Zedaka

Die Kunst des Gebens

von Rabbiner
Salomon Almekias‐Siegl

Am zweiten Tag von Schawuot lesen wir von den sozialen Mizwot. Dazu gehört unter anderem Zedaka, die Wohltätigkeit. »Wenn unter dir ein Bedürftiger sein wird, einer deiner Brüder, in einem deiner Tore, in deinem Lande, das der Ewige, dein G’tt, dir gibt, so sollst du deinem Bruder, dem Bedürftigen, gegenüber dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen, sondern du sollst ihm deine Hand öffnen, sollst ihm leihen, wie viel er in seinem Mangel bedarf, wie viel ihm fehlt« (5. Buch Moses 15, 7–8).
Zedaka gibt man aus Liebe zum Nächsten. Man gibt sie nur dem Bedürftigen und nur zu dessen Lebzeiten. Eine noch edlere Tat ist Gmilut chassadim, was so viel wie Gefälligkeit bedeutet. Diese Wohltätigkeit kann man gegenüber Reichen und Armen ausüben, zu deren Lebzeiten, aber auch nach deren Tod.
Der Begriff Zedaka ist mit dem hebräischen Wort Zedek verwandt, auf Deutsch: Gerechtigkeit. Unsere Weisen betonen, dass Zedaka nicht nur eine Gefälligkeitstat ist, sondern eine menschliche Verpflichtung. Wenn jemand Zedaka gibt, handelt er im Sinne der Gerechtigkeit (hebräisch: Zedek).
Rambam (um 1135–1204) schreibt in seinem Buch Mischne Tora (Hilhot matnot Anijim 10, 1): Wir müssen bei der Mizwa Zedaka mehr aufpassen als bei den anderen positiven Mizwot. Denn der Mensch muss sich, so Rambam, wenn er zu einer Zedaka bereit ist, der Gesamtgesellschaft zugehörig fühlen.
Mit jeder Zedaka, mit jeder Gabe für den guten Zweck wächst der Mensch über sich hinaus. Zedaka bedeutet jedoch nicht, dass wir den Bedürftigen stets ernähren oder ihm gar zu Reichtum verhelfen sollen. Die Worte »machssoro« – wie viel ihm fehlt (5. Buch Moses 15,8) weisen uns auf die Größe der Gabe hin. Die Tora sagt: »Man soll ihm geben alles, was ihm fehlt, auch wenn er ein Pferd zum Reiten braucht oder einen Sklaven, der ihn bedient« (Bawli, Ketubot 67,2). Man sagt über Rabbi Hillel, er habe einem Bedürftigen aus einer betuchten Familie ein Pferd zum Reiten gegeben, und als er keinen Sklaven für ihn fand, habe er sich selbst angeboten.
Zedaka hat keinen Mindest‐ oder Höchstwert. Jeder Spender entscheidet selbst, wie viel er geben kann. Wichtig ist der Wille, den guten Zweck dieser Mizwa zu erfüllen.
Unsere Weisen zählen einige Richtlinien der Zedaka auf. Rambam hat sie näher bestimmt:
1. Einem Reichen, der verarmt ist, gibt man entweder ein Geschenk oder bietet ihm die Partnerschaft an.
2. Der Gebende kennt den Empfänger nicht und umgekehrt.
3. Die Gabe wirft man am besten in eine Spendenbüchse ein.
4. Der Hüter der Spendenbüchse muss als anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mensch bekannt sein.
5. Auch wenn der Gebende den Zweck der Spende bestimmt hat, soll der Empfänger nicht wissen, von wem die Hilfe kommt.
6. Entspricht die Gabe nicht der erwarteten Höhe, überreicht man sie trotzdem mit Freude.
7. Ist der Gebende selbst bettelarm, soll er trotzdem Zedaka geben – und es bedauern, dass er nicht mehr hat, um mehr geben zu können.
Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der Bedürftigen? Im Text unseres Abschnitts lesen wir: »Wenn unter dir ein Bedürftiger sein wird, einer deiner Brüder, in einem deiner Tore, in deinem Lande …« Hier wird die Reihenfolge bestimmt, nämlich zuerst soll man den Armen der eigenen Stadt und des Landes helfen. Erst danach den Armen in der Ferne.
Rambam beendet seine Vorschriften über die Zedaka mit einem Aufruf an die Menschheit, dessen Inhalt bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Er sagt: Du sollst nicht in Selbstmitleid versinken, du darfst dich nicht in die Abhängigkeit der Wohltaten begeben, und du sollst dich erst in der äußersten Notlage an Helfende wenden.
Unsere Weisen ergänzen: Wenn du nicht genug hast, so lebe an deinem Schabbat genauso bescheiden wie am Wochentag, aber gehe nicht betteln, vermeide die Hilfe von außen.
Einer, der früher ein großer Gelehrter, eine angesehene Person war und inzwischen arm geworden ist, soll zuerst eine artfremde, niedrigere Tätigkeit aufnehmen, bevor er um Hilfe bittet. Aus der Geschichte ist uns bekannt, dass große und berühmte Rabbiner, die wenig Glück im Leben hatten, ihren Lebensunterhalt durch Holzfällen, Wassertragen, Kohlefördern und Metallschmieden verdienten. Sie lehnten jegliche Hilfe ab.
Das Judentum lehrt außerdem, dass jemand, der die Hilfe nicht nötig hat und sie durch Betrug erschleicht, eines Tages in die Situation wahrer Hilfsbedürftigkeit kommen wird. Die Tora sagt über solche Personen: »Verflucht sei er, der sein Vertrauen in der Menschheit sucht« (Jeremia 17,5).
Der Appell der Tora, die Mizwa der Zedaka zu erfüllen, trägt eine Botschaft in sich: Wir sollen verhindern, dass die Armen und Bedürftigen unter uns lange in ihrer Notlage verweilen oder gar darin bleiben. Armut verschwindet nicht von allein. Diejenigen, die versuchen, Armut zu verhin‐ dern, werden von G’tt gesegnet. Doch dieser Segen kommt nur dann an, wenn der Mensch seine ganze Kraft und alle seine Möglichkeiten zum Einsatz bringt.

Der Autor ist Landesrabbiner von Sachsen.

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