ziele

Eine lebendige Gemeinschaft

Rückblick, Haushalt und Vorschau auf das Jahr 2010, aber auch aktuelle politische Themen beherrschten die diesjährige Mitgliederversammlung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am vergangenen Sonntag. Präsidentin Charlotte Knobloch begrüßte die Anwesenden im Hubert-Burda-Saal und gedachte gemeinsam mit ihnen der Verstorbenen des zurückliegenden Jahres. Dabei erinnerte sie besonders an die beiden Vorstandsmitglieder Robert Guttmann sel. A. und Nathan Kalmanowicz sel. A. und rief ihre Leistungen für die Münchner Gemeinde sowie das jüdische Leben in Deutschland und darüber hinaus noch einmal in Erinnerung. Mit Blick auf den am 29. November in München eröffneten Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk verwies Charlotte Knobloch auf die Vorwürfe von Grausamkeit, Heimtücke und niedrigen Beweggründen, die die Münchner Staatsanwaltschaft dem Angeklagten zur Last legt: »Er habe bereitwillig an der Tötung der Juden teilgenommen und dabei den Rassevernichtungswillen der NS-Ideologie in sich aufgenommen.« Sie verwies auf einen Kom- mentar in der Münchner Abendzeitung: »Dieser Prozess ist für die Holocaust-Überlebenden wichtig. Nicht weil Rachegelüste befriedigt werden sollen, sondern weil sie ein Recht auf Gerechtigkeit haben.«

Aufgabe Die Erinnerung an die Schoa und das Gedächtnis an ihre Opfer wachzu- halten, ist, so Knobloch weiter, die Pflicht der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Gedenkveranstaltungen an dieses größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte gehörten deshalb zu den wichtigen Aufgaben der Gemeinde. Gleichzeitig sei aber auch Wachsamkeit gegenüber den judenfeindlichen und antiisraelischen Strömungen geboten. Allein im dritten Quartal 2009 seien in Deutschland 47 rechtsradikale Übergriffe registriert worden. Dazu komme der Antizionismus der Linken. Knobloch erinnerte auch an das nukleare Potenzial, mit dem der Iran nicht nur Israel be- drohe. Sechs Länder in der Region hätten mit Blick auf Iran bereits eine eigene atomare Aufrüstung angemeldet. Der Iran unterstütze zudem Hamas und Hisbollah. Die Präsidentin hob Merkels solidarische Haltung als positiv hervor. Zugleich missbilligte sie die Haltung verschiedener Unternehmen, die dazu beitrügen, dass Deutschland zu den führenden Handelspartnern des Iran zähle. »Nach wie vor«, so Knobloch, »wird der jüdische Staat vom Iran mit der Auslöschung bedroht. Es ist daher unsere Pflicht, uneingeschränkte Solidarität mit dem Staat Israel zu demonstrieren und in jeder nur denkbaren Art und Weise dessen Existenz sichern zu helfen.« Solidarität zeigte die IKG am 28. April mit der Feier des 61. Geburtstags des Staates Israel und zugleich dem 100. der Stadt Tel Aviv. Der Dank der Präsidentin galt den verschiedenen Organisationen, die sich für Israel engagieren: Keren Hayesod, KKL, der WIZO, der Krebshilfe für Israel, Hadassah und nicht zuletzt Am Echad. Auch innerhalb der Gemeinde gibt es ein Menge an Aufgaben, denen sich Präsidentin und Vorstand intensiv widmen. Der Dank von Charlotte Knobloch galt dabei allen Mitarbeitern, die sich in ihren jeweiligen Aufgabengebieten voll in den Dienst der jeweiligen Sache stellen, einschließlich aller Ehrenamtlichen. An vorderster Stelle steht da die soziale und kulturelle Betreuung der Gemeindemitglieder. Die Integration der Zuwanderer, deren Ziel eine lebendige Solidargemeinschaft ist, gelinge dank zahlreicher Projekte immer mehr. Dies sei mit hohem finanziellen Aufwand verbunden und »umso schmerzhafter empfinden wir es, wenn ehemalige Kontingentflüchtlinge, die unsere Leistungen über Jahre hinweg in Anspruch genommen haben, aus dem jüdischen Bekenntnis austreten, sobald sie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, um dadurch einige Euro an Bekennnissteuer einzusparen.« Diese Kritik gelte auch für manch alteingesessene Gemeindemitglieder.

Vielfalt Was die Gemeinde alles biete, illustrierte Charlotte Knobloch mit einem Rückblick auf die zurückliegenden Monate. Der Bogen spannte sich über große Veranstaltungen, die in der Synagoge Ohel Jakob und dem Gemeindezentrum unter großer Außenwirkung stattfanden. Dazu gehört die Ordination der ersten beiden orthodoxen Rabbiner der Nachkriegszeit oder der Neujahrsempfang am 17. September, bei dem Ralph Giordano die Thematik »Deutschland – Israel – Holocaust« aufgriff. Unter vielen anderen Projekten nannte Charlotte Knobloch den »Europäischen Tag der Jüdischen Kultur«, der inzwischen auch den kulturellen Alltag der Landeshauptstadt München bereichere: »Der ständige Dialog mit den Münchner Bürgern ist von elementarer Bedeutung für den Stellenwert der Jüdischen Gemeinde in der Öffentlichkeit.« Sie dankte der Leiterin des Kulturzentrums der IKG, Ellen Presser, für ihre erfolgreiche Arbeit, die sie ebenso Revue passieren ließ wie die Arbeit von Sozialabteilung, Jugendzentrum, Rabbinat, Sinai-Schule und Kindergarten. Die Kinderkrippe soll ausgebaut werden. Das Jugendzentrum hat mit Zvi Bebera seit einigen Monaten einen neuen Leiter, der ein vielseitiges Programm ausgearbeitet hat. Auch Studentenverband, die Zionistische Jugend und ganz besonders der TSV Maccabi fanden Lob und Anerkennung. Knobloch versicherte dem Sportverein »jegliche mögliche Unterstützung« um auch weiterhin Kinder, Jugendliche und Erwachsene für eine sportliche Freizeitgestaltung zu gewinnen. Ein besonderer Dank galt den Mitarbeitern des Seniorenheims, das bei einer kürzlich stattgefundenen, unangesagten Prüfung ohne jegliche Beanstandung blieb. Knobloch dankte den Verantwortlichen für die beiden Friedhöfe, des Bestattungswesens und der Chevra Chadischa. Hervorgehoben wurden die Leistungen des Frauenvereins Ruth, deren Einsatz die Arbeit der Sozialabteilung sehr unterstützt. Besonders wichtig, so Charlotte Knobloch, ist auch die Arbeit des Sicherheitsbereiches und der Verwaltung.

Vertrauen Was die älteren Menschen der Gemeinde betrifft, sei man dem lang ersehnten Projekt des »Betreuten Wohnens« schon einen Schritt nähergekommen. Für konkrete Planungen sind im Haushalt 2010 bereits 100.000 Euro eingesetzt. Dieser Haushalt mit einem Ausgabenvolumen von über elf Millionen Euro wurde von der Versammlung gebilligt. Damit sprachen die Mitglieder den Verantwortlichen für die Finanzen unter Kommissionsleiter Abi Pitum das Vertrauen aus, das sie mit der Billigung des Haushaltes in etwa gleicher Höhe für das Jahr 2008 unterstrichen. Hauptposten sind nach wie vor die Ausgaben für Schule und Erziehung sowie Soziales. Nach einer Aussprache, bei der es den Mitgliedern besonders um Fragen aus diesen Bereichen ging, schloss die Versammlung. Präsidentin Charlotte Knobloch wünschte allen im Namen des gesamten Vorstandes schöne Chanukka-Tage.

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