Sebastian Turner

»Die Alarmglocken gingen nicht an«

Herr Turner, Tchibo und Esso mussten nach Protesten ihre Werbekampagne »Jedem den Seinen« stoppen. Hat man nicht gewusst, dass der Spruch belastet ist – er stand am Eingang des KZs Buchenwald – oder war das ein Spiel mit Tabus?
turner: Große, populäre Familienmarken meiden nichts so sehr wie Tabus. Es ist ganz sicher einfach übersehen worden. Die Apparate sind klein. Und die Entwürfe werden schnell zwischen zwei Besprechungen per E-Mail abgestimmt. Den Beteiligten ist das jetzt ganz sicher vor allem peinlich. Das erkennt man an der Reaktion: Wer provozieren will, zieht nicht – wie in diesem Fall geschehen – sofort zurück.
»Jedem das Seine« scheint in der deutschen Werbewirtschaft besondere Popularität zu genießen. 1998 warben Nokia und Rewe damit, 1999 die Münchener Merkur Bank. Woher diese Faszination?
turner: Der Satz drückt einen Trend aus, der heute ein gesellschaftliches Ideal ist: die Individualität. Das ist paradoxerweise ein Gegenteil der Naziideologie, und deshalb gehen auch nicht bei jedem sofort die Alarmglocken an, wenn er die Formulierung hört. Zur Einordnung muss man sagen: Bei den durch die NS-Zeit verbrauchten Formulierungen gibt es Eigenschöpfungen wie den Auschwitz-Satz »Arbeit macht frei« und Umdeutungen wie Platons »Jedem das Seine«. Bei vielen Umdeutungen ist allerdings kaum noch bekannt, dass die Nazis das Wort missbraucht haben. Im »Wörterbuch des Unmenschen« finden Sie auch »betreuen« oder »Kulturschaffende« oder »Zeitgeschehen«. Unter dem Titel »Jedem das Seine« finden Sie heute auch ein Buch von Henryk M. Broder, eine Biografie über Friedrich den Großen, einen Comic-Band von Hägar oder eine Studie bei Suhrkamp über Frauenarbeit in Guatemala.

Wenn sich die aktuelle Aufregung gelegt hat – wie lange wird es dann wohl dauern, bis wieder jemand mit diesem oder ähnlichen Slogans wirbt?
turner: In der Werbeszene ist dieser Fall so stark beachtet worden, dass es jetzt erst einmal zum Allgemeinwissen gehören dürfte, dass diese Formulierung Menschen verletzen kann. Vielleicht führt das auch zu etwas Gutem und inspiriert dazu, eine Website der verbrauchten Worte einzuführen, das aktuelle Wörterbuch des Unmenschen.

Mit dem Werbeprofi und Professor an der Berliner Universität der Künste sprach Michael Wuliger.

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert