masse und macht

Die Krise des Souveräns

Der sefardische Jude Elias Canetti fühlte sich zeit seines Lebens von Menschenmassen in den Bann gezogen. Geboren 1905 in der bulgarischen Stadt Rutschuk, beobachtete das Ladino sprechende Kleinkind fasziniert Gruppen von Zigeunern, die in der Hoffnung auf Essensspenden im Innenhof seines Elternhauses ein‐ und ausgingen. In ihren bunten, zerrissenen Kleidern kamen ihm diese Menschen sehr feierlich vor, und doch fürchtete er sich vor den Fremden. Denn er hatte gehört, dass die Zigeuner in ihren unheimlichen roten Taschen Kinder verschleppten.
Als älteres Kind erlebte Canetti die mobilisierten Massen zu Beginn des Ersten Weltkriegs in den Straßen Wiens, der Stadt seiner Schulzeit. Als die Waffen nach vier Jahren endlich schwiegen, sah er als junger Mann die verschiedensten Arten hoch politisierter Massen: In Berlin protestierten 1922 viele Menschen gegen die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau. Fünf Jahre später erlebte Canetti den Wiener Arbeiteraufstand im Juli 1927, als das Justizpalais nach einem skandalösen Urteil zugunsten der Nationalsozialisten von wü‐ tenden Demonstranten in Brand gesetzt worden war. Canetti geriet damals in diese antifaschistische Menschengruppe und ließ sich bedingungslos mitziehen. Dieser Tumult, der später als der Beginn des Bürgerkriegs der 30er‐Jahre betrachtet worden ist, kostete 89 Demonstranten das Leben, weil Polizisten wild um sich schossen. Für den Ästheten Canetti wurde dieses so unheimliche wie ekstatische Untertauchen in der Masse zum wahrhaftigen Urerlebnis.

gegenmacht Canetti hatte erkannt, dass die Entstehung und Entwicklung von Menschenmassen politisch ebenso wichtig wie unberechenbar ist – was in den vergangenen Wochen auch in den Straßen der iranischen Hauptstadt Teheran zu beobachten war. Zuerst bildeten sich große Ansammlungen im Vorfeld einer nationalen Wahl, die scheinbar das Potenzial hatte, die dortigen Machtverhältnisse ins Wanken zu bringen. Dann knüppelte die Regierung die Proteste bedenkenlos nieder. Nachdem die Menschen zunächst verjagt und eingeschüchtert waren, scheinen sie sich nun wieder langsam neu zu formieren. Manche Ahmadinedschad‐Gegner schwärmen inzwischen mehr im Internet herum als auf der Straße, wo Protest das Leben kosten kann.
Die Oppositionspolitiker Teherans heben sich weniger durch klare politische Alternativen zum religiösen Régime hervor, sondern eher durch die Tatsache, dass sie von der Menge auf der Straße in die Höhe gehoben worden sind – in der Hoffnung, Präsident Ahmadinedschad vom Thron zu stürzen. Auf den Bildern, die per YouTube und Twitter um die Welt geschickt wurden, ließen sich Politiker wie Mir Hossein Mussawi am liebsten inmitten der Masse abbilden – in ihrem Zentrum, als ihre Helden.

rad der geschichte Genauso erklärt Elias Canetti in seinem Hauptwerk Masse und Macht (1960) die gesamte Welthistorie. Er begreift die Geschichte weder als eine Parade von Persönlichkeiten noch als Klassenkampf. Stattdessen wird sie für ihn von spontanen Menschenmengen vorangetrieben, die zur Machtbildung führen. Im Weltbild Canettis bestimmen nicht Po‐ litiker den historischen Verlauf, sondern durchschnittliche Menschen, die zueinanderfinden, um selbst mal am Rad der Geschichte zu drehen.
Tatsächlich schien Mussawi manchmal mehr das Maskottchen und die Konsensfigur der demonstrierenden Iraner als ihr tatsäch‐ licher Anführer zu sein. Politiker spielen in den Protesten dank neuer Technologien wie SMS‐Ketten oder Twitterfeeds letztendlich eine vergleichsweise untergeordnete Rolle; dieser Tage formieren sich Massen auch ohne Redner mit großer Leichtigkeit.
Vor einigen Wochen konnte man ein Tauziehen zwischen dem Politiker Akbar Hashemi Rafsandschani und den Protestierenden beobachten. Als diese beim Freitagsgebet während Rafsandschanis Rede Zwischenrufe skandierten, mahnte der Geistliche nach Angaben der us‐amerikanischen Web‐ site »Teheran Bureau« als Vertreter des politisch versierten Klerus die jungen Menschen mit strengen Worten zur Ruhe: »Ich drücke es besser aus, als ihr es könnt.« Das beurteilten die bloggenden und twitternden Demonstranten freilich ganz anders.
Eben diese radikal neuen Verhältnisse lassen Elias Canetti wieder so modern erscheinen. Nicht weniger als zwanzig Jahre arbeitete der Autor an Masse und Macht, nachdem er Wien im Jahre 1938 verlassen hatte und nach London ins Exil gegangen war. Sein Interesse galt zuvorderst der amoralischen Menschenansammlung, kaum ihren jeweiligen Anführern. Von Hitler ist in seinem Werk wenig die Rede; Canetti spürte eher den Untiefen der menschlichen Seele nach, die manche Massenbewegung überhaupt erst möglich machen.
Mit nahezu wertfreier Präzision beschreibt der promovierte Chemiker die verschiedenen Arten von Massen und Meuten in der Geschichte: Hetzmassen und Festmassen, Jagdmeuten und Kriegsmeuten, aber auch die bäuerliche Menge, die nur auf Vermehrung aus sei. Wo die Weltgeschichte für Karl Marx gesetzmäßig voranschreitet, schlängelt sich die Canetti’sche Menge unberechenbar und radikal durch die Geschichte, mal als umherschwärmende Love Parade, mal als marodierende Heereskolonne.

Obwohl er studierter Chemiker war, ging Canetti mit dem Thema eher poetisch um. Er deutete die Symbolik der Menschenmassen, etwa die Bedeutung des Waldes und des Heeres für das deutsche Volk. Naturwissenschaftliche Ansprüche hegte Canetti nicht, und dafür ist er auch von rationalistischen Denkern wie Theodor W. Adorno heftig kritisiert worden. Canetti trenne, so der Vorwurf, handfeste Realität zu wenig von imaginärer Wirklichkeit. Da argumentierte freilich der historische Kontrollfreak gegen den Anarchisten der Zeitläufte: Wenn Historie generell nicht als kontrollierbares Experiment gesehen werden kann, ist die Entstehung von Menschenmengen in der Geschichte noch um einiges unberechenbarer als alles andere.

berührungsangst Es gibt wenig ausgearbeitete Thesen bei Canetti, dafür umso mehr Fragen, die sich immer wieder neu stellen lassen. Wofür würde sich der Humanist heute interessieren? Wie würde er die »Allahu Akbar«-Rufe von den Dächern Teherans deuten, aus den Kehlen der Massen, die sich in der Diktatur nicht auf der Straße versammeln dürfen? Wie die Tatsache, dass die neue Technologie das alte Parteiwesen scheinbar überflüssig macht? Werden auch Strippenzieher wie Rafsandschani weniger wichtig?
Ein Lieblingsslogan des neuen Helden Mussawi ist »Freiheit von der Angst«. Nach Canetti ist aber gerade die Herstellung der Angstfreiheit die ureigene Aufgabe der Masse: »Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. Man will sehen, was nach einem greift, man will es erkennen … Nicht einmal die Kleider gewähren einem Sicherheit genug; wie leicht sind sie zu zerreißen … Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt. Es ist die dichte Masse, die man dazu braucht, Körper an Körper gedrängt.«
Für diese Thesen erscheinen die Straßenszenen aus dem heutigen Teheran wie Bilderbuchbeispiele. Auf der bereits erwähnten Website »Teheran Bureau« berichtet ein 64‐jähriger Professor aus Teheran von einer Szene, die an eine antike Phalanx erinnert: »Die Masse sammelte sich in allen Richtungen, so weit das Auge sehen konnte, sie war so dicht, dass die Polizei nur ganz passiv am Rande Spalier stehen konnte.« Andernorts versuchten die paramilitärischen Bassidschi – auf Persisch etwa »Massenmobilisierung« –, diese Geschlossenheit und Vertrautheit zu unterwandern. Von der Verhaftung der Anwältin Shadi Sadr berichtet eine Freundin auf der Website »Meydaan.org«: Aus der Menge seien plötzlich Polizisten in Zivil aufgetaucht, die die Anwältin in ein Auto ohne Nummernschild gezerrt hätten. Ihre Freundinnen schrien auf und versuchten, sie zurückzuhalten. Der Polizist »zog aber auf eine Weise, dass ihr Mantel weggerissen wurde, und wir hielten ihre Hand fest. Dann wurden ihre Bluse und ihre Hosen ebenfalls zerrissen.«
Carl Schmitt, der Kronjurist des nationalsozialistischen Ermächtigungsgesetzes, hat behauptet: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.« In unruhigen Gesellschaften wie dem heutigen Iran entscheidet die Mobilisierung der Massen zwar noch nicht über die Machtbildung, zeugt aber in der ältesten und lautesten Sprache der Menschheit von der Krise des Souveräns.
Und trotz der Schelte Adornos hätte sich Canetti auch heute weiter für die von ihm so genannten unsichtbaren Massen interessiert, die toten Seelen der Menschheit, die seiner Meinung nach seit Menschengedenken immer eine große Rolle gespielt haben. Er hätte sicherlich in seiner Analyse die im Iran vorherrschende schiitische Klagereligion mit der impertinenten Leugnung der Ermordung der Juden Europas zusammengebracht. Ein Politiker wie Mahmud Ahmadinedschad stellt das Leiden der Muslime in den absoluten Mittelpunkt der Geschichte, als dulde dieses Leiden keine Nebenbuhler. Gleichzeitig gibt es kaum einen anderen Machthaber in der muslimischen Welt, der sein Volk so sehr quält. Diese Präsenz religiöser Massen – lebendiger und toter – spielt für Canetti genauso eine Rolle wie die weltlichen Menschenmassen. Der Literaturnobelpreisträger hilft uns, all das zu verstehen – das Metaphysische wie das Rationale, das Religiöse wie das Politische. Die menschliche Geschichte kennt eben keine Naturgesetze, höchstens das immer umstrittene Gesetz Gottes.

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