Lauder-Jeschiwa

Die Reiserolle

von Sophie Neuberg

Wenn die angehenden Rabbiner der Lauder-Jeschiwa kleinere Gemeinden in Brandenburg und anderen Gegenden Deutschlands besuchen, ist dort oft gar keine To-
rarolle vorhanden und demnach auch keine Möglichkeit, zum Beispiel einen richtigen Schabbatgottesdienst abzuhalten. Das wird sich jetzt mit der neuen »reisenden« Sefer Tora des Rabbinerseminars ändern.
Zwei Tage nach dem internationalen Holocaustgedenktag wurden die Passanten in Prenzlauer Berg Zeugen einer De-
monstration des Glaubens und der Freude. Die neue, von amerikanischen Juden ge-
spendete Schriftrolle wurde gefeiert.
Zunächst hatte der aus den USA angereiste Toraschreiber Rabbiner Mordechai Tzvi Karro im Hause des Rosch Jeschiwa, Rabbiner Yoel Smith, die 18 letzten Buchstaben aufs Pergament geschrieben. Ein erhebendes und bewegendes Gefühl für die 18 ausgewählten Rabbiner und männlichen Gemeindevertreter, die nacheinander ihre Hand auf die Hand des Toraschreibers legen und damit je einen Buch-
staben symbolisch mitschreiben durften. Ein bewegender Moment aber auch für die übrigen Anwesenden, denn »indem wir dabei gemeinsam meditieren und singen, sind alle mit in dieser Tora vertreten«, erklärte Rabbiner Karro. Anschließend wurde die Sefer Tora in einem feierlichen Umzug in die Yeshiva Beis Zion in der Brunnenstraße gebracht. Vorne liefen Kinder mit Fackeln, dahinter unter der Chuppa Rabbiner und Gemeindevertreter, die abwechselnd die mit Silberkrone ge-
schmückte Torarolle tragen durften. Dabei wurde fröhlich getanzt und gesungen.
Im Hof des Hauses Brunnenstraße 33, wo die Jeschiwa untergebracht ist und gerade ein Synagogenraum entsteht, tanzten und musizierten die Männer weiter, während die versammelten Frauen zu-
schauten. Anschließend brachten die Männer die Torarolle in ihren Schrein, bevor sich alle wieder versammelten, um den Reden von Stiftern, Rabbinern und Gemeindevertretern zuzuhören. Dabei war auch an die Kinder gedacht worden: Jedes Kind hatte eine hübsche Tüte mit Süßigkeiten bekommen und war so während der Reden mit Auspacken und Naschen bestens beschäftigt.
Ein Thema des Abends war das Wachsen jüdischen Lebens an Orten, an denen es fast verschwunden war. »Wie Isaak die verschütteten Brunnen Abrahams wieder aufgraben ließ, machen wir heute nach seinem Vorbild weiter und bauen das wieder auf, was einst zerstört wurde«, sagte zum Beispiel Rabbiner Yoel Smith in seiner Ansprache. »Juden auf der ganzen Welt sorgen dafür, dass jüdisches Leben in Berlin weiter wachsen kann«, betonte auch die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind.
Damit knüpfte sie an das andere große Thema des Abends an: Gemeinsamkeit, füreinander da sein, Verantwortung übernehmen. »Diese Torarolle ist ein klarer Ausdruck dafür, dass Juden füreinander Verantwortung übernehmen«, sagte Rabbiner Josh Spinner, Vizepräsident der Lauderstiftung in Berlin. Tatsächlich ist die Torarolle eine Spende aus den USA und damit, so Spinner weiter, »eine wunderbare Metapher« für das Prinzip der gegenseitigen Verantwortung. Meyer Flaks und Leonard Wien aus Florida, die gemeinsam mit der Atlantic Jewish Foundation die To-
rarolle gestiftet haben, waren extra zur Einweihung angereist. »Jeder Jude ist für andere Juden verantwortlich«, sagte Meyer Flaks den Anwesenden. »Es hat sich aus persönlichen Kontakten ergeben«, erzählte er der Jüdischen Allgemeinen weiter, so als wäre es ganz selbstverständlich, von Florida aus eine Torarolle nach Berlin zu spenden: »In Erinnerung an die Familien, die in der Schoa umgekommen sind – und als Inspiration für die jüdische Gemeinde und hoffentlich darüber hinaus«. Als Präsident der Atlantic Jewish Foundation konnte Flaks das Vorhaben schnell und unkompliziert umsetzen.
Auch für Rabbiner Josh Spinner ist die Inspiration oder Anregung das Entscheidende: »Bei Hilfe von draußen muß es darum gehen, den Menschen, die in einer bestimmten Situation sind, dabei zu helfen, dass sie das Problem selbst lösen,« sagte er der Jüdischen Allgemeinen. Deshalb sei diese Torarolle ein so wunderbares Geschenk, denn die Spender aus Amerika hätten sie den hiesigen angehenden Rabbinern gegeben, damit diese sie wei-
tertragen und etwas weitergeben. In die gleiche Richtung äußerte sich Daniel Fabian, Student am Rabbinerseminar, als er betonte, das diese Sefer Tora den Studenten des Rabbinerseminars helfe, ihrerseits das jüdische Leben in kleineren Gemeinden zu unterstützen.
Aber wie hat man sich die reisende Torarolle praktisch vorzustellen? Das sei gar nicht so kompliziert, erklärte Daniel Fabian, während die Anwesenden weiter bei leckeren Häppchen feierten: Man werde sie zum besseren Schutz in einen Tallit einwickeln und sie im Auto entweder sorgfältig hinlegen oder tragen. Schließlich sei die Tora zwar heilig, aber auch den Menschen gegeben worden, damit sie daraus lesen und damit beten, betonte der angehende Rabbiner: »Die Menschen kommen zur Tora und die Tora kommt auch zu den Menschen.«

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