Philanthropin

Eine für alle, aber nicht für alles

Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main hat jetzt wieder eine Schule im historischen Philanthropin. Der Gemeindevorsitzende Salomon Korn sagte anläßlich der offiziellen Eröffnungsfeier am Dienstag, die jüdische Gemeinde übergebe das Philanthropin nach umfangreicher Sanierung wieder seiner ursprünglichen Bestimmung. Hier sollten jüdische Kultur, Tradition und Wissen im humanistischen Gedanken gelehrt werden. Philanthropin heißt »Stätte der Menschlichkeit«. Zum Schuljahresbeginn Ende August waren bereits die 400 Kinder der I. E. LichtigfeldSchule in das Gebäude eingezogen.
Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) würdigte den Mut des Gemeindevorstands, sich für die Schule im Philanthropin entscheiden zu haben. Die Vergangenheit, die Nazi-Zeit dürfe es nicht unmöglich machen, mit Offenheit etwas Neues zu schaffen. Die Schule sei ein Symbol für alle jüdischen Gemeinden in Hessen. Es sei wichtig zu wissen, »daß wir an einem historischen Ort sind und zu wissen, daß man in einer ganz normalen Schule ist«.
Der Schuldezernent der Gemeinde und Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, betonte in seiner Ansprache, daß nach vielen Jahren der Vorbereitung nun eine Vision wahr geworden sei: »Der Traum vom Philanthropin war zunächst eine wirre, ziemlich wilde Phantasie. Dann wurde allmählich ein reichlich vager Plan daraus. Und unterwegs schien er schon mehrfach gescheitert, abgehakt, erledigt, begraben – und mußte wiederholt mühsam reanimiert werden.« Umso erfreulicher sei der jetzt sichtbare Erfolg. »Wir haben diese Schule gemeinsam gebaut, beflügelt, getrieben, getragen von Leidenschaft, von Herzblut und von Enthusiasmus.« Dennoch müsse der inzwischen exzellente, der »sagenhafte« Ruf der Schule wieder ganz neu erkämpft und erarbeitet werden.
Graumann hob auch den jüdischen Charakter des Philanthropin hervor. Die Schule sei zwar eine für alle, aber nicht eine für alles: »Das Jüdische ist nicht bloßes Beiwerk. Die Vermittlung von jüdischem Wissen, von jüdische Religion, Kultur, Geschichte, von jüdischem Lebensgefühl und die Stärkung jüdischer Identität sind Herz, Seele und Wesenskern unserer Schule. Das ist ihre Substanz, ist raison d’etre der Schule.« Insofern sei das Philanthropin auch ein klares Bekenntnis der jüdischen Gemeinschaft. »Es besagt: Wir sehen hier eine Zukunft vor uns, für unsere Kinder und unsere Kindeskinder. Das ist – allen historischen Katastrophen und Wunden zum Trotz – ein enormer Vertrauensbeweis von unserer Schule in die deutsche Gesellschaft von heute und morgen.«
Schulleiterin Alexa Brum wünschte sich, daß die jungen Menschen in der Schule »zu traditions- und selbstbewußten Juden sowie selbstbewußten Bürgern« werden. »Die Mitgestaltung des Schullebens und die Übernahme von Verantwortung müssen selbstverständlich sein.«
Das Philanthropin war 1804 von der Israelitischen Gemeinde Frankfurt als »Schul- und Erziehungsanstalt für arme jüdische Kinder« gegründet worden. 1908 zog die Schule in das neuerrichtete Gebäude im Nordend. Die Nationalsozialisten schlossen die Schule und richteten dort ein Reservelazarett ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die jüdische Gemeinde das Haus zurück, verkaufte es aber 1979 an die Stadt, um mit dem Erlös das Gemeindezentrum zu finanzieren. In dem von Salomon Korn entworfenen Gemeindezentrum war die Lichtigfeld-Schule 20 Jahre lang untergebracht. Weil es dort zu eng geworden war, hatte die Gemeinde sich entschlossen, 2004 das Philanthropin von der Stadt zurückzukaufen. Für den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik stand schon damals fest: »Nach einer länger anhaltenden Phase der Unsicherheit und des Zögerns« sei mit dem Schritt zurück ins Philanthropin »mehr als nur ein prestigegela- denen Ortswechsel« verbunden. Sie trete auch in die Tradition der jüdischen Aufklärung ein. Der Umbau kostete rund 12 Millionen Euro. Heide Sobotka (mit dpa)

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