Behinderte

Ein Platz für Narmina

von Christine Schmitt

»Ich weiß jetzt, wo mein Kind leben kann, wenn ich die Betreuung nicht mehr schaffe.« Firuza Yushvaeyeva ist erleichtert. Bei einer Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) hat sich die 47-Jährige gerade Wohneinrichtungen für Behinderte angesehen. Ihre Tochter Narmina ist 24 Jahre alt und gilt als geistig behindert. Sie kann weder lesen noch schreiben, erzählt die Mutter. Manchmal schaffe sie es, fehlerfrei bis zehn zu zählen. Manchmal kann sie auch kochen, einkaufen oder bei Verwandten oder Freunden anrufen. »Aber alles, was sie noch nie ge-macht hat, überfordert sie«. Einen ihr unbekannten Weg zu gehen oder mit dem Bus eine neue Strecke zu fahren, sei für sie un- möglich. Eine 24-Stunden-Versorgung brauche Narmina aber nicht. Auf einen Betreuer, der sich täglich um sie für ein paar Stunden kümmert, werde sie aber sicher immer angewiesen sein. Derzeit arbeitet Narmina in einer Behindertenwerkstatt.
Doch Firuza Yushvaeyeva hat die »Tagung für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen« der ZWSt Zuversicht gegeben. Ein Schwerpunktthema war: Wohnformen für Menschen mit Behinderung. Dabei haben sich die Teilnehmer zwei Wohnungen und ein Heim angesehen. Sie sei ganz begeistert, denn die Wohngruppe, die sie gesehen habe, sei toll gewesen. »Es ist ein neues Haus. Die Einrichtung ist gemütlich und die Betreuer wirken nett und kompetent«, sagt Firuza Yushvaeyeva. Hier könnte sie sich ihre Tochter Narmina auch gut vorstellen – wenn Frankfurt nicht zu weit weg von München wäre, wo sie leben.
Früher hatte sie oft geweint, war verzweifelt und hatte gedacht, sie könne ihr Kind doch nicht weggeben. Das sei für sie eine schwierige Situation, denn sie werde ja auch älter und der Tag werde kommen, von dem an sie sich nicht mehr richtig um ihre Tochter kümmern könne.
Ganz anders sieht Firuza Yushvaeyeva die Situation für ihren Bruder. Der heute 52-Jährige ist Epileptiker, halbseitig gelähmt, kann derzeit kaum laufen und man »versteht nur wenig, was er sagt«, erzählt die Schwester. Er lebt noch in München bei ihren Eltern, die mittlerweile über 70 Jahre alt sind. »Außerdem kann er kein Deutsch und isst nur, was unsere Mutter oder ich ihm kochen.« Firuza Yushvaeyeva macht sich Sorgen: Dreimal am Tag kommt ein Mitarbeiter eines Pflegedienstes, um ihn zu versorgen. Das ist eigentlich zu wenig. Doch ihre Eltern mögen sich nicht so recht damit anfreunden, dass ihr Sohn woanders vielleicht auch gut aufgehoben wäre.
»Für die Gründung einer Wohngruppe sind sechs bis acht Menschen notwendig«, hat Firuza Yushvaeyeva von Dinah Kohan erfahren, der ZWSt-Mitarbeiterin, die das Projekt »Integration von Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung in das jüdische Gemeindeleben« leitet. Die ZWSt bemühe sich derzeit, Menschen zu-sammenzubringen, die zueinanderpassen könnten. Es sei geplant, dass in nächster Zeit in Frankfurt eine jüdische Wohngruppe entstehe. Wenn sich genügend Interessenten finden, hoffentlich bald auch in anderen Städten, sagt Kohan. Sollten enge Angehörige nachziehen wollen, könnte die jüdische Wohlfahrtsorganisation in Zu-sammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt auch dabei behilflich sein.
Ein besonderes Problem trete auf, wenn die behinderten Menschen älter werden und mit ihnen die Eltern. Das Erwachsen- und Selbständigerwerden bedürfe einer behutsamen Unterstützung. Die Entscheidung, für oder gegen den Übergang in eine von Profis betreute Wohnform könne nur von den Familien mit behinderten Angehörigen freiwillig und selbstverantwortlich getroffen werden, erklärt Kohan. Man dürfe diese Entscheidung nicht zu lang vor sich herschieben. Es sei einfacher und wünschenswert, wenn die nächsten Angehörigen diese schwerwiegende Veränderung der Lebenssituation noch begleiten könnten, sagt Dinah Kohan.
Ein Umdenken sei aber schon heute zu bemerken, resümierte die ZWSt-Mitarbeiter die Erfahrungen aus den mittlerweile vier Jahrestagungen für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Immer mehr Familien überlegten, ihre behinderten Verwandten in die Selbstständigkeit zu entlassen. Mehr als 120 Teilnehmer mit mehr als 20 Menschen mit Behinderung hatten sich in Frankfurt getroffen und diskutierten in verschiedenen Arbeitsgruppen. Ein Workshop widmete sich dem psychosozialen Thema »Ablösung innerhalb der Familie«. Fachleute informierten zu sozialrechtlichen Fragen und ambulanten Unterstützungmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung. Ein anderer stellte die Frage, wie eine jüdische Wohngruppe aussehen könnte und welche ambulanten Hilfen das betreute Wohnen begleiten sollten. Es sei der erklärte Wunsch, Wohnformen zu gründen, in denen die Türen für die Angehörigen offen stehen, resümierte Di- nah Kohan die Stimmen der Teilnehmer.
»Aber es muss auch gewährleistet sein, dass unsere Kinder – zusammen mit ei- nem Betreuer – in die jüdischen Gemein- den begleitet werden können, um an den Festen und Gottesdiensten teilzunehmen«, fordert Firuza Yushvaeyeva. In ihrer Heimat Baku in Aserbaidschan hätte ihre Tochter kaum Möglichkeiten dazu gehabt. Dort konnte sie noch nicht einmal zur Schule gehen, während sie in München mehrere Jahre lang eine heilpädagogische Einrichtung besuchte. Mittlerweile spricht Narmina sogar perfekt Deutsch. Firuza Yushvaeyeva will sich in München um die Zukunft ihrer Tochter kümmern. Noch lieber würde sie sie in einer jüdischen Wohngruppe vor Ort anmelden. »In eine solche hätte ich das meiste Vertrauen.«

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