Kommunikation

Die Plapperspirale

von Bernd Gäbler

»Eklat« – diese Bezeichnung setzte sich in Windeseile durch. Das Geschehene wurde tausendfach in Internetforen, Lokalradios und privaten Gesprächen nacherzählt, multipliziert, aufgegossen, interpretiert und beurteilt. Bisher kannte die Medienwissenschaft eine »Schweigespirale«. In der ver- gangenen Woche sah sie sich mit einer »Plapperspirale« konfrontiert, die sich in ungeheurer Beschleunigung durch die Gesellschaft schraubte. Was war geschehen?
Ein Fernsehmann, der Allround-Talker Johannes B. Kerner, hatte eine vom Fernseh-Ansagerfach inzwischen ins Schriftliche gewechselte Ex-Kollegin, Eva Herman, in seine Fernseh-Sendung zunächst eingeladen und dann hinausgebeten. Sie hatte das geforderte Schuldbekenntnis, bei ihrer Propaganda des Familien-Biedermeier in Nazi-Verharmlosung abgedriftet zu sein, partout nicht abgeben wollen. Zuverlässig empört zeigte sich die ebenfalls anwesende, ehemalige Fernseh-Ikone Margarethe Schreinemakers, der Gastgeber selbst markierte mit dem einmaligen Satz: »Es gibt Sachen, die gehen gar nicht. Autobahn geht gar nicht« die Grenze des Tolerablen. Dann vollzog Kerner den Ausschluss der Beschuldigten aus der Bildschirmgemeinde. Die Eva-Herman-Schlacht war geschlagen. So tapfer sind die Deutschen, wenn es um nichts geht. Die im Talk Verbliebenen feierten dann erleichtert die nervös gesicherte antifaschistische Wertegemeinschaft mit etwas Geplauder.
Der Eklat gehört zur Mediengesellschaft wie die Sünde zum Glauben. Er verbreitet sich rasant und ruft kollektive moralische Gefühle hervor, eine Erregung, die sich steigert. Am wohligsten überkommt die Deutschen immer noch dann ein Schauer, wenn der Eklat mit der Nazi-Zeit zu tun hat. Sie ist bedrohlich, dunkel, wie eine Krankheit, an der man sich infizieren kann. Zwar wird dann sogar in den Massenmedien hier und da nach »Experten« gerufen, die sich warnend äußern, für normale Kommunikation aber scheint das Thema unzugänglich zu sein. Es ist irgendwie »heikel«. Die zur Unterhaltung bestimmten Medien simulieren nur Kontroversen und kommen ins Sto- cken, wenn Ernstes berührt sein könnte. Mit einer Informationsgesellschaft hat das alles nichts zu tun, zeigt aber, wie unsicher auch die inzwischen fröhlichen Deutschen immer noch sind. Denn unter der sich periodisch in Erregungswellen kräuselnden Oberfläche lauern einige Themen, über die eine ernsthafte Selbstbefragung lohnte. Auch solche mit Vergangenheitsbezug.
Da ist zum Beispiel angesichts neuartiger Bedrohung jener Komplex, der sich mit Ermächtigungen und Kontrollen staatlicher Gewalt befasst. Schon wird wieder mit wissenschaftlichem Ernst über ein »Feindstrafrecht« diskutiert. Da findet ein wichtiger Diskurs statt, allerdings in einer völlig anderen Sphäre als dem Talk-Show-Kosmos. Wie aber wollen Eliten, die sich abschotten, Demokratie sichern?
Immer wieder erleben wir Explosionen von Jungmänner-Gewalt, nicht selten mit neonazistischem Hintergrund. Mittlere Städte wie Halberstadt wirken, als seien sie ihr fast sprach- und wehrlos ausgeliefert. Wir müssten darüber realistisch sprechen – nicht allein über Moral, sondern vor allem über praktische Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. Große Fragen der Pädagogik scheinen immer noch ungelöst. Ich ahne nur, dass da etwas fundamental nicht stimmt. Geschichte, sagen viele Schüler und Studenten, habe sich bei ihnen auf das Dritte Reich reduziert. Ihr Überdruss aber steht in keinem Verhältnis zum Wissen. Nach meiner Erfahrung weiß etwa ein Drittel der studentischen Erstsemester nicht, dass Hitler gewählt wurde; weniger als der Hälfte ist bewusst, dass er zunächst mit einer Koalition regierte. Nur eine ganz dünne Spitze kennt eine grundlegende Publikation zu dieser Zeit. Die jungen Leute sind dennoch immun gegen Rechtsradikalismus, weltoffen, tolerant, unideologisch, moralisch lauter, aber eben auch überraschend wenig geschichtsbewusst und ahnungslos.
Die kreischende Erregungsspirale der Medien hilft da gar nicht. Eher trägt sie dazu bei, den Graben zwischen elitären Diskursen und kundiger, demokratischer Selbstvergewisserung auf der einen Seite und Massenunterhaltung auf der anderen Seite zu vertiefen. Hätten nicht gerade jene Medien, die sich öffentlich-rechtlich nennen und von uns allen finanziert werden, damit sie sich rückkoppeln an die Gesellschaft, hier eine Funktion? Man wird die Ebenen, auf denen eine Gesellschaft kommuniziert, nicht willkürlich zusammen-werfen können. Aber müssen sie so weit auseinanderklaffen? Die Kerner-Show mit der Tribunal-Farce lief am Dienstagabend im ZDF; am Sonntagmorgen sprach auf demselben Sender Friedenspreisträger Saul Friedländer. Es wirkte, als kämen beide Sendungen von zwei verschiedenen Planeten.

Der Autor ist Journalist und war zwischen 2001 und 2004 Geschäftsführer des »Adolf- Grimme-Instituts – Gesellschaft für Medien, Bildung und Kultur« in Marl.

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