Tag des Lernens

Die geheimnisvolle Vier

von Michaela Golzmann

In der Brunnenstrasse wird noch gebaut. Aber am vergangenen Sonntag sind es nicht die Handwerker, die geschäftig an der Renovierung und Restaurierung der Skoblo-Synagoge und des ganzen Gebäudekomplexes des Lernzentrums arbeiten. Diesmal »arbeiten« die Schüler der »Yeshivas Beis Zion« des Lauder Colleges. Hastig wandern sie über den Hof von einem Raum zum anderen. Denn bald ist Pessach, und sie wollen die Gelegenheit nutzen, den aus England, Russland und anderen Ländern angereisten Rabbinern bei ihren Ausführungen zum Auszug aus Ägypten zu lauschen.
Josh Spinner, Rabbiner der Lauder Foundation und Initiator des Lernzentrums, steht voller Verwunderung über den Trubel mitten auf dem Hof und versucht zu dirigieren. Er zeigt, erklärt und hilft den Besuchern, ihren Platz zu finden.»Ich bin immer noch jedes Mal außer mir vor Glück, wenn ich sehe, was hier entsteht«, sagt er freudestrahlend. Er bittet nun die Anwesenden hinein. Das Lernen beginnt.
Die Erläuterungen werden in deutscher, englischer und russischer Sprache gehalten. Die deutsche Version des Vortrags hält der in Mannheim geborene Rabbiner Shmuel Macner, der als Teenager nach Israel gereist war, um in einer Jeschiwa zu lernen. Nachdem er in den Jeschiwot Ofakim und Mir in Jerusalem studiert hatte, erhielt er seine Rabbiner-Smicha und kehrte nach Europa zurück, um sich mit jüdischer Ausbildung zu beschäftigen. Er arbeitete als Direktor von jüdischen Schulen in Basel, Luzern und Antwerpen.
»Die geheimnisvolle Vier«, begann Macner seinen Vortrag, »was bedeutet diese Zahl im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten und dem Sederabend?« Macner erläuterte, dass die Vier in der Pessach-Haggada und den Schriften über Pessach und seinen Traditionen in verschiedenen Zusammenhängen vorkomme. Die Zahl sei eine Art Mittelpunkt, um den sich Themen, Ideen, Sprüche und Kommentare drehen.
Das Trinken von vier Bechern Wein beim Seder wurde zum Beispiel aus der Tora abgeleitet: »Ich hatte den Becher des Pharao in meiner Hand und nahm die Beeren; ich presste sie in den Becher des Pharao und reichte dem Pharao den Becher. Das sprach Josef zu ihm: Dies ist die Deutung: Die drei Ranken bedeuten drei Tage. Nach drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich wieder in dein Amt einsetzen. Du wirst dem Pharao seinen Becher reichen so wie früher, als du sein Mundschenk warst.« Das Wort Becher erscheint in der biblischen Textpassage
(1. Buch Moses 40, 11-13) vier Mal. Daher hätten die Weisen angewiesen, zum Sedermahl vier Gläser Wein zu trinken.
Die vier Fragen, die am Pessachabend am Sedertisch gestellt werden sollen, seien ursprünglich auch deshalb in die Haggada eingearbeitet worden, um gerade die Zahl Vier zu betonen, ergänzt Marcner.
Die vier Söhne der Haggada repräsentieren die vier wichtigsten Persönlichkeitstypen: den Weisen, den Bösen, den Einfachen und denjenigen, der nicht zu fragen versteht. Der Weise beschäftige sich mit den Pessachvorschriften, um sie zu lernen. Der Böse entfernt sich aus der Gemeinde Israels und verwirft die Pessachgesetze. Der Einfache will ganz allgemein wissen, was an Pessach besonders sei. Und schließlich sei es Pflicht der Gläubigen, so Macner, demjenigen, der nicht zu fragen versteht, alles zu erklären.
Nicht zuletzt spielte auch im Leben Moses die Vier eine wichtige Rolle. Schließlich sei sein Wirken erst durch vier Frauen möglich geworden, erläuter Macner. Die eine sei Jochwed, Mutter von Moses. Sie war es, die auf dem Höhepunkt der ägyptischen Unterdrückung den Mut gehabt habe, ein Kind zur Welt zu bringen. Die zweite Frau war Mirijam, die Schwester von Moses. Sie hatte über Moses gewacht, als er im Korb den Fluss hinunter getrieben sei, bis er von der Tochter des Pharaos aufgenommen wurde.
»Die dritte Frau war die Tochter des Pharaos, die gemäß der Überlieferung Batya hieß. Sie hatte den Mut gehabt, ein israelitisches Kind zu retten und es als ihr eigenes im Palast aufzuziehen.« Die vierte im Bunde war Zipporah, Moses Frau. »Sie hat Moses die Vollkommenheit zwischen Mann und Frau gelehrt«, so Macner. Schließlich besteht auch das hebräische Wort für Vollkommenheit aus vier Buchstaben.
Vollkommen sind die Räume der »Yeshivas Beis Zion« und der Skoblo Synagoge zu diesem Pessachfest noch nicht. »Mit der Fertigstellung rechnen wir im kommenden Jahr«, sagt Rabbiner Spinner. »Wir sind zwar noch nicht fertig, aber fangen mit dem Lernen schon mal an.«

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