Duisburg

Die Vorleser

von Zlatan Alihodzic

Yaacov Zinvirt geht weit zurück in der Geschichte der Schrift, um seinen Vortrag zu beginnen. Beim »Fest des jüdischen Buches« der Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen eröffnet der Rabbiner in der Synagoge das Programm. Es reicht bis zu Moses und den Gesetzestafeln zurück. Wo soll ein Rabbiner auch sonst anfangen? Bei den neun Lesungen, dazu vielen Studiengruppen, Workshops und einem Kinderprogramm, die am Sonntag quer durch das Gemeindezentrum präsentiert wurden, konnten die Besucher Geschichten von Moses bis zur Gegenwart hören.
Die Duisburger Gemeinde beging das »Fest des jüdischen Buches«. Die erste Auflage gab es im Jahr 2006. Obwohl das Programm erst zum dritten Mal stattfindet, kann Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Gemeinde voller Stolz sagen: »Wir setzen die Tradition gut fort.« Tatsächlich ist die Entwicklung schon während der Eröffnungsveranstaltung deutlich zu erkennen. Mehr Besucher und Nichtgemeindemitglieder sind in das Gebäude am Duisburger Innenhafen gekommen.
»Und wir haben eine gute Mischung geschafft. Mir war wichtig, dass wir große Namen haben, aber auch, dass es zu uns passt«, betont Rubinstein. Deshalb freut er sich besonders, dass Walter Kaufmann am Nachmittag mit einer Lesung seine Verbundenheit zur Gemeinde zeigt. Der inzwischen 85-Jährige ist der Sohn von Sally Kaufmann, der bis 1943 Vorsitzender der Duisburger Gemeinde war. Er floh nach England, wurde von dort nach Australien deportiert, war Soldat, Hafenarbeiter, Seemann und kehrte in den 50er-Jahren nach Deutschland zurück. Heute stellt er sein Buch und damit sein bewegtes wie bewegendes Leben vor: Die Zeit berühren – Mosaik eines Lebens auf drei Kontinenten. Diese lokale Verbundenheit ist Rubinstein wichtig. Doch auch große Namen gibt es zu auf dem Programm zu lesen und im Festsaal zu hören. Die Autoren Ellen Presser, Lena Gorelik und auch Ludger Heid sind gekommen. Die Themen sind so bunt gemischt wie die Bücher auf den Tischen der Händler im Foyer: Von der Religion geht es über Biografien bis zum Roman.
Elizabeth Evertz weiß, für welche Literatur sich die Besucher an diesem Tag interessieren. Sie steht am meterlangen Verkaufstisch ihrer Buchhandlung und berät die Kunden. »Klar, es wird viel nach den Autoren gefragt, die hier lesen, aber erfreulicherweise auch nach Klassikern.« Auch ein Klischee bewahrheite sich, nämlich, dass sich die Frauen mehr für Romane interessieren und die Männer eher für Sachbücher. Und dann erklärt sie strahlend: »Es wurde sogar gezielt nach einem Buch von Arnold Zweig gefragt. Das passiert im Geschäft einmal in zehn Jahren!« Dafür gehen bei ihr sonst regelmäßig Werke von Arnon Grünberg, Lizzie Doron oder Irene Dische über die Theke. Oder nehmen wir Menasses Die Vertreibung aus der Hölle – das ist einfach einer der besten Romane des 20. Jahrhunderts. Was wäre die Literaturgeschichte ohne jüdische Autoren?», fragt Elizabeth Evertz. Und dass sich an diesem Tag ausschließlich jüdische Literatur um sie herum türmt, ist für die Buchhändlerin keine neue Erfahrung. «Wenn man ein gutes Literatursortiment anbieten möchte, hat man sowieso den halben Laden voller jüdischer Bücher.»
Was aber ist nun eigentlich jüdische Literatur? Ellen Presser will diese Frage nicht beantworten, und räumt ein, dass sie es auch gar nicht könne. Stattdessen zitiert sie Marcel Reich-Ranicki. «Er sagt, dass es für ihn nur gute oder schlechte Literatur gibt, also interessante und überflüssige», sagt die Leiterin des Jugend- und Kulturzentrums der IKG München. Presser nähert sich der Antwort mit weiteren Fragen: «Ist die Literatur für Juden? Über Juden? Von Juden?»
Was für Yaacov Zinvirt das wichtigste Buch ist, müsste man ihn eigentlich gar nicht fragen. Schließlich hat er gerade selber eines geschrieben mit dem Titel Tor zum Talmud. Und so antwortet er auf die unnötige Frage: «Die fünf Bücher Mose.» Besonders ausführlich hat sich der Duisburger mit den Kommentaren von Rabbi Schlomo Jizchaki, einem der wichtigsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters be- schäftigt. «Er konnte in einer kurzen Form vieles vereinen, alles unter einen Hut brin- gen», weiß Zinvirt. «Es scheint so einfach, was er geschrieben hat. Doch muss man es dreimal, viermal lesen, um zu verstehen, wie weit er gegangen ist.»
Zinvirt hat bei seinem zweiten Buch einen neuen Zugang zu einem schwierigen Thema gewählt. «Ich wollte keine kurze, sondern eine verständliche Form finden. Schließlich möchte ich Leuten, die keine Basis haben, Erklärungen für den Talmud liefern.» Und er arbeitet schon an seinem dritten Werk, in dem er auf unkonventionelle Art Hebräisch lehren möchte. «Es geht um schnelle Ergebnisse. Man muss noch nicht mal alle Vokale und Konsonanten können, denn für die meisten Hauptwörter braucht man sie eben nicht.»
Eine besondere Beziehung zum Lesen und zum «Fest des Buches» hat Alexander Smolianitski. Er ist der Sohn der Programmplanerin und kam schon früh mit der Welt der Bücher in Kontakt. «Mit vier oder fünf Jahren war ich das erste Mal mit meinen Eltern auf der Frankfurter Buchmesse», erzählt der 16-Jährige. «Und seitdem war ich fast immer da.» Im Vorfeld der Duisburger Veranstaltung las er viel von den eingeladenen Autoren. «Und What Would Google Do? ist das letzte Buch, das ich mir gekauft habe», sagt Alexander. Ein Sachbuch – Elizabeth Evertz’ Theorie stimmt bei ihm aber noch nicht ganz. «Ich lese auch gerne Thriller.» Dass Jugendliche lieber vor dem Computer sitzen, statt ein Buch in die Hand zu nehmen, kann Alexander nicht bestätigen. «Es kommt wahrscheinlich schon auf den sozialen Hintergrund an. Aber in meinem Freundeskreis lesen schon recht viele.» Die Zukunft des Buchfestes scheint also gesichert.

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