USA

Die Bahnbrecherin

von Jill Huber

Nach 25 Jahren als religiöse Leiterin der Monmouth-Reformsynagoge wird Sally J. Priesand einen neuen Titel annehmen. Mit ihrer Pensionierung im Juni wird sie emeritierte Rabbinerin. »Die Pensionierung bedeutet eine große Veränderung in meinem Leben. Ein neues Haus und ein Karrierewechsel liefern eine Menge Stoff zum Nachdenken«, sagt Priesand.
Der Weg zum Rabbinat begann für Priesand als junges Mädchen in Cleveland. Als sie 1962 mit sechzehn beschloß, Rabbinerin zu werden, erhielt sie von den Eltern ein unschätzbares Geschenk. »Sie gaben mir den Mut zu träumen und etwas zu wagen«, erzählt Priesand. Später wurde sie als erste Rabbinerin des Landes gefeiert, doch stand im Beginnn nicht die Absicht, Pionierin der Gleichberechtigung zu sein. »Ich wollte nicht deshalb Rabbinerin werden, um als Vorkämpferin der Frauenemanzipation gerühmt zu werden«, sagt sie. »Ich wollte einfach Lehrerin des Judentums werden. Das war meine Motivation.«
Als sie ihr rabbinisches Studium am Hebrew Union College (HUC) begann, gab es kein Begrüßungskomitee, das sie willkommen hieß. »Die meisten schenkten mir überhaupt keine Beachtung. Sie dachten, ich sei gekommen, um einen Rabbiner zu heiraten, nicht um Rabbinerin zu werden«, erinnert sich Priesand. Sie war die einzige Frau in der Klasse, zusammen mit 35 Männern. Unterstützung erhielt sie von Nelson Glueck, dem Präsidenten des Instituts, der die Ordination von Frauen befürwortete. Nach und nach begannen auch ihre Kommilitonen, sie anzuerkennen. Wenn sie mit Leuten zu tun hatte, die gegen ihre Ordination waren, verließ sie sich auf ihren Sinn für Humor. »Wenn jemand mich angriff, bedankte ich mich höflich für seine Meinung und ging weg«, sagt Priesand.
Sie wurde im Juni 1972 am HUC ordiniert. Neben ihrem Magister in Hebräisch machte sie den Bachelor in Anglistik an der Universiät von Cincinnati. 1973 erhielt sie die Ehrendoktorwürde in Humanwissenschaften an der Florida International University und 1997 den Ehrendoktor für Theologie am HUC.
Während ihres letzten Jahres am College und im ersten Jahr ihres Rabbinats baute Priesand ihre kommunikativen Fähigkeiten beträchtlich aus. »Die Leute sollten selbst sehen, daß ich menschlich war«, sagt sie und lacht. »Ich hielt Reden an Synagogen im ganzen Land, hinzu kamen Medieninterviews und Pressekonferenzen auf Flughäfen.« Priesand wollte immer lieber Gemeinderabbinerin sein als Erzieherin an einer Religionsschule. Doch es war nicht leicht, eine Anstellung zu finden. Einige Synagogen weigerten sich, ihr überhaupt ein Vorstellungsgespräch zu gewähren, und andere wollten sie bloß wegen ihrer Berühmtheit, erzählt sie.
Schließlich kam Priesand an die Stephen-Wise-Free-Synagogue in New York, wo sie sieben Jahre als Hilfsrabbinerin und danach als assoziierte Rabbinerin diente. Von 1979 bis 1981 arbeitete sie an der Beth-El-Synagoge in Elizabeth und war als Kaplanin am Lenox Hill Hospital in Manhattan tätig. Und dann kam sie an die Monmouth-Reform-Synagoge.
Seit Priesands Ordination zur Rabbinerin hat die Reformbewegung tiefgehende Veränderungen durchlebt. Ein hoher Prozentsatz der Rabbiner sind heute Frauen, und sie sind religiöse Leiterinnen in Gemeinden im ganzen Land, obwohl sie an den großen Synagogen immer noch unterrepräsentiert sind. Darüber hinaus nehmen Frauen an den Fakultäten der Rabbinerschulen hohe Positionen ein, sagt sie. Die von ihr verkündetete Revolution auf der Kanzel hatte Wirkung auch auf die anderen Richtungen des Judentums. Die Reconstructionist-Bewegung ordinierte ihre erste Rabbinerin 1977, bei den Konservativen war es 1983 das erste Mal.
Erst im Mai erhielt auch eine orthodoxe Gelehrte in Israel, Haviva Ner-David, die ur- sprünglich aus Amerika stammt, von einem orthodoxen Rabbiner das Smicha. Obwohl der Rabbiner erklärte, das Dokument bedeute nicht, daß sie in der orthodoxen Welt als Rabbinerin anerkannt würde, bescheinigt es, daß sie das gesamte Material gemeistert hat, das die Männer studieren, um die Ordination zu erhalten.
So die Zeit es zuläßt, hat Priesand die Absicht, in Monmouth County ein Kollel, ein Zentrum für jüdische Studien für Erwachsene, einzurichten. Sie plant, künftig Vorträge zu halten und ihr Talent als Aquarellmalerin zu pflegen. »Es war meine Entscheidung, in den Ruhestand zu gehen. Ich glaube, ein Rabbiner sollte wissen, wann es Zeit ist zu gehen, und wann die Zeit gekommen ist, dem Synagogenleben frisches Blut einzuspritzen«, sagt Priesand.
»Als Rabbinerin im Ruhestand werde ich weiterhin Teil der Synagogenfamilie sein. Meine Zeit hier war die Erfüllung meines Traums, als Gemeinderabbinerin zu arbeiten. Nur aus diesem Grund habe ich das Rabbinerseminar besucht. Der Monmouth-Tempel war immer offen für neue Ideen und den Kontakt nach außen. Eine bessere Arbeitsatmosphäre kann es gar nicht geben.«

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