Negev

Die Wüste lebt

von Sabine Brandes

Passend zum 58. Jahrestag der Unabhängigkeit gab das Staatliche Statistikamt im Mai bekannt, daß die Bevölkerungsmarke von sieben Millionen geknackt worden ist. Worauf noch mehr Böller als sonst gezündet wurden – die Israelis sind stolz darauf. Doch Land ist knapp im jüdischen Staat. In den Ballungszentren Tel Aviv und Jerusalem drängeln sich die Menschen. Es wird eng und enger. 92 Prozent der Bevölkerung leben auf 40 Prozent der Fläche. Doch es gibt eine Ausweichmöglichkeit: Die Wüste Negev im Süden des Landes. Das wußte schon Israels Gründervater David Ben Gurion, der sich als Vorbild mit Frau Paula in Sde Boker niederließ. Der Negev, von Beer Schewa im Norden bis Eilat am südlichen Zipfel, umfaßt 60 Prozent von Israels Landmasse. Aber lediglich acht Prozent der Bevölkerung lebt und arbeitet hier.
Jetzt soll es konkret werden. Der Wüstenplan ist auf dem Tisch, Politikveteran und Vizepremier Schimon Peres wird als Minister für die Entwicklung der Negev und Galiläas dafür sorgen, daß er tatsächlich umgesetzt wird. 17 Milliarden Schekel soll er kosten, mehr als drei Milliarden Euro. Doch ob das reichen wird, um die Wüste tatsächlich zum Blühen zu bringen, wie es Ben Gurion einst erträumt hatte, ist fraglich. Wirtschaftsförderung, Stärkung der bestehenden sowie Bau neuer Kommunen, Entwicklung der Infrastruktur und des Umweltschutzes sollen vor allem junge Leute anlocken.
Im November 2005 verabschiedete das Kabinett, damals noch unter Ministerpräsident Ariel Scharon, den »strategischen Entwicklungsplan Negev«. Im wesentlichen umfaßt er vier Punkte: Der Bevölkerungsanteil soll auf 900.000 vergrößert (derzeit sind es knapp 600.000 Menschen) und die Zahl der jüdischen Studenten von 12,1 Prozent auf den nationalen Durchschnitt von 15,6 Prozent angehoben werden. Weiteres Ziel ist, die Beschäftigungszahl von 165.000 auf 300.000 zu steigern. Außerdem steht auf der Agenda, die Einkommen dem des Kernlandes anzupassen. Derzeit sind die Negev-Gehälter bis zu 60 Prozent niedriger. Umgesetzt werden sollen die Prinzipien bis 2015.
Doch viele Menschen wollen nicht in die Wüste. Und es ist nicht ausschließlich die Lage, die sie davon abhält. Beer Schewa ist heute mit dem Zug von Tel Aviv aus in eineinhalb Stunden zu erreichen. Ein Weg, den in Deutschland viele Pendler täglich zurücklegen. Es ist auch Angst. »Vielleicht hätte ich wirklich darüber nachgedacht, in die Negev zu ziehen«, sagt Anat Dalal aus Tel Aviv. »Unsere enge Wohnung in der lauten Stadt mit einem schönen Häuschen samt Garten zu tauschen, das hat schon was.« Doch nachdem jüngst eine Kassam-Rakete in Sderot in eine – glücklicherweise leere – Schule eingeschlagen ist, hat Dalal diesen Gedanken verworfen. »Ich habe zwei kleine Kinder, und das Leben in Israel ist oft bedrohlich genug.« Zusammen mit jüdischen Organisationen, allen voran dem Jewish National Fund (JNF) führt Israel Teams in die Negev, die schon jetzt das Land für die neuen Kommunen bestellen. Diverse amerikanische Firmen und Privatleute investieren gehörige Summen in den Bau der Häuser. Eine der neuen Ansiedlungen trägt bereits einen Namen: Carmit. In weniger als 18 Monaten werden sich hier, so der Plan, wohlhabende Juden aus Nordamerika niederlassen. Die 11.500 Bewohner sollen hauptsächlich Anwälte, Ingenieure und Ärzte sein, die kürzlich Alija gemacht haben oder bald machen werden. In einer anderen Gegend sollen all jene, »die eine herausragende Lebensqualität suchen«, in einem verlassenen Naturpark angesiedelt werden.
Doch nach Bekanntgabe der Vorhaben wurde auch Kritik laut. »Ob der Negevplan nur für Juden gelte oder ob er die Beduinen mit einbeziehe?«, fragte die Presse. Tue er, sagt das Ministerium. Ein Punkt des Plans sei es, die Zahl der beduinischen Studenten von 2,2 Prozent auf 5 Prozent anzuheben. Erst jüngst haben Premier Ehud Olmert und sein Vize Peres dem Bau von zwei Beduinensiedlungen in der Negev zugestimmt. 170.000 Beduinen leben im Süden des Landes, ihre Zahl wird sich in den kommenden sieben Jahren schätzungsweise verdoppeln. Bei einer Arbeitslosigkeit von fast 90 Prozent und schlechter medizinischer Versorgung bräuchten gerade sie die Entwicklung dringend.
In einer Stadt ist die Zukunft bereits angekommen. Wer das letzte Mal vor zehn Jahren in Beer Schewa war, wird sie heute nicht wiedererkennen: Die schmuddelige Hinterweltsiedlung hat sich zu einer modernen Großstadt entwickelt, die eher an Silicon Valley erinnert als an Falaffel-Buden und Kamelmarkt. Junge Paare flanieren im Zentrum entlang teurer Boutiquen, Studenten trinken ihren Espresso in der gestylten Bar Aroma, und die medizinische Fakultät der Ben-Gurion-Universität (BGU) ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die Aktion »Blueprint Negev« des JNF will weitere 300 Millionen Dollar in den Aufbau der Stadt stecken. »Es ist heute nicht mehr peinlich zu sagen, ich wohne in Beer Schewa«, meint Student Ari Cohen, »es ist sogar ziemlich cool«.
»Die Zukunft Israels liegt hier in der Negev, es gibt keine andere Möglichkeit. Es sei denn, jemand glaubt daran, daß wir die Westbank zurückerobern und den Libanon einnehmen«, sagt Avigad Vonshak mit Ironie in der Stimme. Er ist Leiter des Negev-Untersuchungsprogrammes an der BGU. Auch der Minister sieht es so. »Wir verlassen bestimmte Territorien, um die Negev zum Blühen zu bringen und Galiläa aufzubauen«, sagte Peres bei der 58-Jahr-Feier, die im Zeichen des Wüstenplans stand. »Würde Ben Gurion heute noch leben, wäre er sehr stolz auf das, was er sehe.«

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