1944) als erste Frau im Judentum zur Rabbinerin zu ordinieren.
Im 20. Jahrhundert blühte die jüdische Gemeinde mit rund 2.300 Mitgliedern auf, bis ihr die Nazis ein jähes Ende bereiteten. Mehr als 400 Offenbacher Juden wurden in KZs ermordet. Nach dem Krieg kehrte etwa ein Dutzend nach Offenbach zurück. Persönlichkeiten, wie der in Gelsenkirchen geborene Max Willner, machten sich an den Wiederaufbau der Gemeinde. So entstand 1956 in der Kaiserstraße gegenüber der ehemaligen Synagoge das erste jüdische Bet- und Gotteshaus in Hessen nach der Schoa. Durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Gemeinde auf etwa 1.000 Mitglieder. 1997 wurde die Synagoge deshalb nach den Entwürfen des Architekten und heutigen Gemeindevorsitzenden Alfred Jacoby erweitert und ein Gemeindezentrum neu gebaut. Heute ist die Offenbacher Gemeinde orthodox geprägt, doch einige Mitglieder sähen die große liberale Tradition gerne wieder erweckt.
Mit der 300-Jahr-Feier reichen die Offenbacher Juden nun Bürgern aller Glaubensrichtungen die Hand. Interesse für jüdischen Glauben und Tradition wollen sie wecken und für ein respektvolles und friedliches Miteinander werben. »Wir hegen die große Hoffnung, dass dies in unserer multikulturellen Gesellschaft möglich ist«, sagt Mark Dainow vom Vorstand.

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