20 Jahre Mauerfall

»Ein riesiger Schock«

Wie überall in der Welt bli-ckte man auch in Israel ge-
bannt auf die Bilder der Menschen auf der bröckeligen Berliner Mauer. Wie sie dort standen, jubelnd, Fahnen schwingend. Wohlige Schauer aber wollten beim Anblick der Hammerschläge auf den maroden Stein, der fröhlichen Gesichter im Westen und manchmal etwas verwirrten im Osten kaum aufkommen. Tausende Kilometer südlich des historischen Geschehens gab es keine freudigen Gefühle. Statt gemeinschaftlichen Freudentaumelns dominierte im Herbst 1989 von Haifa bis nach Eilat so etwas wie kollektive Angst.

Offizielle Reaktionen Während es aus aller Welt Glückwünsche auf Berlin regnete, reagierte man in Jerusalem – gelinde gesagt – reserviert. Die Beziehungen waren 45 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen den beiden Staaten noch immer höchst sensibel. Dass es gerade der 9. November war, die Reichspogromnacht des Jahres 1938, in der die Mauer fiel, machte das Geschehen in Israel nicht leichter verdaulich. Der damalige Ministerpräsident Yitzhak Schamir, selbst Schoa-Überlebender aus Polen, dessen gesamte Familie von den Nazis getötet worden war, zeigte sich später enttäuscht, dass in der Vereinbarung zur Wiedervereinigung kein einziges Wort über die sechs Millionen ermordeten Juden stand.
Schamirs politischer Berater Avi Patzner erklärte jedoch, dass die Botschaft des da-
maligen Bundeskanzlers Helmut Kohl an Israel die historische Verantwortung des vereinten Deutschland gegenüber dem jü-
dischen Volk betonte. »Trotzdem war es so, die Israelis hatten einfach gemischte Ge-
fühle in Sachen Wiedervereinigung«, resümierte Patzner. Die konservative englischsprachige Tageszeitung »Jerusalem Post« brachte diese Stimmung seinerzeit für viele auf den Punkt: »Die Erinnerungen an den Massenmord des Krieges werden niemals ausgelöscht werden. Und für viele ist die Auferstehung eines Super-Deutschland weniger als 50 Jahre nach dem Holocaust nicht nur gefährlich, sondern eine Schande für die historische Gerechtigkeit.«

Schock Besonders tief saß die Angst bei den Überlebenden des Holocaust, die sich nicht vorstellen konnten, dass nach dem größten Unheil aller Zeiten, das ihnen durch Deutschland angetan worden war, gerade dieses Land wieder zu seiner »alten Größe« finden sollte.
Miriam Edry, geboren im heutigen Ru-
mänien, hat die Schoa überlebt, weil ihre Eltern sie rechtzeitig aus Europa schmuggeln konnten. Noch heute ist der mittlerweile 75-Jährigen diese Zeit wie eine riesige Wunde in die Seele geschnitten. »Sie heilt nie«, weiß Edry. Nach Deutschland zu reisen, käme für sie nicht infrage. »Niemals, nein, das kann ich nicht«, sagt sie und schüttelt vehement den Kopf. »Als ich die Nachrichten vom Fall der Mauer hörte, musste ich weinen«, erinnert sie sich. »Es war wie ein riesiger Schock, ich konnte fast zwei Tage nicht aufhören. Ja, ich habe Angst gehabt. Große Angst, dass Deutschland wieder zu mächtig, einfach losmarschieren und andere überrennen wird.«
Heute, 20 Jahre später, sehe sie das et-
was entspannter, gibt sie zu. Obwohl es ihr nicht ganz leicht fällt. Grund dafür seien zum einen die Amerikaner, auf die sie zähle, zum anderen ihre Enkelkinder, die alle in Berlin waren und ihr von der Stadt berichteten. Zuerst habe sie die Reiseberichte gar nicht hören wollen. »Es war nicht leicht, meine Ohren und mein Herz für ›ein schönes Deutschland‹ zu öffnen und mir Bilder meiner lachenden Enkel auf Straßen anzuschauen, auf denen früher Juden zusammengetrieben wurden. Aber ich musste nach vorne schauen. Man darf nicht immer in der Vergangenheit verhaftet sein.«

Angst Einer, der die Wende live im Land der Täter miterlebt hat, ist Ehud Miller, Israeli, der in Deutschland zu dieser Zeit Tiermedizin studierte. Miller ist Sohn von Schoa-Überlebenden aus Bielefeld. »Ich konnte diese tiefsitzende Angst wirklich spüren, das war Wahnsinn. Viele meiner Verwandten waren ohnehin nicht begeistert davon, dass ich in Deutschland lebte. Aber als sich die Grenze zwischen beiden Teilen öffnete, wurden sie ganz ver-
rückt. Sie meinten, ich müsste jetzt sofort das Land verlassen, es sei für mich als Jude nicht mehr sicher.« Was Miller aber nicht tat. Die Grenzöffnung und den Fall des Eisernen Vorhangs hat er unterstützt. Heute praktiziert Miller als Tierarzt in Wiesbaden, ist verheiratet und hat zwei Kinder. »Und wie man sieht, ist mir ist nichts passiert«, schmunzelt er.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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