Zerstörung

Die ersten Opfer der Kreuzzüge

von Daniel Jütte

Es ist viel geschrieben worden über die Katastrophe, die die jüdischen Gemeinden am Rhein im Jahr 1096 heimsuchte. Eine »große Verdunkelung der Epoche« hat beispielsweise Max Brod, Kafkas Freund und Mitstreiter, die fast gänzliche Verwüstung des rheinischen Judentums genannt. Hebräische Dichter wie Tchernichowsky haben die blutigen Ereignisse thematisiert. Doch was genau geschah 1096, als das aufgebrachte Kreuzzugsheer die drei großen blühenden jüdischen Gemeinden Worms, Speyer und Mainz erreichte? Warum eskalierte die Situation?
Die nichtjüdische Chronistik aus der Zeit der Kreuzzüge weiß wenig über das Entsetzen der jüdischen Nachbarn zu berichten. Bis heute ist die Geschichtswissenschaft für die detaillierte Rekonstruktion der Ereignisse auf drei hebräische Berichte angewiesen. Über deren Verfasser wissen wir wenig: Nur einer von ihnen, Elieser bar Nathan, ist der Nachwelt näher bekannt. Er zählt zu den bedeutenden jüdischen Dichtern des 12. Jahrhunderts. Hingegen ist vom Autor der Chronik II wenig mehr als der Name, Salomo bar Simson, überliefert. Der Autor von Chronik III, dessen Biographie im Dunkeln liegt, wird in der Forschung als »Mainzer Anonymus« bezeichnet. Gemeinsam ist den drei Autoren vieles, vor allem ihre Einigkeit in jenem Punkt, der die Nachwelt bis heute entsetzt: Die vom aufgepeitschten Kreuzfahrerheer bedrängten Juden optierten reihenweise dafür, sich und ihre Angehörigen zu töten oder widerstandslos vom Mob hinschlachten zu lassen. Die dadurch angestrebte »Heiligung des göttlichen Namens« (Kiddusch ha-Schem) galt den meisten von ihnen als Beweis von Frömmigkeit und Gottergebenheit. Die von den Kreuzfahrern zynisch angebotene Wahl zwischen »Tod und Taufe« war der Mehrheit der Juden zuwider.
In einer der Szenen, die allen drei jüdischen Chronisten gemeinsam ist, wird diese Verweigerungshaltung drastisch beschrieben: »Und danach warfen sie (die Kreuzfahrer) sie (die Juden) aus den Gemächern nackt durch die Fenster, Berge über Berge, Haufen über Haufen, bis sie hoch aufgetürmt waren. Und viele von den Angehörigen des heiligen Bundes machten Zeichen mit den Fingern: ‚Gebt uns Wasser zu trinken’. Als die Irrenden (die Kreuzfahrer) dies sahen, stellten sie ihnen die Frage: ‚Wollt ihr euch beschmutzen (hier für: taufen) lassen’? Sie aber schüttelten die Köpfe und blickten auf ihren himmlischen Vater, womit sie besagten: ‚Nein’!, und deuteten mit den Fingern auf den Heiligen, gelobt sei Er; da töteten die Irrenden sie.«
Die Kreuzfahrer und Bürger hatten diese Standhaftigkeit nicht erwartet. Ihre Anführer hatten ursprünglich vor allem darauf gezielt, beim Heereszug nach Jerusa- lem von den auf dem Weg liegenden jüdischen Gemeinden hohe Geldsummen zu erpressen. Doch vor allem im Angesicht der jüdischen Opferbereitschaft gewann religiöse Ereiferung unter den Kreuzfahrern überhand. Nachdem sie auf ihrem Zug durch Worms und Speyer eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hatten, erreichten sie Mainz. Die Situation verschärfte sich zunehmend: Der Bischof von Mainz, der anfangs die Juden seines Schutzes versichert hatte, gab schließlich den Kreuzrittern nach. Allein in Mainz sollen daraufhin 1.300 Juden gestorben sein, die meisten von eigener Hand. Die drei jüdischen Chronisten sparen nicht an grausamen Details und berichten in einem unerbittlichen Stakkato beispielsweise von Eltern, die sich und ihre Kinder vor dem Toraschrein hinschlachteten oder zerschmetterten.
Der israelische Historiker Israel Yuval hat in jüngerer Zeit vermutet, daß diese ungeahnte Opferbereitschaft wiederum in der nichtjüdischen Bevölkerung zu der Auffassung führte, daß Juden aus religiösen Gründen ihre Kinder töten und somit auch vor dem Ritualmord an christlichen Kindern nicht zurückschrecken würden. Daß die verachteten »Mörder des Heilands« lieber den Opfertod als die Taufe wählten, erschütterte das christliche Weltbild zweifellos tief. Doch auch im Judentum gab es offenbar Skepsis gegenüber der Theologie des »Kiddusch ha-Schem«: Das sefardische Judentum hat jedenfalls, auch in späteren Zeiten größter Not, keine vergleichbare martyrologische Tradition gekannt.
Tradition freilich hängt eng mit Überlieferung zusammen, und hier verschafft eine Studie von Eva Haverkamp erstmals wichtige und grundlegende Einsichten. Haverkamp hat Geschichte und Jüdische Studien in Köln, Jerusalem und Konstanz studiert und lehrte danach unter anderem an der amerikanischen Rice University. Die Studie verspricht zunächst vor allem eine deutsche Übersetzung der drei maßgeblichen jüdischen Chroniken: Denn sowohl die Übersetzung wie auch Textgestalt in der bisherigen Standardausgabe von 1892 waren durchaus nicht fehlerfrei, wie die Historikerin nachweist. Haverkamps umfangreicher Band bietet jedoch weit mehr. Die augenfälligen Überschneidungen zwischen den Chroniken werden plausibel erklärt: Haverkamp nimmt an, daß alle drei Chroniken in Mainz enstanden und zwar kurz nach den Ereignissen. Die anonyme Chronik III diente dabei den geringfügig jüngeren Berichten als Vorbild. Ein von Haverkamp als Text »Phi« bezeichneter Urbericht muß als verschollen gelten. Schließlich dürfte auch »oral history« von Bedeutung gewesen sein: Für die Arbeit an Chronik I hat der Autor überlebende Zeitzeugen befragt.
Über die Rezeption der Chroniken in den nächsten zwei Jahrhunderten ist wenig Gesichertes bekannt. Die früheste erhaltene Abschrift stammt aus dem 14. Jahrhundert. Mit großer Akribie hat Haverkamp die erhaltenen Manuskripte, in denen die Chroniken überliefert sind, gesichtet. Diese lagern heute unter anderem in Straßburg, Moskau und Oxford. Der Aufwand hat sich gelohnt: Es wird deutlich, daß die Berichte über die Greuel von 1096 noch Jahrhunderte später vor allem dann im rheinischen Judentum abgeschrieben wurden, wenn sich Bedrohungen für die jeweilige jüdische Gemeinde am Horizont zeigten. Daß das 20. Jahrhundert die Dimension des Schreckens in der jüdischen Geschichte noch erheblich weiten sollte, konnten weder die Leser noch die damaligen Schreiber wissen.

eva haverkamp (hrsg.): hebräische berichte über die judenverfolgungen während des ersten kreuzzugs
Monumenta Germaniae Historica, Hebräische Texte, Bd. 1, Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2005, 626 S., 130 €

Glosse

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