Gebet

Die Kraft der Worte

von Boaz Spiegel

Die Legende um die Stammmutter Rachel hat viele Herzen erobert. Schon in frühester Kindheit haben viele Menschen diese biblische Erzählung kennengelernt – und sie seitdem in Erinnerung behalten.
Abraham Shalom Yahuda, ein Gelehrter irakischer Herkunft (1877-1951), berichtet davon in seinen Memoiren Als ich Raschi studierte. Er erzählt, wie er auf einer gemeinsamen Reise nach Madrid Max Nordau gegenüber bemerkte, welch kraftvollen Eindruck dieser mit seiner Rede auf dem Ersten Zionistenkongress (Basel, 1897) gemacht habe. Auf dem Kongress hatte Nordau vor tausenden Menschen gesprochen und ihnen die Legende von der Matriarchin Rachel, die um ihre Kinder weint, vorgetragen. Als Yahuda ihn fragte, wie es kam, dass er diese biblische Geschichte kannte, antwortete Nordau, einer seiner Patienten, die er als Arzt in Paris empfing, sei ein jüdischer Junge gewesen, der eine religiöse Schule besuchte. Als Nordau das Kind fragte, was es denn lerne, erzählte ihm der Junge auf Jiddisch die Legende von Rachel, die er in seinem Bibelunterricht gelernt hatte. Nordau fuhr fort: »In dem Augenblick begann ich am ganzen Leib zu zittern; ich umarmte und küsste den Jungen auf die Stirn und sprach zu mir: Ein Volk, das Erinnerungen wie diese über tausende Jahre in Ehren hält und sie in den Herzen seiner Kinder bewahrt, wird nicht untergehen, sondern kann darauf vertrauen, ewig zu leben.«
In der Tat vermittelt die Legende nicht nur die Botschaft der Liebe zu den Juden, zum Land Israel und einen prophetischen Glauben an den Ewigen Einen Israels, sondern ist auch durchdrungen von mehreren wichtigen Lehren, die vom Gebet handeln.
Sie zeigt, dass das Gebet für jeden, der etwas für das Wohlergehen seines Mitmenschen tun will, ein wichtiges und wirksames Werkzeug ist. Denn es heißt von Rachel: »... dass sie ihren Kindern helfen kann.«
Zahlreiche talmudische und midraschische Quellen informieren uns über das Prinzip, dass das Wohlergehen und der Erfolg, ja selbst die Erlösung eines Menschen häufig davon abhängen, dass andere für ihn beten. Zum Beispiel wurde sie von der Unfruchtbarkeit erlöst, wie wir es in Genesis Rabbah (73,3) lesen: »Ihrer wur-
de gedacht aufgrund vieler Gebete.« Die Legende erläutert, dass zusätzlich zu ihren eigenen Gebeten auch Lea, Jakob und seine Konkubinen für Rachel beteten.
Überdies kann es jemandem das Leben retten, wenn für ihn gebetet wird. Betrachten wir das Beispiel Daniels, der in die Löwengrube geworfen wurde. Im Mi-
drasch Tehillim heißt es: »Und wer hat be-
wirkt, dass er gerettet wurde? – ‚Es ist als wären viele mit mir‘, denn selbst Hannaniah, Michael und Asariah beteten für ihn.«
So wird klar, warum die Weisen erklärten: »Jeder, der in der Lage ist, für einen anderen Menschen um Gnade zu bitten, und es unterlässt, ist ein Sünder« (Berachot 12b), denn er beraubt den anderen einer großen und wichtigen Hilfe, die zuweilen einen Menschen sogar vor dem Tod errettet.»
Für jemanden zu beten kann einem Menschen nicht nur das Leben in dieser Welt schenken, sondern auch das Leben in der kommenden Welt.
Der Legende nach gelang es Moses, durch seine Gebete Judas Los in der Nachwelt zu erleichtern und für ihn den Eintritt in die Jeschiwa des Himmels zu ge
winnen, wo Juda «sich dem Lernen nach dem Gesetz hingeben konnte» (Baba Kama 92 a). Ein weiteres Beispiel: Es heißt, Da-
vid betete für seinen Sohn Absalom nach dessen Tod und hob ihn durch seine Gebete «aus sieben Ebenen der Hölle empor», ja «brachte ihn in die kommende Welt» (Sotah 10b). Tatsächlich basiert die ganze Idee des Jizkor-Sagens und des Rezitierens des «Aw Harachamim» für die Toten auf dieser besonderen Macht des Gebets.
So begreifen wir, dass uns im Hinblick auf unsere Familie, Verwandten, Freunde und Bekannten eine große Verantwortung auferlegt ist. Wir werden an der Aufgabe gemessen, ob wir die Weisheit besitzen, für sie zu beten, zeit ihres Lebens und auch nach ihrem Tod. Von nun an sollte auch klar sein, dass das Beten für einen anderen Menschen – für sein leibliches und geistiges Wohlergehen – ein Maßstab dafür ist, ob wir diesen Menschen wirklich lieben.
Es überrascht daher nicht, dass in der rabbinischen Literatur, die sich mit dem persönlichen Gebet befasst, besonderes Gewicht auf die Gebete der Eltern für ihre Kinder gelegt und hervorgehoben wird, dass solche Gebete dem Wesen nach un-
aufhörlich sind. Ihren Höhepunkt erreichte diese Praxis bei unseren Patriarchen und Matriarchinnen, die nicht nur für ihre eigenen Kinder beteten, sondern für alle ihre Nachkommen, für das gesamte jüdische Volk. Viele Stellen in den Schriften der Weisen berichten davon. Sie sagen auch, dass die biblischen Stammväter und -mütter nicht nur im Leben ausgiebig für alle künftige Generationen gebetet haben.
Auch nachdem sie aus dieser Welt geschieden waren, fuhren sie fort, den Herrn für ganz Israel zu bitten. So wie die Legende von Rachel, die hunderte Jahre nach ihrem Tod um ihre «Kinder» weinte, es schildert.
Der Baal Schem Tow und seine Schüler lehrten uns, dass tatsächlich kein Gebet unerhört bleibt. Vielmehr hat jedes Gebet eine Wirkung und ist auf irgendeine Weise hilfreich. Wenn nicht direkt für das, worum gebeten wurde, dann für etwas anderes. Und wenn nicht für denjenigen, der betet, dann für andere. Und wenn nicht in dieser Welt, dann im Himmel.
Auch in jüngerer Zeit haben Rabbiner diesen Ansatz weiter verfolgt. Zum Beispiel Israel Jacob Kanievsky: «Manchmal erlebt man, dass ein ganz einfaches Haus einen gerechten und gelehrten Menschen hervorbringt. Und das allein aufgrund der Tatsache, dass seine Großmutter ihr Herz im Gebet ausschüttete und Tränen vergoss, wenn sie darum bat, sie möge die Freude erleben dürfen, Kinder zu haben, die gelehrt sind in der Tora. Und wenn ihr Flehen für ihre Söhne vergeblich war, so half es den Enkelsöhnen. Daher erkennen wir, dass letztendlich kein Gebet unerhört bleibt.»
Die Idee, dass Gebete für die Kinder zuweilen nicht den Kindern selbst, sondern erst den Kindeskindern helfen, ist auch in unserer Legende von Rachel vorhanden. Rachel betete für die Verbannten aus Jerusalem und Juda. Und obgleich der Herr ihr Gebet erhörte, erfüllte sich sein Versprechen («Sie werden zurückkehren aus dem Feindesland / Die Söhne werden zurückkehren in ihre Heimat») für die Verbannten selbst nicht, sondern erst 70 Jahre später für ihre Kinder und Enkelkinder.
Dieses Prinzip wirft ein neues Licht auf alle Ereignisse, bei denen die sie begleitenden Gebete scheinbar nichts bewirkten. Auch für alle Diskussionen und Untersuchungen, die über die Wirkung von Gebeten angestellt werden, ist es von großer Tragweite. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gebete auch jenseits ihrer Zeit und ihres Ortes Wirkung zeitigen. Daher darf die Antwort des Herrn auf unsere Gebete nicht nur für die unmittelbare Zukunft und im Verhältnis zu den direkt Betroffenen gesehen werden. Vielmehr muss sie über viele, viele Jahre, vielleicht sogar über Generationen hinweg und im Hinblick auf das ganze jüdische Volk ausgewertet werden. Eine solche Untersuchung übersteigt unsere Fähigkeiten. Nicht ohne Grund lehrt Rabbi I. J. Kanievsky: «In künftiger Zeit wird uns alles offenbart – all die Wohltätigkeit und Erlösung, die jedes Gebet von jedem Einzelnen von uns bewirkt hat.»

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Fakultät für Jüdische Studien der Bar-Ilan-Universität, Ramat-Gan/Israel.

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