Henryk M. Broder

»Ein einzigartiger Platz«

Herr Broder, als Sie während der 80er- Jahre in Israel lebten, hatten Sie Ihren Wohnsitz in Jerusalem. Wieso nicht in Tel Aviv?
broder: Ich war damals ein bekennender Jerusalemiter. Das hatte aber einen ganz praktischen Grund: Ich fand die Tel Aviver Sommerhitze schwer erträglich, doch die Jerusalemer Winter waren noch unerträglicher. Deswegen bin ich dann im Winter eher nach Tel Aviv gefahren. Ich habe es damals sehr genossen in dieser traditionellen, leicht konservativ-reaktionären, rückständigen Welt von Jerusalem zu leben und dann in die freie, aufgeklärte, leicht bekleidete, vollbusige Welt von Tel Aviv Ausflüge zu unternehmen. Inzwischen finde ich natürlich, dass Tel Aviv die einzige Stadt in Israel ist, in der man wirklich leben kann.

Warum?
broder: Tel Aviv ist eine einzigartige Stadt und schwer zu beschreiben für jemanden, der noch nicht da war. Es ist genau die richtige Mischung aus Europa und Levante. Es ist noch nicht einmal Orient, sondern eben die Levante, das Erbe des alten Mittelmeerraumes, wo sich wirklich alle getroffen haben, wo durcheinandergehandelt, durcheinandergevögelt und durcheinandergeredet wurde. Das ist heute Tel Aviv! Eine alte, wunderbare Mischung von Osmanischem Reich, von europäischer Kolonialkultur, von irgendwas Ostjüdisch-Europäischem, das da immer noch wei- terlebt. Ein absolut einzigartiger Platz.

Man nennt Tel Aviv die »weiße Stadt«. Ein Klischee?
broder: Nein, hier wird erstaunlich viel renoviert. Es ist wirklich eine weiße Stadt. In den 80er-Jahren war Tel Aviv ja ziemlich heruntergekommen, die Leute sind alle weggezogen. Damals konnte man dort für ’n Appel und ’n Ei Wohnungen kaufen. Diese Wohnungen haben inzwischen den zehnfachen Wert, den sie vor 20 Jahren hatten. Und Leute, die sich mit Immobilien und Geld, wie ich, nicht auskennen, die ärgern sich jetzt platt. Und ich ärgere mich auch platt, dass ich damals nichts gekauft habe! Aber dann begann der Aufstieg. Heute können Sie in Tel Aviv nicht mehr falsch parken, die Bürgersteige sind jetzt alle eingegrenzt, da stehen Boller darauf. Aber früher war es vollkommen klar, dass man wild parkt. Anschließend hat man den Strafzettel eben weggeworfen, da passierte eh nie was. Heute ist das alles unmöglich! Da hat ein unglaublicher zivilisatorischer Fortschritt stattgefunden. Und dass Tel Aviv zum Weltkulturerbe ernannt wurde, ist eines der wirklich wenigen Dinge, auf die ich als Jude stolz bin.

Tel Aviv gilt als der Zufluchtsort aller Säkularen, die es in Jerusalem nicht mehr aushalten.
broder: Zwischen Jerusalem und Tel Aviv gibt es eine vernünftige Form der Arbeitsteilung. Die Jerusalemer sagen ja auch immer, dass eine Fahrt nach Tel Aviv die einfachste Art ist, ins Ausland zu fahren, ohne seinen Pass zeigen zu müssen. Es sind zwei verschiedene Welten, zwei Lebensstile. Der Schriftsteller Yoram Kaniuk hat einmal völlig zu Recht vorgeschlagen, dass man nicht nur Palästina teilt, zwischen Juden und Arabern oder Israelis und Palästinensern, sondern dass man auch Israel teilt: zwischen den Ungläubigen, Menschen wie Yoram Kaniuk und mir, und den Gläubigen, also den Orthodoxen, den Frommen. Ein völlig alberner, aber trotzdem äußerst vernünftiger Vorschlag.
In Tel Aviv scheint das Zusammenleben zwischen Religiösen und Säkularen ja zu funktionieren.
broder: Ja, es ist erstaunlich, dass sich selbst die Frommen in Tel Aviv anders benehmen. Wir saßen einmal auf Scheinkin im Café Tamar. Und um die Ecke gibt es eine kleine Siedlung frommer Juden. Die gingen am Café Tamar vorbei, ohne uns anzuspucken und ohne sich aufzuregen, dass da sehr leicht bekleidete Mädchen über die Straße flanierten. Das heißt, die zivilisatorische Wirkung einer Stadt wie Tel Aviv teilt sich auch den Frommen mit. In Jerusalem würden sie toben und einfach ihre Macht ausspielen. Aber in Tel Aviv können sie das eben nicht. Und ich fand das nett, sie gehörten dann auch zum Straßenbild dazu.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

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