Jom Haschoa

Die große Stille

von Sabine Brandes

Alles stand still. Einzig der Ton der Sirene schrillte durch das Land. Am Montagmorgen um zehn Uhr erinnerte Israel an seinem nationalen Gedenktag Jom Haschoa an die von den Nazis ermordeten Juden. Kein Auto fuhr, kein Spaziergänger setzte einen Fuß vor den anderen, keine Maschine wurde bedient, keine Ware verkauft, kein Lied im Radio gespielt. Die Menschen standen stumm und senkten ihre Köpfe. Sie gedachten der Schoa. Die Fahnen auf Halbmast wehten lautlos im Frühlingswind.
Nach der Schweigeminute stiegen Schüler, Studenten, Parlamentsabgeordnete, Arbeiter und Angestellte an den verschiedensten Orten des Landes auf Podeste und verlasen die Namen der Opfer. »Ruth Levi, geboren in Polen, getötet in Auschwitz.« Von der Knesset in Jerusalem bis zum kleinen Kibbuz im Golan gaben die Lebenden den Toten ihre Namen wieder. »Denn es geht nicht um Zahlen, es wa-
ren Menschen«, sagte Revital Cohen, Lehrerin in Raanana, »und hinter jedem steht ein Schicksal mit einer eigenen Welt. Daran müssen wir immer wieder erinnern.«
Am Abend zuvor wurde Jom Haschoa mit einer Zeremonie in Yad Vashem eröffnet. Kurz davor hatte es einen Eklat gegeben, der die ohnehin wenig freundschaftliche Beziehung zwischen Israel und dem Vatikan noch weiter belasten dürfte. Antonio Franco, Botschafter des Kirchenstaates in Israel, hatte sich zunächst geweigert, an der offiziellen Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Stein des Anstoßes waren die Zeilen unter einem Porträt Papst Pius XII. im Holocaust-Museum. Avner Shalev, Vorsitzender von Yad Vashem, schrieb nach der Absage an den Gesandten: »Ich bedauere, dass Sie das Gedenken an den Holocaust und die Opfer mit einer historischen Debatte verquicken.« Franco zog seine Entscheidung zurück und nahm teil.
Während der Zeremonie entzündeten sechs Holocaust-Überlebende Fackeln, die symbolisch für die sechs Millionen ermordeten Frauen, Männer und Kinder stehen. Tommy Lapid, einst Knessetabgeordneter und selbst Überlebender, mahnte die Gesandten aus aller Welt, nicht zu vergessen: »Die Schoa ist einzigartig in der Geschichte, doch haben wir danach noch andere Völkermorde erlebt. Biafra, Kambodscha, Ruanda. Und jetzt müssen wir alle gegen das Morden in Darfur aufschreien.«
Nicht vergessen werden – das wünschen sich alle der etwa 250.000 Schoa-Überlebenden, die heute in Israel zu Hause sind. Doch tatsächlich ist oft das Ge-
genteil traurige Realität. Trotz der vielen gewissenhaften Worte am Jom Haschoa leben die Menschen, die unermessliches Leid erfahren mussten, nicht selten in bitterer Armut. Wie Avri Michal, der nur einen Arm und ein Bein bewegen kann. Als 17-jähriger Junge kam er in Israel an, nachdem er der Nazi-Hölle nur knapp entronnen war. Doch der jüdische Staat ist ihm keine Hilfe. Jüngst verweigerte das Gesundheitsministerium dem 75-Jährigen einen elektrischen Rollstuhl. Begründung: »Diese Stühle gibt es nur für Menschen unter 65, die außerhalb des Hauses aktiv sind.« Michal musste einen Kredit aufnehmen, um nicht Gefangener in seiner Wohnung zu sein. Wie er ihn zurückzahlen soll, weiß er nicht.
Der Mann ist kein Einzelfall. Fast 180.000 Schoa-Überlebende erhalten keinerlei staatliche Unterstützung, ein Drittel von ihnen muss ihr Dasein unterhalb der Armutsgrenze fristen. »Dies ist der hässlichste Fleck auf Israels Antlitz«, schrieb die Tageszeitung Haaretz am Montag. Nach einer Anhörung im Parlament zu diesem Thema beschloss der Minister für Soziales, Isaac Herzog, umgehend ein Team einzusetzen, dass sich speziell mit der Situation der Überlebenden beschäftigt. Es müsse eine fundamentale Änderung im Umgang mit ihnen stattfinden, so der Minister. Mithilfe des Finanzministeriums soll das Budget für die Versorgung aufgestockt werden. Hehre Ziele, für deren Umsetzung nur noch verschwindend wenig Zeit bleibt.

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